Doktorand im Problemviertel Köln-Chorweiler Feldforschung im Plattenbau

Ja, Doktoranden tun einiges für die Forschung, doch wenige gehen so weit wie Sebastian Kurtenbach: Er zog in einen Kölner Plattenbau und schläft dort schlecht - wegen der dünnen Wände. Er will herausfinden, ob arme Stadtteile Arme noch ärmer machen.

Von Luisa Houben

Doktorand Sebastian Kurtenbach: umgezogen nach Köln-Chorweiler
Petra Warrass

Doktorand Sebastian Kurtenbach: umgezogen nach Köln-Chorweiler


So einen sieht man in Chorweiler selten: einen jungen Mann mit gepflegtem Dreitagebart, die roten Haare unter einer Schiebermütze versteckt, robuste Wanderschuhe und ein braunes Sakko. Eine Ledertasche über die Schulter gehängt. Sebastian Kurtenbach fällt auf, hier, am nördlichen Rand von Köln, wo Chorweiler-Mitte als graues Plattenbau-Ensemble in den Himmel ragt.

Es ist das Problemviertel der Stadt. 80 Prozent sozialer Wohnungsbau; knapp 40 Prozent der 13.000 Einwohner leben von Hartz IV. Der Stadtteil gilt als trist, anonym, gefährlich. Google vervollständigt die Suche nach Köln-Chorweiler mit: Ghetto. Wenn Politiker über Chorweiler sprechen, reden sie davon, den Stadtteil "wieder lebenswert" machen zu wollen.

Was will Sebastian hier? Im Prinzip will er: gucken, reden, verstehen, wie das Leben in Chorweiler funktioniert. Der Sozialwissenschaftler, 28 Jahre alt, forscht für seine Doktorarbeit, die er an der Uni Köln schreibt. Er will wissen, ob und wenn ja, wie arme Stadtteile arme Menschen noch ärmer machen.

Müll landet achtlos auf dem Boden

Wichtig war ihm, nicht von außen zuzuschauen, wie ein Besucher im Zoo. Er wollte mittendrin sein. Deshalb mietete Sebastian eine Einzimmerwohnung mit Balkon im Plattenbau. Keine Tapete, dafür Vorhänge, ein Schreibtisch, zwei Kochplatten, ein Kühlschrank, ein Tisch mit Mikrowelle, Stühle und auf dem Boden zwei aufeinandergestapelte Matratzen, damit ihm der Rücken nicht wehtut.

Trotzdem fällt ihm das Einschlafen manchmal schwer: "Die Wände sind so dünn. Man hört alles", sagt Sebastian. Manchmal riecht er sogar das Essen der Nachbarn. An vier Tagen pro Woche ist er von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends draußen. Geht von Bank zu Bank. Setzt sich, lauscht, schaut.

Viel ist auf den ersten Blick nicht los: Eine alte Dame zieht einen karierten Einkaufstrolley hinter sich her. Eine Gruppe Männer unterhält sich wild gestikulierend. Jemand saugt Staub. Eine Männerstimme ist zu hören, irgendwo hinter einem Fenster, laut und schroff.

Hochhaus in Köln-Chorweiler: Manchmal riecht man sogar das Essen der Nachbarn
DPA

Hochhaus in Köln-Chorweiler: Manchmal riecht man sogar das Essen der Nachbarn

Diese Beobachtungen sind wichtig. Sebastians Stift fliegt über das Papier auf seinem Klemmbrett, füllt Spalte um Spalte. Wie alt sind die Männer, Frauen, Kinder, die er auf den Plätzen sieht? Wie lange sprechen sie miteinander? Liegen Zigarettenstummel herum? Weisen Spritzen oder etwas anderes auf Drogenkonsum hin? Sind verwahrloste Gebäude sichtbar? Fallen Menschen auf, weil sie rauchen, Müll auf den Boden werfen, Alkohol trinken oder aggressiv sind? Schreit eine Mutter ihr Kind an?

Es gibt Studien, die zeigen, dass sich Menschen in einer schmuddeligen, heruntergekommenen Umgebung anders verhalten als dort, wo es sauber und gepflegt ist. Müll landet achtlos auf dem Boden. Es wird Alkohol getrunken. Genau das stellt, unter anderem, auch Sebastian fest.

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Der Doktorand ist auch im Dunkeln und bei Regen draußen. Alle 15 Minuten eine neue unbequeme Bank. Während er da so sitzt und Notizen macht, wird er selbst zum Beobachtungsobjekt. Die Leute wundern sich über den seltsamen jungen Mann, sie beäugen ihn, fragen nach.

Eine Dame, die schon seit vielen Jahren in Chorweiler lebt, will es ganz genau wissen. Ob er vielleicht vom Jugendamt sei? Die Nachbarn hätten da was gesagt. Sebastian erklärt gern, zeigt seine Beobachtungsbögen, erzählt von seiner Forschungsarbeit. So entstehen Gespräche. Freundliche Gespräche. "Die Leute wissen, dass Wissenschaftler keinen Ärger machen", sagt er.

Viele, die ihn ansprechen, erzählen von sich. Da ist ein Mann, dessen einziger Begleiter ein Hund ist. Sonst hat der Mann im Leben nicht viel. Da ist eine Frau, die ihren Alltagsfrust nach Feierabend am Pariser Platz ertränkt. Eine andere erzieht ihre Kinder allein. Eine Arbeit hat sie nicht. Trennungen, Tod, Familienstreit, Trauma, Krankheit und Arbeitslosigkeit haben das Leben vieler in Chorweiler umgekrempelt.

Derselbe Wohnort, anderes Schicksal

Sebastian ist in der Idylle einer Kölner Vorstadt aufgewachsen, in einem Einfamilienhaus mit großem Garten. Er bezeichnet sich selbst als "Mittelschichtsmensch". Allerdings hat er vor seinem Masterstudium einige Zeit als Streetworker gearbeitet. Das hilft, um Chorweiler ein bisschen besser zu verstehen. Vor vielen Jahren, als Schülerpraktikant in einer sozialen Einrichtung, kam er zum ersten Mal hierher. "Der Anblick hat mich erschlagen", erinnert sich Sebastian. Dass er hier einmal wohnen und forschen würde: damals undenkbar.

Manchmal wird es ihm tatsächlich zu viel. Dann braucht er Ferien von Chorweiler, zumindest kurz. Als er miterlebt, wie sich ein Mann vom Balkon in den Tod stürzt, muss er weg. Dahin, wo keine Hochhäuser stehen. Für ein langes Wochenende fährt er ins Kloster. Dann geht die Arbeit weiter: sitzen, gucken, sprechen, Bögen ausfüllen. An den freien Tagen tippt er die Daten in seinen Computer. Außerdem bloggt er über seine Arbeit, hält Vorträge. So will er andere Menschen auf die Benachteiligung von Stadtteilen wie Chorweiler hinweisen.

Trotz allem bleibt Sebastian dort ein Fremder. "Nur weil ich am selben Ort lebe, teile ich nicht dasselbe Schicksal", sagt er. Er kann nur ahnen, wie es manchen hier geht, weil sie alleinerziehend, süchtig, schwer krank sind oder von Hartz IV leben müssen. Unterm Strich überwiegen dennoch die positiven Momente: ein Lächeln in der Schlange beim SB-Bäcker, ein netter Plausch in der Kneipe beim FC-Köln-Spiel.

Sebastian hat gelernt, dass Chorweiler facettenreicher ist als die Ereignisse, die die Medienberichte bestimmen. "Man darf nicht vergessen: Der Stadtteil ist auch Zuhause und Heimat", sagt er. Für ihn ist es trotz allem ein lebenswertes Quartier. Er will die Lage nicht schönreden, sagt aber: "Zu viel Negatives überschattet Chorweiler. Damit wird man den Menschen nicht gerecht."



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