Fiktive "Tagesschau" Professor verteidigt Geisel-Video

Mit einer gefälschten "Tagesschau" schockierte ein Kunststudent Karlsruher Kneipengäste: Ein bewaffneter Mann bedrohte die Sprecherin - täuschend echt, aber nur ein Videoexperiment. Dafür gab es eine Zwei im Vordiplom und reichlich Ärger mit der Polizei. Doch der Professor des Studenten versteht den Rummel gar nicht.


Zur besten Sendezeit, nämlich wie gewohnt um 20 Uhr, lief am letzten Mittwoch auf den Bildschirmen mehrerer Gaststätten in Karlsruhe die "Tagesschau". Und sie begann auch ganz normal: Die Sprecherin saß im scheinbar echten Studio, verlas die Abendnachrichten, die üblichen Filmbeiträge aus aller Welt wurden eingespielt. Dann allerdings schien die Sendung aus dem Ruder zu laufen. Ein bewaffneter Mann stürmte ins Studio und nahm die Nachrichtensprecherin als Geisel. Er bedrohte die Sprecherin mit einer Pistole und zwang sie zur Verlesung eines Textes über das "Böse in der Welt".

"Tagesschau": Vom Kunststudenten täuschend echt imitiert
ARD

"Tagesschau": Vom Kunststudenten täuschend echt imitiert

Erst ganz am Ende, nach 33 Minuten, wurde deutlich: Es handelte sich nicht um eine echte Geiselnahme bei der "Tagesschau", sondern um einen Videofilm der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe. Doch viele Zuschauer hielten die Szenen für echt. "Ich habe gedacht, der knallt die ab, jetzt erschießt er die Frau wirklich vor laufender Kamera", erzählte ein Kneipengast dem regionalen Onlinemagazin "ka-news.de". Der schockierte 28-jährige IT-Fachmann wollte Anzeige erstatten: "Das war wie am 11. September. Ich habe regelrecht gezittert und nur gedacht, ich muss hier raus."

Andere Kneipenbesucher reagierten ähnlich entsetzt. Die täuschend echte "Tagesschau" war ein Video-Experiment eines 28-jährigen Karlsruher Studenten. Für diese Vordiplomarbeit habe er die Note "gut" erhalten, sagte sein Professor Didi Danquart am Montag. Mit dem gut halbstündigen Film "Wortnapping" - in Anlehnung an Kidnapping - habe der Student sich mit der Wirkung von Gewalt in den Medien auseinandersetzen wollen.

"Handwerklich sehr ordentlich"

Der Professor für Film und Medienkunst findet nichts dabei, schließlich sei die "Arbeit handwerklich sehr ordentlich". Von der öffentlichen Aktion hat er nach eigenen Angaben allerdings nichts gewusst. "Wir sind eine Kunsthochschule - ich kann den Rummel gar nicht nachvollziehen", so Danquart, Regisseur unter anderem des Spielfilms "Viehjud Levi" und zweier "Tatort"-Folgen.

Polizei und Staatsanwaltschaft in Karlsruhe sehen das aber anders und haben gegen den Studenten "und gegen weitere Personen" ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der Vorwurf: Körperverletzung sowie "Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten". Nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden habe der Fim bei zahlreichen Betrachtern zu panikartigen Reaktionen geführt, die Toleranzgrenze der "künstlerischen Freiheit" sei deutlich überschritten, so Polizei und Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Erklärung.

Die Reaktionen der Zuschauer hätten im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses bei der Ausstrahlung des Films gestanden, hatte der Student der Polizei erklärt. Was beim juristischen Nachspiel genau auf ihn zukommt, ist noch offen. Erst nach den Befragungen im Zuge des Ermittlungsverfahrens falle die Entscheidung, ob gegen den Studenten ein Strafbefehl erlassen werde, erklärte Anton Gramlich, Sprecher des Polizeipräsidiums.

Gezeigt wurde das Video in einer Gaststätte im Filmpalast des Zentrums für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) sowie in rund 15 weiteren Kneipen. Der ZKM-Filmpalast distanzierte sich von der Aktion und stellte klar, sie sei inhaltlich nicht abgesprochen gewesen und wäre so auch nicht genehmigt worden. Und manche Zuschauer sind offenbar auf den Kunststudenten jetzt schlecht zu sprechen: "Das sind doch Irre, die das initiiert haben", schimpfte der 28-jährige Kneipengast in "ka-news.de", "die leben doch völlig in ihrer Kunstwelt und nehmen die Panik der Leute in Kauf."

Jochen Leffers



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