Fehler im deutschen System Wider die akademische Vetternwirtschaft

Guttenbergs Versuch einer Promotion ist peinlich - auch und besonders für den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Ausflüchte der Uni Bayreuth zur Titelaberkennung beweisen, woran das deutsche Promotionswesen krankt: Stets prüfen jene, die an der Arbeit selbst beteiligt sind. Das muss aufhören.

Ein Kommentar von Dirk Matten

Ex-Doktor Guttenberg: "Seine Gutachter waren dumm oder faul"
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Ex-Doktor Guttenberg: "Seine Gutachter waren dumm oder faul"


Die Häme um die Schummeleien des Verteidigungsministers in seiner Doktorarbeit lässt einen besser verstehen, warum "Schadenfreude" als eines der wenigen deutschen Wörter Eingang in die englische Sprache gefunden hat.

Welche Konsequenzen eine weitgehend zusammenkopierte Arbeit für Karl-Theodor zu Guttenberg haben soll, darüber kann und sollte weiter debattiert werden. Vor lauter Schadenfreude über den Skandal um den gegelten Polit-Star wird in der deutschen veröffentlichten Meinung allerdings weitgehend übersehen, dass wir eine Gruppe von Schuldigen schon jetzt mit Sicherheit kennen. Und dass der Vorgang für diese Individuen und deren Institutionen schon jetzt harsche Konsequenzen haben sollte.

Ich spreche von Guttenbergs Gutachtern, von seinen Lektoren des Verlags Duncker & Humblot - und vielleicht von dem deutschen Wissenschaftssystem im Allgemeinen. Wenn ein junger Wissenschaftler der Uni Bremen in einer Rezension (bei der man normalerweise nicht jede Zeile durchleuchtet) schon beim Überfliegen heftigste Déjà-vu-Erlebnisse hat, muss man fragen, warum Guttenbergs Erst- und Zweitgutachter seinerzeit nichts aufgefallen ist.

Es gibt nur zwei Optionen: Entweder die Herren Professoren hatten, wie so viele ihrer Kollegen mit Erreichen des Beamtenstatus, seit Jahren aufgehört, wissenschaftlich zu arbeiten, und hatten deshalb nicht den blassesten Dunst über das Wissensgebiet ihres Doktoranden. Wie sonst könnte ihnen schon in der Einleitung das Auftauchen eines Artikels der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" entgangen sein (wir sprechen ja noch nicht einmal über entlegene juristische Fachzeitschriften)? Die andere Option ist natürlich, dass seine Gutachter die Arbeit nicht wirklich gelesen haben. Mit anderen Worten - seine Gutachter waren entweder dumm oder faul. Beides keine schmeichelhaften Attribute.

Totalversagen der Prüfer und der Lektoren

Wie immer wir es drehen, in jedem Fall trifft beide Gutachter der Vorwurf eines schweren Dienstvergehens. Von daher ist es nicht überraschend, dass die Universität Bayreuth zwar nun Guttenberg den Titel entzogen hat, aber angesichts des Versagens ihrer Professoren und Gremien alle denkbaren Ausflüchte heranzieht.

Die Pressekonferenz am Mittwochabend hätte dies nicht peinlicher demonstrieren können. Die Kommission, die sich mit dem Fall auseinandergesetzt hat, bestand ausschließlich aus Bayreuther Professoren. Conflict of Interest nennt man so etwas im internationalen Wissenschaftsbetrieb. Es ist nur zu verständlich, dass eine solche Kommission kein gesteigertes Interesse hat, die eigenen Kollegen oder gar die eigene Fakultät oder Universität in Verlegenheit zu bringen. Die ganze Schuld auf den delinquenten Doktoranden abzuwälzen, ist da nur allzu wohlfeil.

Wenn Guttenberg jetzt ziemlich lächerlich dasteht, dann umso mehr auch sein Verlag Duncker & Humblot. Unter deutschen Juristen eine Prestigeadresse, kann man davon ausgehen, dass Guttenberg einen heftigen Druckkostenzuschuss berappt hat. Das ist bei Dissertationen in Deutschland üblich. Darüber hinaus jedenfalls haben der Verlag und seine Lektoren jedoch wenig unternommen. Renommierte internationale Verlage wie zum Beispiel Oxford- oder Cambridge University Press lassen nichts in Druck, was nicht von ein paar Fachkollegen von anderen Universitäten blind begutachtet wurde. Der Fall macht wieder einmal deutlich, warum das deutsche Wissenschaftssystem, jedenfalls in den Sozial- und Geisteswissenschaften, immer noch international ein Treppenwitz ist.

Schluss mit akademischer Vetternwirtschaft, her mit echten Prüfern

Der Skandal um Guttenbergs Doktorarbeit ist in jedem Fall ein Skandal um das deutsche Wissenschaftssystem und seiner Institutionen. Bei aller Konzentration auf den Minister und sein Fehlverhalten sollte das nicht übersehen werden. Meines Erachtens sind - neben Konsequenzen für die Verantwortlichen - einige tiefgreifende Reformen des deutschen Wissenschaftsbetriebs dringend angeraten.

Erstens, das System, in welchem der Betreuer einer Dissertation zugleich der Prüfer/Gutachter (und, im Falle eines Assistenten, auch der Linienvorgesetzte) ist, entspricht keinem denkbaren Standard für die unabhängige Erstellung und Prüfung wissenschaftlicher Arbeit. Es lädt ein zu Nepotismus, Ausbeutung und Gefälligkeitsgutachten. Kein ernstzunehmendes Wissenschaftssystem im internationalen Raum erlaubt diese absurde Konstellation.

Zweitens, der Betreuungsprozess eines Doktoranden kann nicht nur darin bestehen, nach sieben Jahren sein Manuskript zu lesen. Im angloamerikanischen System liest der Betreuer zig Entwürfe der Dissertation, und die Fehler des Guttenberg würden somit schon viel früher sichtbar. In Deutschland gibt es kein System, welches den/die Doktorvater/-mutter dazu verpflichtet, einen wirklichen Betreuungsprozess ernst zu nehmen.

Drittens, Veröffentlichungen von wissenschaftlicher Arbeit müssen in jedem Fall einem Blind-Begutachtungsprozess unterzogen werden. Das gilt sowohl für Bücher als auch für Aufsätze. Beides steckt in Deutschland, jedenfalls in den Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften, in den Kinderschuhen.

Die Reformen der Schröder/Fischer-Regierung hatten hier vor einem Jahrzehnt grundsätzlich wesentliche Besserungen auf den Weg gebracht. Der Fall Guttenberg bestätigt allerdings eine Erkenntnis der Organisationssoziologie: Alteingeschliffene Praktiken in Institutionen überdauern stärker, als das kurzfristige Politikreformen par Ordre de Mufti sie zu verändern vermögen. Hier muss die deutsche Wissenschaftspolitik weiter dranbleiben.

In den USA wäre der Feierabend-Doktorand Guttenberg nicht durchgekommen

Man kann sich gute Gründe vorstellen, dass Guttenberg in der Tat weder einen Ghostwriter benutzt hat noch arglistig zu täuschen versucht hat. Viele meiner Fachkollegen arbeiten ähnlich wie er. Zunächst stellt man ein grobes Gerüst eines Manuskripts zusammen, und das elektronische Zeitalter macht es nur allzu leicht, erst einmal alles Relevante in der Literatur per Copy & Paste in einem Dokument zu vereinigen. In weiteren Iterationsschleifen kann man dann entscheiden, was wörtlich, was sinngemäß oder was gar nicht benutzt wird (und es entsprechend kenntlich machen, natürlich) und entsprechend das eigene Argument aufbauen.

Für einen Feierabend-Doktorand wie Guttenberg liegt ein solches Vorgehen nur allzu nahe. In der Hektik des Erreichens eines Abgabetermins kann dann manches übersehen oder vergessen werden. Und mal ehrlich: Welcher Wissenschaftler würde, Hand aufs Herz, behaupten, er habe nicht mal Fünf gerade sein lassen?

Im angloamerikanischen Wissenschaftssystem sind allerdings Checks and Balances eingebaut, dass so etwas eben nicht durchkommt. Externe, unabhängige Dissertationsgutachter sitzen im Prüfungsgremium eines Doktoranden und finden in der Regel gnadenlos die Schwächen raus - oft zum Entsetzen des potentiellen Doktorvaters. Und seriöse Verlage und Fachzeitschriften drucken nichts, was nicht einen unabhängigen Blindbegutachtungsprozess durchlaufen hat.

Guttenbergs gibt es zuhauf auf der ganzen Welt. Wie immer wir über ihn urteilen - jedenfalls fand er ein Wissenschaftssystem vor, welches zu seinem Dilettantismus geradezu eingeladen hat. Das entschuldigt den Minister nicht. Was wir aber mit Sicherheit wissen, ist, dass die Kollegen der Bayreuther juristischen Fakultät sich eines schweren professionellen Versagens schuldig gemacht haben. Und dafür sollten sie zur Rechenschaft gezogen werden.

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insgesamt 381 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 27.02.2011
1. absolut richtig
Zitat von sysopGuttenbergs Versuch einer Promotion ist peinlich* - auch und besonders für den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Ausflüchte der Uni Bayreuth zur Titelaberkennung beweisen, woran das deutsche Promotionswesen krankt: Stets*prüfen jene, die an der Arbeit selbst beteiligt sind. Das muss aufhören. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747408,00.html
der artikel spricht einem absolut aus der seele. an diesem system muss dringend was geändert werden. in diesem amigo-system sind lug und trug tür und tor geöffnet. wahrscheinlich ist guttenberg nur die spitze vom eisberg.
ugt 27.02.2011
2. Wen interessiert es?
Zitat von sysopGuttenbergs Versuch einer Promotion ist peinlich* - auch und besonders für den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Ausflüchte der Uni Bayreuth zur Titelaberkennung beweisen, woran das deutsche Promotionswesen krankt: Stets*prüfen jene, die an der Arbeit selbst beteiligt sind. Das muss aufhören. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747408,00.html
Herr Doktor Kohl - vergesslicher Waffenhändler und Mafiosi Herr Doktor Schäuble - vergisst dass man ihn bestochen hat Frau Merkel - hat ein Ostdiplom in Physik, die wirklich studiert haben aber keine Partei freunde der SED waren haben kein DIplom Herr Fische hatte keinen Schulabschluss. Herr Frau von der Leyer hat eine Qualifikation in Vermehrung Also Wen nteressiert es? Alles ein Brei, bestechlich, verlogen, gierig und ungebildet.
M. Michaelis 27.02.2011
3. ...
Zitat von sysopGuttenbergs Versuch einer Promotion ist peinlich* - auch und besonders für den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Ausflüchte der Uni Bayreuth zur Titelaberkennung beweisen, woran das deutsche Promotionswesen krankt: Stets*prüfen jene, die an der Arbeit selbst beteiligt sind. Das muss aufhören. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,747408,00.html
Ahh, langsam kommen wir zum eigentlichen Problem.
regierungs4tel 27.02.2011
4. Prof. Gerd Langguth (Uni Bonn) sieht eine Regierungskrise heraufziehen
Offenbar ist innerhalb der Union die Mauer des Schweigens brüchig: http://berlin2011.wordpress.com/2011/02/27/merkel-biograph-fuerchtet-regierungskrise/ Auf den Artikel im selben Blog zu dem CSU-Lobbyisten an der Universität "Buyreuth" sei hingewiesen!
klaremeinung 27.02.2011
5. Diletantismus ist Dilettantismus
Wo wir gerade dabei sind: Dilettantismus schreibt man mit 2 "t" http://www.duden.de/definition/dilettantismus
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