Ehrenamtliche Helferin im Flüchtlingsheim "Du bist ein Engel"

Alissa, 25, druckte gerade ihre Masterarbeit aus, als ihr eine Idee kam. Seither arbeitet die angehende Lehrerin ehrenamtlich in einem Zeltlager für Flüchtlinge in Norddeutschland - bis zu 40 Stunden pro Woche.

Alissa, 25, arbeitet ehrenamtlich in einem Zeltlager für Flüchtlinge
Alissa Gruhn

Alissa, 25, arbeitet ehrenamtlich in einem Zeltlager für Flüchtlinge

Aufgezeichnet von Christian Engel


"Flüchtlinge - das war für mich noch vor einem Monat nur eine anonyme Masse von Menschen. Ich wollte immer helfen, wusste aber nie, wie. Seit drei Wochen bin ich nun ehrenamtlich in einem Zeltlager in Norddeutschland tätig - und die Arbeit erfüllt mich sehr.

Zu meiner Aufgabe bin ich durch Zufall gekommen. Ich habe Ende Juli meine Abschlussarbeit für meinen Master of Education in einem Copy Shop ausgedruckt. Aber es gab einen Fehler mit dem Drucker, und viele Seiten sind verschmiert herausgekommen.

Da hab ich mir überlegt, was man mit all dem Papier machen kann. Ich wusste, dass es um die Ecke seit einigen Tagen ein Flüchtlingslager gab. Deshalb kam mir die Idee, die Blätter den Kindern zu geben - zum Malen. Der Besitzer fand die Idee super und hat mir gleich eine hüfthohe Papierrolle in die Hand gedrückt.

Als ich in das Zeltlager kam, nahm mich eine der Angestellten in den Arm und sagte: 'Du bist ein Engel. Das ist Malpapier, oder?' Noch am selben Tag habe ich geholfen, gespendete Kleidung zu sortieren.

In dem Zeltlager wohnen fast 400 Flüchtlinge, die meiner Stadt in Norddeutschland zugeteilt wurden. Die Menschen leben bei uns in zwei riesigen Wohnzelten, die mit Spanpressplatten in rund 80 kleine Zimmer mit Türen unterteilt sind. In jedem Raum gibt es Betten, einen Tisch mit Stühlen und mehrere Spinde.

Meine Arbeitszeiten kann ich mir selbst aussuchen. Meistens bin ich von montags bis freitags jeden Tag sechs bis acht Stunden im Zeltlager - weil es mir Spaß macht. So viel ehrenamtlich zu arbeiten, kann ich mir gerade leisten, weil ich noch Studentin bin und ein Stipendium bekomme. Wenn ich arbeite, mache ich alles, was anfällt und worauf ich Lust habe. Ich gebe gespendete Kleidung und Hygienemittel an Flüchtlinge aus oder betreue Kinder beim Spielen.

Manchmal setze ich mich auch einfach nur mit den Bewohnern hin und rede mit ihnen. Kürzlich hat mir ein syrischer Mann erzählt, dass er sein Haus verkauft hat, um hierherzukommen. Sein Ziel ist es, dass seine Familie nach Deutschland ziehen kann, damit seine Kinder einmal ein besseres Leben haben. Das finde ich bewundernswert.

Einmal habe ich einen Ausflug zu einem See in der Nähe organisiert. Mehrere Familien und viele Männer kamen mit und waren ganz begeistert. In Zukunft möchte ich das öfters machen, denn viele Bewohner verlassen das Zeltlager kaum.

Die Menschen, die ich dort erlebe, haben großen Respekt davor, dass Deutschland sie aufgenommen hat. Sie wollen unbedingt arbeiten und leiden darunter, dass das Asylverfahren oftmals monatelang dauert und dass sie, bevor es abgeschlossen ist, nicht viel machen können. Wenn ich mit einer Kiste auf dem Arm über den Flur gehe, kommen gleich ein paar Männer und helfen mir tragen.

Seit Kurzem gibt es Deutschkurse in dem Zeltlager. Da kommen oft so viele Leute, dass sie kaum in den Raum passen. Ich habe gesehen, dass sich einige Männer sogar Plakate mit Vokabeln aus dem Unterricht in ihr Zimmer hängen, um möglichst schnell die Sprache zu lernen.

Mich begeistert, mit wie viel Freundlichkeit mir die Leute begegnen. Wenn ich morgens komme, nicken sie mir zu und lächeln. Als ich letztens ein paar Tage weg war, hat ein junger Mann zu mir gesagt: 'Wo warst du? Wir haben dich vermisst.'

Solche Momente geben mir das Gefühl, als Helferin wirklich gebraucht zu werden. Neben mir gibt es noch sehr viele andere Ehrenamtliche. Viele von ihnen sind Studenten oder Lehrer, die ihre Ferien sinnvoll nutzen wollen. Auch von anderen Bürgern gibt es Unterstützung - sie spenden überwältigend viel.

Ich will einmal Lehrerin werden und bewerbe mich derzeit für ein Referendariat. Das geht frühestens im Februar los. Bis dahin möchte ich auf jeden Fall dort arbeiten. Aber auch danach werde ich wohl immer mal wieder in dem Zeltlager vorbeischauen. Denn viele der Bewohner sind meine Freunde geworden."

Beispiele von studentischen Initiativen für Flüchtlinge
Online-Uni für Papierlose
Der Berliner Psychologiestudent Markus Kreßler hat die "Wings University" gegründet - eine Online-Universität für Flüchtlinge. An der virtuellen Hochschule soll es möglich sein, auch ohne Papiere zu studieren. Die Anmelderzahlen sind hoch. Bald sollen die ersten Kurse starten.
Studier-Tandems
Austausch auf Augenhöhe - das ist das erklärte Ziel von "Academic Experience Worldwide", einer Organisation von Frankfurter Studenten. Sie bringt Flüchtlinge mit Universitätsabschluss und Studenten in Tandems zusammen. So soll es den geflüchteten Akademikern erleichtert werden, Anschluss in Deutschland zu finden.
Alltägliche Begleiter
Im Landkreis Eichstätt haben Studenten die "Tun-Starthilfe" ins Leben gerufen. Die Mitarbeiter der Initiative begleiten Flüchtlinge beim Einkaufen oder bei Behördengängen. Zudem geben sie Deutschunterricht und veranstalten Sprachschulen.
Offener Hörsaal
Studenten der Uni Lüneburg haben geholfen, ein Gasthörerprogramm auf die Beine zu stellen. Mit dem Projekt "Open Lecture Hall for Refugees" begleiten studentische "Buddys" Geflüchtete im universitären Alltag. Hinzu kommen soll bald ein "Brückenstudium" - ein Programm, das Flüchtlinge auf das reguläre Studium vorbereitet.
Rechtliche und medizinische Hilfe
Kostenlose Rechtsberatung für Flüchtlinge bietet die "Refugee Law Clinic Munich", die von Studenten betrieben wird. Ebenfalls in München haben sich Medizinstudenten unter dem Namen "Migramed" zusammengeschlossen. Sie vermitteln und dolmetschen zwischen Flüchtlingen und Ärzten.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
m.gu 08.09.2015
1. Sie verwirklicht Solidarität,Menschlichkeit,Demokratie.
Eine Geste der Menschlichkeit gegenüber Flüchtlinge die alles verloren haben. Ein krasser Gegensatz zu den Menschen in Deutschland, die Brandsätze auf Asylunterkünfte werfen,Flüchlinge verletzen. Viele freiwillige Helfer zeigen der ganzen Welt, wie die Masse der Deutschen denkt und handelt.
marcw 08.09.2015
2.
Auch bekannt als Helfersyndrom.
neucriro 08.09.2015
3. zynisch
@lex.suirrel: Ich glaube, den Flüchtlingen ist das reichlich egal, ob sich der/diejenige besser fühlt, wenn er hilft. Außerdem ist das schon eine implizite Bewertung, zumindest der zweite Teil und extrem zynisch...
klemeyer 08.09.2015
4. hmm,
als junge Frau das Verlangen von Männern als Beweis für die Freundlichkeit von Flüchtlingen erfreut entgegenzunehmen und sich gleichzeitig als Florence Nightingale zu fühlen - und das ganze als leuchtendes Beispiel völlig unkritisch bei SPON - etwas naiv, oder...?
hundogonzalez 08.09.2015
5.
Zitat von marcwAuch bekannt als Helfersyndrom.
Oder einfach als Menschlichkeit. Aber das ist wohl zu einfach für ihr komplexes Denken.
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