Syrischer Flüchtling an Uni Marburg "Ich erlebe immer wieder Rassismus"

Yesser Natafji, Professorensohn aus Syrien, musste seine Heimat verlassen - seit seiner Flucht studiert er Medizin in Marburg. Ob er in Deutschland bleiben will, weiß der 21-Jährige noch nicht. Ihn belastet die Ausländerfeindlichkeit.

Aufgezeichnet von Christian Engel

Medizinstudent Yesser Natafji: Der 21-Jährige will Professor werden
Yesser Natafji

Medizinstudent Yesser Natafji: Der 21-Jährige will Professor werden


Sich zu integrieren, das machen einem die Deutschen wirklich nicht leicht. Seit zwei Jahren lebe ich schon in Marburg und studiere Medizin, mittlerweile im dritten Semester. Aber immer noch kenne ich nur wenige Deutsche, die echte Freunde sind.

Ich komme aus Damaskus, der Hauptstadt von Syrien. Dort habe ich mit dem Medizinstudium angefangen, aber nach zwei Jahren wurde die Gewalt dort unerträglich. Irgendwann habe ich mich jeden Tag gefragt, ob ich am Abend noch leben und meine Eltern wiedersehen werde.

Deshalb haben wir Syrien verlassen. Meine Familie ist in die Türkei gegangen. Ich habe mich entschieden, in Deutschland zu studieren. Schon das Studentenvisum zu bekommen, war sehr schwierig. Ich musste nachweisen, dass ich mich während meines ganzen Studiums selbst finanzieren kann. Und das zu belegen, war kompliziert.

Als ich hier ankam, war mein Deutsch noch nicht fließend. Deshalb hatte ich große Probleme, eine WG zu finden. Wenn ich am Telefon Englisch sprach, legten viele einfach auf. Ich hatte den Eindruck: Die wollen keine Ausländer.

Die Sprachkurse, die ich hier erhalten habe, waren zwar gut, aber nicht gut genug. Um die Sprache schneller zu lernen, habe ich zu Hause ganze Artikel aus Zeitungen auswendig gelernt.

Zunächst habe ich ein Semester Zahnmedizin studiert. Das war keine gute Erfahrung. Die Kommilitonen waren sehr abweisend, einige haben mich noch nicht mal gegrüßt. Wenn ich Fragen hatte, bekam ich keine Antwort. Keiner konnte oder wollte mir erklären, wie viele Versuche man in einer Klausur hat oder wie man sich am besten auf eine Prüfung vorbereitet.

Nachdem ich zur Medizin gewechselt bin, wurde es besser. Meine Kommilitonen sind netter, und ich habe deutsche Freunde gefunden. Mittlerweile klappt auch alles mit dem Studium, und ich habe sehr gute Noten.

Wenn ich über Deutschland nachdenke, bin ich mir unsicher, was ich davon halte. Zum einen finde ich das Ausbildungssystem hier hervorragend. Ich mag die deutsche Kultur, die Lebenshaltung und die Mentalität. Aber ich erlebe auch immer wieder Rassismus. Nicht nur in der Zeitung, sondern ganz real.

Einmal zum Beispiel war ich mit syrischen Freunden im Bus unterwegs. Weil wir unter uns waren, haben wir uns auf Arabisch unterhalten. Ein Mann vor uns hat sich davon so angegriffen gefühlt, dass er seine Tasche auf den Boden geschmissen und "Scheiß Ausländer" gerufen hat. Dann ist er zum anderen Ende des Busses gelaufen.

Das hat mich sehr getroffen, auch weil ich so machtlos war. Ich wollte diesem Typen sagen, dass ich normalerweise nie Arabisch in der Öffentlichkeit spreche. Dass ich in Syrien ein Abitur von 1,0 gemacht habe. Dass ich Professor werden will, wie mein Vater. Aber das hätte an seinem Hass ja auch nichts geändert.

Eigentlich hatte ich vor, mein ganzes Leben lang in Deutschland zu bleiben und später hier an einer Universität zu lehren. Aber weil ich Geschichten wie diese öfters erlebe, bin ich mir wirklich nicht mehr sicher, ob ich bleiben will.



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