Finanzdebakel Harvard verbrennt acht Milliarden Dollar

Eiskalt erwischt: Die Finanzkrise reißt monströse Löcher in die Etats von US-Hochschulen. In nur vier Monaten machte allein die noble Uni Harvard ein Acht-Milliarden-Minus. Anlageprofis mit Mondgehältern haben sich verspekuliert - und es könnte noch schlimmer kommen.


Wenn Drew Galpin Faust, Präsidentin der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, schlechte Neuigkeiten hat, schreibt sie einen Brief. So war es vor einem Monat, als sie wegen der Finanzkrise "nie dagewesene Verluste" der US-Elite-Universität ankündigte.

Und so ist es auch jetzt: "Schwere Turbulenzen an den Weltfinanzmärkten haben sich auf alle großen Anlageklassen ausgewirkt, in die das Vermögen investiert ist", schrieben Faust und ihr Vize Edward Forst in einem Brief an die Leiter der Fachbereich ihrer Uni - und stellte das Schreiben mit der nüchternen Überschrift "Financial Update" direkt ins Netz.

Harvard-Boss Faust: Legte die Karten auf den Tisch
REUTERS

Harvard-Boss Faust: Legte die Karten auf den Tisch

Angesichts der erschreckenden Zahlen, die Faust und Forst mitteilen, hilft wohl nur noch Transparenz und die Flucht nach vorn: Acht Milliarden Dollar hat die Elite-Universität an den Börsen der Welt verbrannt, somit etwas mehr als ein Fünftel des Uni-Vermögens, das Ende Juni 2008 noch 36,9 Milliarden Dollar betrug.

Verantwortlich für diese massiven Verluste in nur 16 Wochen sind die Fondmanager der Harvard Management Company (HMC), der Harvard-eigenen Anlagefirma. Sie investiert das Vermögen der Universität in aller Welt, meist strategisch klug und mit exorbitanten Gewinnen.

Ein Fünftel des Vermögens ist futsch

Doch die aktuelle Weltwirtschaftskrise ist selbst für die Profi-Anleger der renommiertesten Uni der Welt ein paar Nummern zu groß: Im Geschäftsjahr 2009, das seit dem 1. Juli läuft, wird die HMC wohl die größten Verluste seit 1974 einfahren. Damals war das Vermögen um 12,2 Prozent geschrumpft - und seitdem bis auf drei minimale Einbrüche beinahe stetig gewachsen, so die Harvard-Präsidentin.

Die Anlagestrategie der HMC zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie meist weit besser abschneidet als andere Fondgesellschaften oder Indizes. In den letzten zehn Jahren bedeutete das im Durchschnitt 13,8 Prozent Vermögenszuwachs jährlich. Diese gute "Performance" lassen sich die Manager der HMC versilbern, teils auch fingerdick mit Gold überziehen: Boni von bis zu 35 Millionen Dollar in Spitzenjahren genehmigten sich die Manager pro Kopf - und brachten damit großzügige Harvard-Alumni gegen sich auf, die solche Mondgehälter für obszön halten.

Auch in der aktuellen Krise stehen die Manger der HMC mit ihrem Rekordverlust noch etwas besser da als der Börsendurchschnitt, wenn auch nur um zwei Prozentpunkte: Der Leitindex der 500 größten börsennotierten Firmen in den USA verlor in den letzten vier Monaten 24 Prozent.

Harvard rechnet mit weiteren Verlusten

Die Verluste sind dramatisch, Harvard wird Bauvorhaben in "Größe und Geschwindigkeit" zurückfahren und einen "prüfenden Blick" auf Einstellungen und Personal werfen, so Faust in ihrem Brief. Anderen Hochschulen in den USA geht es nicht besser: Mit Verlusten von 20 bis 30 Prozent seien die Einbußen Harvards "im Rahmen", zitiert der Börsen-Nachrichtendienst bloomberg.com einen Analysten der Ratingagentur moody's.

Die Krise beutelt auch staatliche Unis, die in geringerem Umfang als deutsche Hochschulen vom Staat finanziert werden und ebenfalls vom Börsengeschäft profitieren - in guten Zeiten. An Universitäten in den Bundesstaaten Georgia, Kalifornien und New York mussten bereits Mitarbeiter gehen, bei den Bibliotheken wird gespart, Renovierungsarbeiten wurden ausgesetzt. Die renommierte University of Virginia habe wie Harvard ein Fünftel ihres Vermögens verloren, bislang 4,2 Milliarden Dollar, berichtet bloomberg.com.

Und es ist ja noch nicht vorbei, es könnte noch schlimmer kommen. Die Befürchtung aus dem Vormonat, Harvard und andere Unis könnten in der Krise bis zu 30 Prozent ihres Vermögens verlieren, bestätigten die Harvard-Bossen indirekt. "Selbst diese ernüchternde Zahl (das Minus von acht Milliarden Dollar) wird vermutlich nicht die gesamte Größe der Verluste abdecken", schrieb Harvard-Präsidentin Faust. Alle weiteren Planungen rechneten mit einem "Szenario, nach dem unser Vermögen 30 Prozent unter dem vom Vorjahr liegt".

cht



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