Fliegender Holländer Tüftel-Student fliegt nur mit Muskelkraft

Drei Jahre hat er gegrübelt, geklebt, geschraubt - und wurde oft belächelt. Doch als Jesse van Kuijk, 19, in die Pedale tritt, hebt sein Flugfahrrad tatsächlich ab. Eigentlich ist die Muskelkraftfliegerei ein Job für ausgebuffte Ingenieure. Dem Studenten gelang der Start im Alleingang.

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Jesse van Kuijk liebt seine Schwester, aber ihr sein Flugzeug leihen? Das würde er niemals tun. Dazu hat er einfach zu lange an seinem Muskelkraftflieger gearbeitet. Soweit geht die Geschwisterliebe nicht.

Auch einen Profiradfahrer, den ihm seine Sponsoren auf sein pedalgetriebenes Fluggerät setzen wollten, hat Jesse abgelehnt. Da wird der freundliche dünne Holländer knallhart und sagt, das komme überhaupt nicht in Frage. Er hat das Flugrad gebaut, und nur er, Entwickler, Konstrukteur und Pilot Jesse van Kuijk, 19 Jahre alt, wird auf der Maschine Platz nehmen und abheben. Basta.

Das Provinznest, in dem Jesse wohnt und werkelt, heißt Budel, 25 Kilometer südlich von Eindhoven und 35 Kilometer westlich der deutschen Grenze. Das Beste an Budel, zumindest aus Jesses Sicht, ist ein kleiner Flugplatz, zehn Fahrradminuten von seinem Elternhaus entfernt. Mit 16 fasste er hier einen Entschluss: Fliegen will ich.

E-Mail mit Tipps vom Kanalflieger

Klar doch, sagten Jesses Freunde. Doch der schlaksige Junge war überzeugt: Ich kann das schaffen, ich werde mich mit meiner eigenen Muskelkraft in die Luft erheben. Der Weltraum, Flugzeuge, Tornados und natürlich Windmühlen hätten ihn immer fasziniert, sagt er. Mit 16, zu einem Zeitpunkt, als Jesse noch nicht einmal in einem Ferienflieger gesessen hatte, begann er viel zu lesen: über den "Mufli", den Muskelflieger eines deutschen Ingenieurgespanns in den dreißiger Jahren, den die zwei Erfinder noch mit einem Gummi in den Berliner Himmel schnippsten. Und über den Gossamer Condor, der 1977 als erstes lenkbares Muskelkraftflugzeug eine 2,2 Kilometer lange Achterschleife umflog. Dafür gab es den Henry-Kremer-Preis - 18 Jahre, nachdem der für diesen technischen und menschlichen Kraftakt ausgelobt worden war.

Der schmächtige Schüler studierte die Theorie zur Reynolds-Zahl, die angibt, wie sich Trägheit und Zähigkeit zueinander verhalten, ein elementarer Wert für die Luftfahrt. Freiwillig paukte Jesse die Gesetzmäßigkeiten der Strömungslehre, ohne die auf Erden gar nichts fliegt: kein Vogel, kein Airbus und auch kein Jesse.

Jahreszahlen sprudeln aus ihm heraus, wenn er die Geschichte des Muskelkraftflugs runterrattert. Wichtig auch 1979, als der Kremer-Preis-Gewinner Bryan Allen mit schierer Muskelkraft in seiner Gossamer Albatros über den Ärmelkanal flog. Mit Allen, heute Software-Entwickler mit Schwerpunkt Marsmissionen, wechselte der kleine Holländer mit dem großen Traum E-Mails übers Fliegen aus eigener Kraft.

Drei Jahre Heimwerkerei für den Traum vom Fliegen

Als 2006 alle Berechnungen standen, kramte Jesse drei Jahre lang Material zusammen, hauptsächlich sehr leichtes Balsaholz, Bauschaum und leichte und reißfeste Spezialfolie für die 26 Meter weiten Tragflächen - und dann baute er, was er aufgezeichnet hatte. Wochen-, monate-, jahrelang.

"Einige meinten, ich hätte es erst mit einem Modell probieren sollen", sagt Jesse. Aber das war seine Sache nicht. Er hatte alles durchgerechnet, erfolgreiche Vorbilder gab es genug, mit einem Modell wollte er keine Zeit vergeuden. Das Ding wird fliegen. Ganz sicher.

Und dann der letzte Sonntag: Sieben Meter lang, vier Meter hoch und zerlegbar ist die Konstruktion, die Jesse und seine Eltern auf dem Flugplatz "Kempen Airport" nahe ihrem Heimatdorf aufbauen. Drei Stunden dauert es, der Flughafen hat ihnen erst am Nachmittag Bescheid gegeben, dass das Wetter günstig ist - kein Wind, kein Regen. Fliegen dürfen sie aber erst nach acht Uhr abends, wenn der Sportflugbetrieb auf dem kleinen Rollfeld zu Ende ist.

Mit einem Fahrrad dreht Jesse Kreise auf der Startbahn und wärmt sich für den Flugversuch auf. Er trägt einen Fahrradhelm, an den Ellenbogen seiner spindeldürren Arme hängen schwarze Schaumstoffschoner. Über eine um 90 Grad verdrehte lange Fahrradkette wird er einen roten Propeller antreiben, der aussieht wie bei einem zu großen Spielzeugflieger und genauso gebaut ist, aus etwas Alu, Balsa-Holz, Schrumpffolie.

Jesse ist sich sicher: Das Ding wird fliegen

35 Arbeitsstunden stecken allein in dem drei Meter langen Rotor, den die Kraft aus Jesses dünnen Beinen so schnell drehen muss, dass das Flugfahrrad abheben kann - mit Pilot, versteht sich. Als Jesse 2006 anfing und sein Flugfahrrad entwarf, war ihm klar, dass es eine Weile dauern und er an Gewicht zulegen würde. Bis zu 70 Kilo werde er dann wohl wiegen, schätzte der Schüler. Heute wiegt er drei Kilo weniger als sein Fluggerät - federleichte 53 Kilogramm, und das sei "keine Absicht", das ist ihm wichtig.

Im letzten Jahr seiner Bauphase studierte Jesse van Kuijk bereits Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität im 150 Kilometer entfernten Delft. Jedes Wochenende pendelte er zurück nach Budel, um weiter an seinem Flieger zu schrauben und zu kleben.

Jetzt ist es soweit. Jesse sitzt auf, den Fahrradhelm auf dem Kopf. Hinter ihm stützt ein Neffe die Konstruktion aus Aluminium und Holz, etwa neun Meter links und rechts von ihm halten zwei Männer mit Stangen die Flügel waagerecht, sollte doch Wind aufkommen oder das Gefährt kippen. Jesse tritt in die Pedale, der Propeller beginnt sich zu drehen und zieht sein Fahrzeug vorwärts. Und plötzlich fällt "der Boden unter meinen Füßen weg", sagt Jesse. Er fliegt, ganz allein, auf seiner eigenen Konstruktion und mit seiner eigenen Kraft. Glück steigt in Jesse auf. Es geht, er hat es immer gewusst, aber als er realisiert, dass er hier die Schwerkraft besiegt, kann er es doch kaum glauben.

Dann ein Ruck - und leise knirschend rutscht die Fahrradkette vom Zahnkranz. Der rote Rotor trudelt aus, "ich konnte nicht mehr beschleunigen", erzählt Jesse später, und Sekunden nach dem Start sinkt sein Flugfahrrad wieder. Eineinhalb Meter hoch und 10, vielleicht 15 Meter weit ist er gekommen. Mit einem Schlag kracht Jesses Flugzeug auf die asphaltierte Landebahn.

Jesse ist es gleich, er blickt zu den Flughafengebäuden, zum Tower und grinst ein sehr breites Grinsen. Jesse kann jetzt fliegen.

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