Forschen PREIS FÜR DEN HORRORLADEN

Regensburger Biologiestudenten erforschten das Image von Genfood und gewannen damit den Wettbewerb der Körber-Stiftung.


Den Anstoß gab ein Plakat in der Regensburger Mensa. "Risiko!" war dort zu lesen ­ "Der Umgang mit Sicherheit, Chance und Wagnis". Unter diesem Motto stand der zweite "Deutsche Studienpreis", ein internationaler Forschungswettbewerb für Studenten aus dem In- und Ausland, den die Hamburger Körber-Stiftung alle zwei Jahre ausschreibt. Preise von insgesamt mehr als einer halben Million Mark verlocken zur Teilnahme.

Christoph Scherber, 23, hatte sich schon als Schüler an den "Jugend forscht"-Wettbewerben beteiligt. "Ich fand es immer schade, dass man als Student nicht mehr teilnehmen kann", erzählt der angehende Biologe. Als sie die Studienpreis-Ankündigung sahen, war für Scherber und seine Kommilitonen Anja Hoffmann, 22, und Fabian Filipp, 22, gleich klar: "Da machen wir mit!"

Die genaue Fragestellung für ihren Wettbewerbsbeitrag mussten sich alle Teilnehmer selbst ausdenken. Die Regensburger Jungforscher wagten sich an ein umstrittenes Thema: Sie wollten untersuchen, wie die Öffentlichkeit zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln steht und ob eine gezielte Informationskampagne das allgemeine Stimmungsbild beeinflussen kann.

"Damit wollten wir herausfinden, wie eigentlich der Informationsfluss zwischen Wissenschaft und Gesellschaft läuft", erklärt Christoph Scherber. Wahrscheinlich, vermuteten die Biologiestudenten, würde zusätzliches Wissen über Möglichkeiten und Risiken der Gentechnik die Einstellung der Verbraucher verändern.

Zunächst aber musste das Thema ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Was wäre, überlegten die Studenten, wenn man den Regensburger Bürgern weismachen könnte, die große Genfood-Welle stünde bereits unmittelbar bevor? Wenn man beispielsweise über die Presse verbreiten würde, in einem Laden mitten in der Innenstadt werde es demnächst nur noch gentechnisch hergestellte Nahrung zu kaufen geben?

Scherber, Filipp und Hoffmann gewannen die Redaktion des lokalen Anzeigenblatts für ihre Idee, und am 14. März vergangenen Jahres erschien im "Donau-Blizz" unter der Schlagzeile "Der kleine Horrorladen" ein Bericht über die eigenwillige Geschäftsidee zweier Jungunternehmer: Wolfgang Ebenbeck, promovierter Biochemiker, und Fabian Filipp, Student der Biochemie, planten angeblich die Eröffnung des bundesweit ersten Genfood-Ladens. Ausnahmslos Lebensmittel mit modifizierter Erbsubstanz sollten dort über den Tresen gehen, denn, so die angehenden Einzelhändler, "Gen-Gemüse schmeckt einfach besser".

Die Resonanz ließ nicht lange auf sich warten: Nicht nur "Donau-Blizz"-Leser schrieben aufgebrachte Briefe, auch Greenpeace fiel auf den fingierten Schocker herein, empörte sich pflichtgemäß und stellte am 17. März eine Meldung über das Vorhaben ins Internet. Was den Umweltschützern entging: Schon tags zuvor hatte eine Lokalzeitung den Bericht als Ente enttarnt. Alles gelogen, verriet die "Mittelbayerische Zeitung" ­ kein Laden, keine hochgezüchteten Tomaten, kein Gen-Waschmittel, keine Klon-Kiwis.

"Es war natürlich ärgerlich, dass der Schwindel schon nach zwei Tagen aufflog", sagt Christoph Scherber. Denn die Aktion war sorgfältig vorbereitet worden ­ selbst beim Bayerischen Umweltministerium hatten die Studenten vorgesprochen, um vor dem möglichen Ansturm erzürnter Genfood-Gegner zu warnen. "Aber wir hatten trotzdem unser Ziel erreicht, Aufmerksamkeit für das Thema zu erregen", so Scherber. Die eigentliche Forschungsarbeit konnte beginnen.

Jetzt galt es, Fragebögen zu entwerfen, mit denen Wissen und Ansichten der befragten Personen über gentechnisch veränderte Nahrung untersucht werden konnten ­ und zwar sowohl vor als auch nach einer Aufklärungs-Offensive, die möglichst neutral über Genfood informieren sollte. "Wir haben schnell gemerkt, dass wir noch jemanden brauchten, der sich mit sozialwissenschaftlichen Methoden auskennt", erinnert sich Christoph Scherber. Über die Fachschaft Psychologie stieß so noch Martin Gründl, 24, zum Forscherteam.

Die Befragungen, beschlossen die Studenten, sollte auf dem Campus der Universität stattfinden. "Nur dort konnten wir einigermaßen sicher sein, dass wir vor und nach der Aufklärungskampagne dieselben Personen antreffen würden", erklärt Psychologiestudent Gründl.

Ihre Semesterferien verbrachten die vier Nachwuchswissenschaftler damit, Fragebögen auszuarbeiten, Informationsmaterial zusammenzutragen, Broschüren, Plakate und Flugblätter zu erstellen und eine eigene Homepage zu entwickeln. Die Universitätsdruckerei erklärte sich bereit, die Fragebögen zu vervielfältigen. 500 Stück verteilten Gründl, Scherber, Hoffmann und Filipp dann an ihre Mitstudenten, immerhin 350 bekamen sie innerhalb weniger Tage zurück.

Nun folgte der wichtigste Teil des Projekts: Während der zweiwöchigen Aufklärungskampagne verteilten die vier Forscher das zuvor verfasste Material, stellten Schautafeln auf dem Campus auf und versuchten, an Info-Ständen mit möglichst vielen Kommilitonen ins Gespräch zu kommen ­ alles neben dem Uni-Alltag. "Meistens sind wir dann gleich vom Info-Stand ins Praktikum gegangen", erzählt Anja Hoffmann.

Im Anschluss an die Informationswochen wurden erneut Fragebögen ausgegeben. Ein Vergleich der Antworten vor und nach der Aufklärungskampagne sollte zeigen, ob die Befragten nun mehr über Gentechnik in Nahrungsmitteln wussten und ob sich ihre Einstellung dazu verändert hatte. Doch zunächst mussten mehr als 37 000 Einzeldaten der Versuchspersonen in den Computer eingetippt und statistisch ausgewertet werden.

Das Ergebnis überraschte: Zwar hatten die Versuchsteilnehmer an Wissen gewonnen, an ihrer Meinung zu gentechnisch veränderter Nahrung hatte das aber kaum etwas geändert. Nach wie vor standen mehr als zwei Drittel der Befragten der Gentechnik kritisch oder ablehnend gegenüber ­ die These, dass mehr Wissen zu einer veränderten Risikoeinschätzung führen würde, war damit klar widerlegt. Bis die Studie schließlich zu Papier gebracht war, mussten die Studenten noch einige Nächte durcharbeiten. "Wir waren zum Teil schon an der Grenze unserer Möglichkeiten", sagt Scherber.

Die Mühe hat sich gelohnt. Die Juroren der Körber-Stiftung wählten die Genfood-Studie aus rund 380 Einsendungen für einen der fünf ersten Preise aus. "Uns gefielen vor allem der interdisziplinäre Ansatz und die originelle Idee mit dem fingierten Zeitungsartikel", lobt Simon Golin, Geschäftsführer beim Deutschen Studienpreis.

Die Regensburger Studenten freuten sich über die 10 000 Mark Preisgeld, vor allem aber möchten sie die Erfahrung, selbständig und interdisziplinär zu forschen, nicht missen: "Ich hatte zum Beispiel vorher noch nie mit Geisteswissenschaftlern zusammengearbeitet", sagt Christoph Scherber, der seinen Anteil am Preisgeld in einen Forschungsaufenthalt in Afrika investieren möchte.

Und Anja Hoffmann meint: "Gerade weil man beim Biologiestudium nur Pflichtveranstaltungen hat, war es toll, einmal freiwillig und eigenverantwortlich Wissenschaft zu machen."

JULIA KOCH


Die dritte Ausschreibung des Deutschen Studienpreises startet am 1. Juni 2000 mit dem Thema "Bodycheck ­ wie viel Körper braucht der Mensch?"



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