Rituale auf Festivals Götter im Dixi, erhöret uns 

4. Teil: Rufen nach Helga: Wenn sich religiöse Gefühle Bahn brechen


Ritual Frauensuche: Diese Fans schreien, vielleicht sogar nach Helga
DPA

Ritual Frauensuche: Diese Fans schreien, vielleicht sogar nach Helga

Das wohl seltsamste Ritual auf Festivals ist der "Helga!"-Ruf. Sobald es dunkel wird und manchmal schon am Tag ruft irgendeine Person auf dem Campingplatz laut nach "Helga!", als würde sie sie verzweifelt suchen. Dieser Ruf wird von anderen Bewohnern des Reservats, gerne aus weiten Entfernungen, erwidert, so dass 500 Meter weiter das nächste "Helga!" aufbrandet. Nach kurzer Zeit ertönt der Ruf überall, und Hunderte von Kehlen verlangen nach ihrer Heiligen.

Dieser Begriff ist gerechtfertigt, denn im Kern ist das Rufen nach Helga ein transzendentaler Vorgang, der verschüttete religiöse Sehnsüchte anspricht. Schließlich weiß jeder, der in den Ruf einstimmt: Helga ist weg, und doch ruft man nach ihr, in der Hoffnung, die Erlöserin kehre zurück.

Die Ketzer beantworten den Ruf nicht mit einem erneuten "Helga!", sondern mit: "Helga ist tot!" Die gläubigen Helga-Rufer sehnen sich nach Gott, die Ketzer spielen Nietzsche und antworten: "Gott ist tot." Die Skeptiker sitzen dazwischen und warten einfach nur, dass es aufhört. Ein komplett gottloser Rest bastelt Gummipuppen mit der Aufschrift "Helga". Diese Leute kommen ganz sicher in die Hölle.

"Egal was du schreist, ob Helga oder Hitler..."

Es gibt den Ruf nach Helga schon ewig. Gleichzeitig glaubt jeder, er sei erst auf dem Festival entstanden, das er als Erstes in seinem Leben besucht hat. Ein Blogger im MusikerWiki behauptet, der Ruf gehe auf das Open Air St. Gallen Ende der achtziger Jahre zurück, da sich dort viele aus dem Schlaf gerissene Besucher an der Suche nach der verlorenen Helga beteiligten.

Ein Programmierer aus Bremen behauptete gegenüber der "taz", er habe den Ruf 1999 auf dem Hurricane erfunden. Er habe damit die Verführbarkeit der Menschheit testen wollen. Zitat: "Egal was du schreist, ob Helga oder Hitler - die Leute machen es nach." Helga, so der Programmierer, sei im echten Leben die Freundin seiner Mutter, eine ganz normale Hausfrau. Kurz darauf sah sich die "taz" genötigt, die Gegendarstellung eines "Anwalts" zu drucken, dessen Mandantin Helga Horstmann beim Bizarre 1992 mit einem Roadie hinter der Bühne verschwunden sein soll und den ganzen Tag lang von ihrem Mann gesucht wurde.

Die Firma Helgaa-Festivalservice hat aus dem Mythos sogar ein Geschäft gemacht. Bei Helgaa kann man das gesamte nötige Non-Food-Equipment vor dem Festival bestellen und dann vor Ort abholen. So spart man sich die vielen Shuttlebus-Fahrten und den Bandscheibenvorfall. "Helgaa besorgt es dir" und "Helgaa schleppt für dich" lauten die Slogans, das Logo der Firma ist das Konterfei einer Frau, also Helgas, und somit theologisch gesehen eine Todsünde, da man sich von der Göttin kein Bild machen soll.



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
miruwa 04.07.2012
1.
Man kann ja keinen zu seinem Glück zwingen. Festivals sollte man auf jeden Fall besucht haben, bevor der alternde Rücken den Campingspass trübt.
walter_e._kurtz 04.07.2012
2. kleine Anregung
...zum Thema quer-durch-die-gegend-fliegen: Man nehme; einen ollen fuffi-scooter, schweiße ein ca. 4m langes Stahlrohr quer zur Fahrtrichtung an den Rahmen, auf der anderen Seite befestige man eine ausreichend große Öse, durch die man einen (ebenfalls ausreichend großen) Erdnagel in den Grund treibt. Den Umkreis am besten gut wässern! Ich weiß, ist für die Weicheier, aber der Streß mit den Besitzern der planierten Zelten ist geringer, und Knochenbrüche sind auch hier nicht ausgeschlossen!!
Celegorm 04.07.2012
3.
Crowdsurfing ist eigentlich nur in Kombination mit Stagediving vertretbar, sowohl aus Stilgründen wie auch durch den Umstand, dass die Person dann von vorne kommt. Zumal das ja auch der Ursprung des Ganzen ist. Blöderweise sind gerade Festivals mittlerweile ungeeignet dafür, da selbst kleinere Bühnen gefühlte 20 Meter-Gräben haben. Allerdings kein Grund, das mit einer grenzwertigen Light-Version fortleben zu lassen, bei der sich meist irgendein alkoholisierter Brocken hochheben lässt um den arglosen Leuten zwei Reihen weiter ins Genick zu fallen. Als Gegenwehr bleibt eigentlich nur noch, solche Gestalten absichtlich ins Leere fallen zu lassen. Sowieso sind eigentlich all diese "Rituale" so anachronistisch wie phantasielos. "Helga"-Rufer outen sich doch schon seit Langem als vorpubertäre Grünschnäbel oder Leute, die offenbar in den frühen 90ern mal die falschen Drogen erwischt haben. Gilt auch für die neuen "Trends". Ja, es sah witzig aus, als die Beatsteaks den Ring absitzen liessen, aber wenn manche das mittlerweile bei jeder Schnarchnasen-Band dreimal pro Auftritt anzetteln wollen ist es nur noch peinlich. Sowieso scheint man oft den Eindruck zu haben, dass viele so krampfhaft "Spass haben" wollen, dass sie diesen zielsicher nicht erreichen..
kaninchenfurz 04.07.2012
4.
sowas passiert immer nur im Suff ....
kranewasser57 04.07.2012
5. Helga ...
.. wurde das erste Mal Mitte der 80er auf dem damaligen Passauer Open Air auf dem Thingplatz am Oberhaus gesucht. Und zwar während einer Musikpause am hellichten Tag. Als Mitorganisator des Festivals in den ersten Jahren (1980 war das erste, 1998 m.W. das letzte) habe ich das als riesengroßen Spass empfunden, mit dem sich die Besucher in den musiklosen Umbaupausen die Zeit vertrieben haben. In den folgenden Jahren war das dann der "Schlachtruf der Eingeweihten". Ob nun der Erfinder das aus St. Gallen mitgebracht oder von Passau nach St. Gallen exportiert hat - darüber mögen sich andere streiten. Vielleicht gibt es im Netz ja noch jemand, der sich als Teilnehmer in Passau daran erinnert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.