Flucht aus dem Osten Vergreisung, Verarmung, Verdummung

Der Osten blutet aus. In Scharen verlassen Abiturienten und Hochschulabsolventen die neuen Bundesländer. Der Exodus lässt das Bildungsniveau im Osten sinken, die Zurückgebliebenen haben keine Chance gegen den Abwärtstrend. Strukturschwachen Regionen droht die Vergreisung, Verarmung und Verdummung.

Von Alexander Bürgin


Abrissreifes Schulgebäude in Neubrandenburg: Junge Generation wandert ab, Städte vergreisen
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Abrissreifes Schulgebäude in Neubrandenburg: Junge Generation wandert ab, Städte vergreisen

Berlin/Neubrandenburg - Peer* pustet Luftballons auf. Es ist sein letzter Schultag am Albert-Einstein-Gymnasium in Neubrandenburg. Mit seinen Mitschülern schmückt er das Schulhaus für das Abschlussfest der Abiturienten. Thomas ist froh, dass es vorbei ist: "Endlich weg aus der Stadt. Vielleicht nach München oder Berlin - egal, Hauptsache weg." Wie Peer werden nahezu alle der 120 Abiturienten das Weite suchen. Anders als viele Studenten aus westdeutschen Provinzen werden sie wohl auch nach dem Studium nicht mehr in die Heimat zurückkehren. "Die Politiker wollen doch nur noch Wachstumszentren fördern. Mecklenburg-Vorpommern dagegen wird aufgegeben. Für junge Leute gibt es hier keine Zukunft", sagt Thomas.

"Wer kann, haut ab"

Die Absolventen der benachbarten Regionalschule, die Haupt- und Realschule zusammenfasst, denken ähnlich. Carsten sitzt bei seinem Berufsberater im Arbeitsamt und lässt sich Stellenangebote ausdrucken. Findet er bis zum Sommer keinen Ausbildungsplatz, will auch er seine Koffer packen. Die Situation ist schwierig. Den knapp 7000 Ausbildungssuchenden im letzten Jahr standen nur etwa 4000 Lehrstellen zur Verfügung - die Hälfte davon staatlich gefördert. Der Berufsberater weiß: "Wer kann, ergreift die Flucht nach vorn und haut ab." Den Abstieg der Region in den letzten Jahren bezeichnet er als "katastrophal."

Abzulesen ist die Misere in der Entwicklung der Alterstruktur der Einwohner: In Neubrandenburg wird 2015 jeder zweite Bewohner älter als 60 Jahre sein. Mecklenburg-Vorpommern, zur Wendezeit noch das Land mit der jüngsten Bevölkerungsstruktur, wird 2020 das mit der ältesten sein. Stellten die 25- bis 35-Jährigen 1991 noch 17 Prozent der Bevölkerung, so waren es 2002 nur noch 11 Prozent. Durch Westwanderung und Rückgang der Geburtenrate verliert das ärmste Bundesland bis 2020 ein Drittel seiner Bevölkerung. Insgesamt wird der Osten Deutschlands in diesem Zeitraum um eine Million Menschen schrumpfen. Besonders abwanderungswillig sind junge Frauen. Damit gehen potenzielle Mütter. In manchen Regionen kommen auf eine Frau im Alter von 18 bis 35 Jahren drei Männer.Die Abwanderung setzt einen Teufelskreis in Bewegung. Da überwiegend die mit den größten Talenten und besten Qualifikationen wegziehen, droht ganzen Landstrichen eine geistig-kulturelle Ausdünnung - was bei den Bleibenden die Untergangsmentalität zusätzlich befördert und die Resignation schürt. Dem wirtschaftlichen Abstieg folgt der soziale.

Grundschule in Heckelberg-Brunow: Mit einem Hungerstreik wehrten Eltern sich gegen die Schließung - vergeblich
DPA

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Im Bildungsministerium in Schwerin beobachtet man die Entvölkerung des Landes mit Sorge. Aufgrund der seit 1996 um ein Drittel gesunkenen Schülerzahl müssen viele Schulen schließen. Gab es bei der Wiedervereinigung noch 970 Schulen, so sind es heute noch 715. "In Orte ohne Schulen gibt es keinen Familienzuzug, wohl aber massiven Wegzug", so die Presseprecherin Heike Neitzert. Manche Siedlungen im ländlichen Raum werde es in Zukunft daher wohl nicht mehr geben. Doch Kleinstschulen aufrecht zu erhalten, sei auch nicht der richtige Weg. "Nur eine gewisse Mindestgröße garantiert ein angemessenes Bildungsniveau."Für alarmierender als die Schulschließungen hält Neitzert die Verteilung der Schüler auf die verschiedenen Schultypen: "Trotz des massiven Schülerschwundes ist die Zahl der Schüler auf Förderschulen konstant - deren Anteil an der Gesamtzahl der Schüler steigt also." Die Pisa-Studie habe ergeben, dass die Jugendlichen in Mecklenburg-Vorpommern eine Stunde länger pro Tag vor dem Fernsehen sitzen als der Bundesdurchschnitt. "Wer für sich keine Perspektiven sieht, strengt sich nicht an. Das Bildungsniveau der Schüler sinkt."

Untergangsstimmung bei den Dagebliebenen

Ein positives Bild von Mecklenburg-Vorpommern vermitteln dagegen die Universitäten Greifswald und Rostock, die sich bei den Studenten wachsender Beliebtheit erfreuen und bei Uni-Rankings auf vorderen Plätzen landen. Anders als in überfüllten Hörsälen im alten Bundesgebiet sind die Studienbedingungen gut, die Mieten niedrig. Doch nach dem Diplom treibt der Mangel an Arbeitsplätzen und das niedrigere Lohnniveau die Absolventen in die raren Wachstumszentren in Ostdeutschland - oder gleich gen Westen.

Forschen an der Uni Greifswald: Gute Studienbedingungen, aber kaum Jobs
AP

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Die Abwanderung aus Mecklenburg-Vorpommern beschränkt sich nicht auf die Jugend. Auch viele der mittleren Generation halten das resignative Lebensgefühl der Dagebliebenen nicht mehr aus. Bleiben heißt für viele, zu den Verlierern zu gehören. Wer lebt schon gern in einer "Braindrain"-Region? Auch die Eltern von Abiturient Thomas hat die Abwanderungslust gepackt. Das vor drei Jahren gekaufte Haus wollen sie wieder verkaufen und wegziehen - vielleicht in die Schweiz. Die Untergangsstimmung wird befördert durch den Verfall der öffentlichen Infrastruktur. Je weniger Einwohner, desto weniger Einnahmen der Kommunen aus Steuern und Transferzahlungen - bei steigenden Ausgaben durch die höhere Zahl von Wohngeld- und Sozialhilfeempfängern. Die Folge: Schwimmbäder und Theater müssen schließen, die Lebensqualität in den Städten sinkt. Bildungsbürger lassen sich so immer schwerer halten - geschweige denn anlocken.

Negatives Image verschärft die Misere

Trotz einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent bleiben daher oft Stellen für Hochqualifizierte unbesetzt. Firmen verlagern ihren Sitz in andere Regionen und verstärken damit die intelligenzmäßige Ausdünnung in den strukturschwachen Regionen, besonders in der Grenzregion zu Polen. Indiz für die schrumpfende Bildungsschicht in Ostdeutschland ist die Krise des Buchhandels, der in den letzten Jahren Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent verkraften musste - in der Provinz fehlt zunehmend ein kaufkräftiger Mittelstand. Der Soziologe Klaus Hurrelmann spricht von einer Verdummung ganzer Landstriche.

Bevölkerungsschwund im Osten: Strukturschwache Regionen veröden
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"Aus dieser Ecke von Deutschland zu kommen - da habe ich schon manchmal das Gefühl, die Arschkarte gezogen zu haben", sagt die Abiturientin Julia. Das Negativ-Image des Ostens hat sie bei einem Bewerbungsgespräch schon zu spüren bekommen. "Mit einem Abi aus Ostdeutschland wird man argwöhnisch beäugt." Für einen Augenblick hat sie überlegt, in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben. "Das Land ist wunderschön, aber wenn es wirtschaftlich nicht geht, was soll ich da machen?". Im Herbst schreibt sie sich in Den Haag für einen Bachelor in "European Studies" ein. Thomas verlässt das Schulhaus. Alle Luftballons sind aufgehängt. Er blickt auf die andere Straßenseite. Dort steht ein ehemaliges Schulgebäude, gebaut in Zeiten des Kinderreichtums statt des Wohnungsleerstandes. Wo einst die Schüler durch die Gänge tobten, nisten Vögel. Viele der Fensterscheiben sind eingeschlagen, an einer steht gesprayt: "Olli stinkt". Im Herbst kommt die Abrissbirne. Das gleiche Schicksal trifft drei weitere leer stehende Schulen in unmittelbarer Nachbarschaft. "Der Osten verkommt, das bringt hier alles nix mehr", sagt Thomas und radelt davon.

* Name von der Redaktion geändert.



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