Forschungsskandal Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Göttinger Uni-Mitarbeiter

Die Uni Göttingen soll staatliche Forschungsmittel unsachgemäß verwendet und teilweise erschlichen haben. Wegen dieser Vorwürfe ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Die Behörde sieht nach einem ersten Bericht der DFG den Betrugsverdacht erhärtet.


In der Affäre um Unregelmäßigkeiten bei millionenschweren Fördergeld-Anträgen an der Universität Göttingen ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Wegen des Verdachts des versuchten Betruges und der Untreue sei gegen Mitarbeiter der Hochschule ein förmliches Verfahren eingeleitet worden, teilte ein Sprecher der Göttinger Ermittlungsbehörde mit.

Uni Göttingen: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mitarbeiter
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Uni Göttingen: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mitarbeiter

Anlass der Ermittlungen sei ein erster Untersuchungsbericht, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vorgelegt habe. Daraus ergebe sich ein Anfangsverdacht gegen die Wissenschaftler, sagte Heimgärtner. Die Staatsanwaltschaft erwarte noch weitere Berichte der DFG. Einzelheiten zu den Vorwürfen und den betroffenen Forschern wollte der Sprecher nicht nennen.

Die DFG überprüft seit einem Vierteljahr, wie es dazu kam, dass Wissenschaftler der Universität die Mittel der Forschungsgemeinschaft nicht sachgemäß verwendeten. Anfang Mai war die Universität Göttingen nach einem Bericht des SPIEGEL massiv in die Kritik geraten. Das Nachrichtenmagazin hatte erfahren, dass Mittel der DFG im Sonderforschungsbereich 552 "Stabilität von Randzonen tropischer Regenwälder in Indonesien" bewusst falsch verwendet wurden: Im September 2007 nahm die Universität einen Kassensturz vor und bemerkte, dass 150.000 Euro übrig waren, die an die DFG hätten zurückfließen müssen. Nach SPIEGEL-Informationen wurden kurzerhand mehrere Mitarbeiter aus anderen Bereichen auf die Gehaltsliste der Tropenforscher gesetzt.

Zudem sollen 16 Wissenschaftler des gleichen Bereichs in einem Förderantrag an die DFG falsche Angaben über Publikationen gemacht und teilweise Veröffentlichungen erfunden haben.

Neben DFG und Staatsanwaltschaft bemüht sich auch die Universität Göttingen selbst, die Vorwürfe aufzuklären. Hochschulpräsident Kurt von Figura hatte vor dem Wissenschaftsausschuss des niedersächsischen Landtages angekündigt, er wolle die Prüfung des Fehlverhaltens von Forschern im Zusammenhang mit erfundenen Publikationen in der ersten Jahreshälfte abschließen. Anschließend solle die Verwendung von Forschungsgeldern überprüft werden.

Unklar ist bisher, ob, und wenn ja, wie tief auch die Universitätsleitung in die DFG-Affäre verstrickt ist. Bei einem Treffen des Leiters der Finanzabteilung mit einer Mitarbeiterin des betroffenen Sonderforschungsbereichs wurde im November 2007 laut einer Gesprächsnotiz diskutiert, dass Präsident von Figura künftig "keinerlei Unregelmäßigkeiten mehr durchgehen lassen" werde. Zugleich aber sei "die Finanzabteilung gewillt, dem SFB mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, auch was 'kreative Mittelverwendung' betrifft, da auch die Finanzverwaltung daran interessiert ist, kein Geld an die DFG zurückgeben zu müssen".

Hiermit konfrontiert sagte Uni-Präsident von Figura: "Der falsche Eindruck ist durch eine unbedachte Formulierung entstanden, die eine Mitarbeiterin des SFB in einer Notiz über ein Gespräch gemacht hat." Er verwahrte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE außerdem dagegen, dass er oder die Universität "irgendwelche Unregelmäßigkeiten durchgehen ließen". Es habe zu keiner Zeit "Tricks zulasten der DFG" gegeben.

Der Präsident der Uni Göttingen kündigte unterdessen an, auch arbeitsrechtlich gegen Mitarbeiter vorgehen zu wollen, bei denen sich während der Prüfung Anhaltspunkte für Dienstvergehen ergeben.

cht, dpa

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