Filmreifes Studium Bummelstudent Momo und seine 13 Uni-Semester

Für sechs Wochen war die TU Darmstadt Kulisse für die Kinokomödie "13 Semester". Mittendrin sucht Jungstar Max Riemelt als verpeilter Trödelstudent nach seinem Platz im Leben. Das Team ist sicher: Der Uni-Alltag zwischen Hörsaal und Job, Party und WG trägt einen Spielfilm.

Von Frank van Bebber


Der junge Schauspieler Max Riemelt, 24, spielte vor der Kamera schon einen Nazi-Schüler, DDR-Nachwuchs und jüngst einen Pennäler, dessen Schule in "Die Welle" einer faschistischen Gruppenhysterie verfällt. Mit seiner neuen Rolle ist Riemelt nun im freiheitlichen Bildungswesen angekommen: In der deutschen Kinokomödie "13 Semester" mimt er den leicht naiven Bummelstudenten Momo. Statt ums Überleben kämpft der in der Massenuniversität um Studentenbude, Job und Vordiplom.

"13 Semester" kommt 2009 in die Kinos. Die Macher sind davon überzeugt, dass der humorvoll präsentierte Uni-Alltag genügend Zuschauer locken wird. "Die Amerikaner drehen einen College- und High-School-Film nach dem anderen", sagt Regisseur Frieder Wittich, für den die Komödie der erste Kinofilm seiner Karriere ist. "Wir fanden, die Zeit ist reif." Produzent Jakob Claussen ("Jenseits der Stille") hat beim Etat von 2,3 Millionen Euro die Nähe zur Zielgruppe einkalkuliert. "Studenten sind ein interessantes Publikum", sagt er, "die sind an sich interessiert, die sind am Kino interessiert."

Kino trifft Wirklichkeit, hieß es bereits bei den Dreharbeiten: In den vergangenen sechs Wochen wurde die TU Darmstadt zur Kulisse für den munteren Hörsaal-Schwank. Bei der größten Massenszene spielten sich rund 600 Studenten im TU-Audimax als Komparsen selbst - für einen Kinogutschein als Lohn. Regisseur Wittich schwärmt über die Studenten: "Man muss die gar nicht groß inszenieren."

Im Film wird die Szene im Audimax die erste Vorlesung in Wirtschaftsmathematik für Momo und seine Freunde sein. Vorne steht Professor Schäfer (Dieter Mann), der komplizierte Formeln herunterleiert, sie aber sogleich als trivial abtut und den Erstsemestern erklärt: "Schauen Sie bitte mal nach links und dann nach rechts, statistisch gesehen werden Sie diese beiden Kommilitonen beim Diplom nicht wiedersehen."

"Beim Film wird geschummelt, bis der Arzt kommt"

Das folgende Raunen in den von Scheinwerfern erleuchteten Bänken muss Regisseur Wittich nicht üben lassen. Statisten wie Felix Schuwirth, 21, und Hennig Jeiszig, 22, denken einfach an Informatik-Klausuren mit 80 Prozent Durchfallquote. Auch das Klopfen am Ende der Vorlesung ist für sie Routine, im Alltag wie bald auch für die Filmkamera.

Fünf Stunden inszeniert Wittich immer wieder die Vorlesung, die im Film wenige Minuten dauern wird. Die Studenten Schuwirth und Jeiszig verleihen zumindest ihr das Prädikat "Zum großen Teil realistisch". Einigen superschlauen Nachwuchsakademikern fällt zwar auf, dass die Formeln auf der Folie des Tageslichtprojektors "grottenfalsch" sind. Doch Wittich beruhigt: "Beim Film wird geschummelt, bis der Arzt kommt."

So sitzen die 600 Studenten an diesem warmen Frühlingstag fünf Stunden mit Jacken und Pullovern im Saal, weil die Szene im Herbst spielt. Den Statisten in der ersten Reihe pudern Maskenbildnerinnen rasch die Pickel weg. Die Hauptdarsteller tragen Haarschnitt und Mode wie im Jahr 2002, weil Momo bis zum Filmende ja 13 Semester vertrödeln soll. Nur das fensterlose Audimax der TU braucht kein Make-up: Mit ollem Teppich, braunen Holzwänden und flackernden Neonröhren erfüllt es jederzeit filmreif die Vorstellung eines steuerfinanzierten Hörsaals.

Darmstadt sei ein akademisches Biotop, wie es das Drehbuch verlange, sagen die Filmemacher. Zudem fanden sich hier Filmförderung und als Co-Produzent der Hessische Rundfunk, der Verleih Twentieth Century Fox sitzt in Hessen. Und die Darmstädter selbst seien als Komparsen nicht so filmmüde wie etwa die Berliner, erklärt Wittich. Dreharbeiten gelten hier noch als etwas Besonderes.

Filmemacher hoffen auf Hab-ich-auch-erlebt-Effekt

Darum also brechen Momo und sein Freund Dirk (Robert Gwisdek) aus der brandenburgischen Provinz nach Darmstadt auf. Während sich Dirk rasch einlebt, mäandert sich Momo durch sein Studium. Die Zuschauer treffen Momo, wie er vor der Tür des Professors auf seine letzte Prüfung wartet - und sich an 13 Semester zurückerinnert. Es kommen vor: eine trinkfreudige Lerngemeinschaft, Party und WG, illegal aus der Bibliothek entliehene Bücher, ein Australien-Aufenthalt, Jobben an der Tanke, Bafög-Probleme - und die Suche nach dem Platz im Leben.

Keine plumpe Slapstick-Komödie, verspricht der für einen McDonald's-Werbespot preisgekrönte Wittich, sondern ein Film mit Humor und nachdenklichen Momenten. Als Zuschauer sollten Studenten sagen können: "Hab ich auch erlebt, zum Glück kam's bei mir nicht ganz so dicke." Gerade darum könnte den Filmemachern aber drohen, dass sie für ihre Zielgruppe selbst ein wenig alt wirken: Längst ist an den deutschen Hochschulen vom dreijährigen Bachelor mehr die Rede als vom Diplom. Den wilden Erzählungen über das ausschweifende Studentenleben weichen Rapports über die neue kalte Turbo-Uni.

Aber noch finden sich studentische Komparsen, die Momos Sorgen verstehen. Sylvia Merschroth studiert im nahen Frankfurt Literaturwissenschaft, ist selbst im zwölften Semester und sagt: "Nach einiger Zeit fragt man sich schon, was mache ich hier eigentlich und was soll daraus werden." Gefühle, die auch die Filmemacher kennen. "Eigentlich ist es alles erlebt", sagt Frieder Wittich.

Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg, 36, studierte nicht nur an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, sondern auch an der Uni Karlsruhe Wirtschaftsmathematik - wie Momo im Film. Seinem Vater, einem Matheprofessor, verkündete Ziegenbalg seinerzeit mit einem 1,0-Diplom in der Hand, er werde lieber Autor.

Selbst Riemelt, der nicht studiert, aber sein Abitur nachgemacht hat, sagt über die Rolle als Student: "Das ist nicht so weit weg von mir. Hier konnte ich auch ein Stück von mir ausgehen." Vor Drehbeginn sah er sich in Berlin an einer Uni um. Eine echte Vorlesung konnte er aber nicht besuchen. Es waren Semesterferien.



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