Fotografische Deutschland-Reise "Als ob eine Scherbe in die Hacke drückt"

Fotografie-Student Phillip Gätz, 27, wanderte für seine Diplomarbeit über 1000 Kilometer durch Deutschland und dokumentierte Menschen, die ihm halfen oder die er cool fand. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt er, warum er kurz vor Ende weinen musste und wie das Internet ihm half durchzuhalten.

Reisevorbereitung: Wegen Hitze und Zeckengefahr mussten Gätz' Haare weichen
Phillip Gätz

Reisevorbereitung: Wegen Hitze und Zeckengefahr mussten Gätz' Haare weichen


SPIEGEL ONLINE: Sie sind für Ihre Diplomarbeit 1111 Kilometer durch Deutschland gewandert. Von Nord nach Süd, von Flensburg nach Füssen. Wie war es, endlich am Ziel zu sein?

Phillip Gätz: Ich habe während der ganzen Wanderung darüber nachgedacht. Acht Wochen lang. Ich habe mir überlegt, welchen Song ich höre, wenn ich die Grenze mit dem Fuß antippe. Und als ich endlich ankam, war nichts. Einfach Stille.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ziemlich enttäuschend.

Gätz: Es haben sich über den ganzen Trip unglaublich viele Emotionen aufgebaut. Und die haben sich schlagartig gelöst, als ich drei Wandertage vor Füssen die Alpen gesehen habe. Ich bin über eine Kuppe, und es war wie im Bilderbuch: Der Himmel riss auf, die Kuhglocken läuteten, und ich sah die Alpen.

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13  Bilder
Foto-Diplomarbeit zu Fuß: 1111 Kilometer deutsches Land
SPIEGEL ONLINE: Und, mussten Sie weinen?

Gätz: Ja, auch wenn das jetzt theatralisch klingt. Wenn Du zwei Monate geradeaus läufst, und dann auf einmal die Alpen siehst, weißt du: Jetzt ist es geschafft. Füssen war für mich eher wie der Abpfiff im Fußball, gewonnen hatte ich schon vorher auf der Kuhwiese.

SPIEGEL ONLINE: Sie studieren Fotografie, nicht Sport. Warum die Wanderung?

Gätz: Die Idee kam mir auf Borkum. Anfang des Jahres war ich eine Woche dort und habe bei Freunden in der Ferienwohnung nach der Post gesehen. Ich hatte kein Handy dabei, kein Notebook, nur die Kamera. Mir ist aufgefallen, dass ich in der Einsamkeit ganz anders fotografiere. Viel bewusster.

SPIEGEL ONLINE: Dann hätten Sie auch dort bleiben können. Das wäre entspannter gewesen.

Gätz: Ich wollte eben nicht einfach nur an einen Ort fahren, sondern mich körperlich einbringen. Ich wollte die Fotografie mit meiner Geißelung verbinden. So kam ich auf das Wanderding.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten alleine wandern und haben doch Tausende mitgenommen: Sie haben einen Blog, und auch auf Facebook waren Sie sehr präsent. Wie passt das zusammen?

Gätz: Klar, ich hätte ganz still und heimlich wandern können. Aber offiziell sind wir als Studenten der Fotografie und Medien eingeschrieben. Deswegen habe ich versucht, daraus ein Experiment zu machen. Ich wollte gucken, wie groß die Lawine wird, wenn ich einen Stein anstupse.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist sie geworden?

Gätz: 6000 Menschen haben sich gegen Ende täglich meinen Blog oder mein Facebook-Profil angeschaut. Insgesamt waren 68.000 auf der Seite.

SPIEGEL ONLINE: Und im Fernsehen waren Sie auch.

Gätz: Genau. Ich habe beim Start in Flensburg eine Lokalzeitung informiert. Die haben über mich berichtet. Die nächste Zeitung hat das gelesen und hat sich bei mir gemeldet. Das lief wie eine Kettenreaktion ab, und nach der fünften Zeitung schnallte es dann der NDR.

SPIEGEL ONLINE: Aber irgendwann bekamen Sie Konkurrenz.

Gätz: Ich habe bei Kilometer 700 von Joey Kelly erfahren. Der ist dann auch losgewandert, schläft im Zelt und isst nur das, was er in der Natur findet. Das hat mich unglaublich frustriert. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem ich das mache, laufen Joey Kelly und die Einheitswanderer von SPIEGEL ONLINE. Es haben mich sogar schon Leute auf der Straße gefragt, ob ich Joey Kelly bin.

SPIEGEL ONLINE: Aber inzwischen sind Sie drüber hinweg?

Gätz: Mittlerweile denke ich, dass die Wanderung für mich etwas Besonderes bleibt. Es war nur so, dass ich durch die Medien in einen Sog reingezogen wurde und immer mehr wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Fotos haben Sie gemacht?

Gätz: Tausende. Ich habe für den Blog fotografiert, und für meine Diplomarbeit habe ich mir einen roten Faden überlegt: Ich wollte Porträts von Menschen machen, die mir helfen oder die ich einfach cool finde.

SPIEGEL ONLINE: Das konnten Sie aber nicht beeinflussen.

Gätz: Ich hätte natürlich vorher googlen können: Ob in dem und dem Ort der Tischtennismeister von 1974 lebt oder ein blinder Breakdancer. Aber das hätte mit der Wanderung nichts mehr zu tun gehabt. Am Anfang hat mich das gestresst. Aber nach der Hälfte habe ich gemerkt, dass es läuft.

SPIEGEL ONLINE: Auch mit Ihren Füßen?

Gätz: Denen ging es am Anfang echt schlecht. Ich hatte die fiesesten Blasen meines Lebens. Es fühlte sich an, als ob mir jemand eine Glasscherbe in die Hacke gedrückt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben wohl Ihre Wanderschuhe nicht eingelaufen.

Gätz: Mir haben natürlich alle gesagt: Latsch Deine Wanderschuhe gut ein. Das habe ich dann auch fünf, sechs Mal bei meinen Eltern in der Nähe von Bielefeld auf dem Land gemacht. Auch mit Gepäck. Aber dann habe ich mir irgendwann gesagt: Du lässt es jetzt darauf ankommen. Sonst wäre ich noch irgendwann zur der Erkenntnis gekommen, dass ich gar keinen Bock darauf habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft hatten Sie während der Wanderung keine Lust mehr?

Gätz: Natürlich war es oft anstrengend, besonders wenn es tagelang durchgeregnet hat. Und zwei, drei Mal konnte ich auch wirklich nicht mehr laufen. Meine Füße taten verdammt weh. Da hätte ich fast ein Taxi gerufen oder ein Auto angehalten. Aber ich habe mich an meinen Vorsatz gehalten: Ich komme nur mit meinen Füßen ans Ziel. Kein Auto, kein Bus, kein Fahrrad. Wenn ich so fertig war, haben mir auch der Blog und Facebook geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Gätz: Die Kommentare von Freunden und Fremden haben mich aufgebaut. Und sie haben mir auch bei meinen Blasen geholfen. Ich hatte Blasenpflaster dabei, wusste aber nicht, ob ich die Blase vorher aufmachen musste. Ich habe eine Foto von der Blase gemacht, das bei Facebook reingestellt und gefragt: Leute, wie seht ihr das? 25 haben gesagt: Aufmachen! 25 haben gesagt: Zulassen! Der 51. Kommentator war Arzt, und der schrieb: Hör auf mich, Du lässt sie zu.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie von der Reise mitgenommen?

Gätz: Ich habe mich tätowieren lassen. Ich habe mir gedacht: Einen Vorteil hat die Reise sowieso, Du nimmst wenigstens ab. Ich wollte immer schon ein Tattoo, aber dafür musste mein Körper in Form sein. Ich fotografiere ja auch nicht auf altem, kaputtem Fotopapier. Ich wusste, wenn ich ankomme, lasse ich mich tätowieren. Darauf habe ich mich die ganze Zeit gefreut.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Tattoo?

Gätz: Auf den Füßen habe ich die Geopositionsdaten von Füssen und Flensburg und auf dem Arm eine Schwalbe mit einer Deutschlandkarte auf dem Rücken.

SPIEGEL ONLINE: Warum die Schwalbe?

Gätz: Ich wollte eine Erinnerung an meine Route haben. Sie können sich aber vorstellen, wie es ankommen würde, wenn ich mir eine Deutschlandkarte auf den Oberarm stechen lassen würde. Die Schwalbe hat mich während der Reise immer begleitet. Sie zieht auch gen Süden und zeigt das Wetter an. Wir haben uns einiges geteilt.

SPIEGEL ONLINE: Und sonst? Wie lautet Ihre Bilanz?

Gätz: Wollen Sie es genau wissen?

SPIEGEL ONLINE: Ja.

Gätz: Ich bin ungefähr 3,4 Millionen Schritte gewandert. Ich habe 122.455 Extra-Kalorien in 297 Wanderstunden verbrannt. Ich habe 300 Liter Wasser getrunken, 3 krasse Sonnenbrände sowie 7 Anflüge von Erkältung überstanden, und ich habe an 68 verschiedenen Stellen geschlafen: im Pferdestall, im Wald, im Surfer-Bulli, im Kloster und in einer Kneipe.

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
zx6 05.10.2010
1. Hmm...
...eine Diplomarbeit. Welches wohl der wissenschaftliche Anspruch an die Arbeit war? Oder ist der nicht mehr nötig? Reicht Blogschreiben und Facebook und Twittern und "irgendwas mit Medien und so" mittlerweile aus?
selbstfinder 05.10.2010
2. Quasi geschenkt!
Zitat von zx6...eine Diplomarbeit. Welches wohl der wissenschaftliche Anspruch an die Arbeit war? Oder ist der nicht mehr nötig? Reicht Blogschreiben und Facebook und Twittern und "irgendwas mit Medien und so" mittlerweile aus?
Sie haben völlig recht, er hat es sich ganz schön einfach gemacht. War quasi geschenkt. Eine fotografische Dokumentation, die darüber hinaus im Internet über drei Plattformen kommuniziert wurde, bei der Internet User daran teilhaben konnten und Einfluss darauf hatten, hat mit "Fotografie und Medien" absolut nichts zu tun. Und dass er dafür zu Fuß durch die Bundesrepublik gelaufen ist, war natürlich der Weg des geringsten Widerstandes. Früher war sicherlich alles besser, richtig? Und sicher haben sie die fertige Diplomarbeit auch gelesen, so dass sie abschließend beurteilen können, ob ein wissenschaftlicher Anspruch vorhanden war oder nicht.
boolean 05.10.2010
3. Was ist schon wissenschaftlich...
...ich als nun endlich fertiger Ingenieur bin da meistens auch skeptisch. ABER ich habe schon soo viele Diplomarbeiten von angehenden Ingenieuren gesehen / teils gelesen, das man fast jede Arbeit hinterfragen kann. Ich denke das wissenschaftliche ist nicht die "Arbeit" für die Abschlussarbeit, sondern die Auswertung bzw. Schlußfolgerung und dazu MUß man die Diplomarbeit erst einmal lesen!!!
cfp 05.10.2010
4. olle kamelle
Das Prinzip Wanderschaft und unterwegs Menschen photographisch dokumentieren gibt es schon sehr lange, und um einiges spannender konzipiert: siehe http://www.daumenkinographie.de/index.html Über diesen langjährigen Wanderer und Daumenkinokünstler und seine Wanderschaften und Begegnungen mit Menschen wurde übrigens u.a. im März 2009 in der Geo breit berichtet......
MacManiac, 05.10.2010
5. Zutreffende Festellung: Zäunebauer....
Und weil jeder Pfosten seinen Vorgarten einzäunt, gibt es nur hässliche Siedlungen und Zank und Streit zwischen den Nachbarn. Haben die Leute eigentlich Angst, dass Ihnen das Grundstück unterm Arsch wegklaut? Ich kann verstehen, dass man eine Weide einzäunt, damit die Tiere mit abhauen. Aber wozu ein Privatgrundstück? Auf der anderen Seite profitieren davon Zaunhersteller, Baumärkte, Rechtsanwälte und Hunde ;-)
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