Zu Gast auf Akademikerball Rechte? Wir doch nicht

6000 Gegendemonstranten für einige Hundert Ballbesucher: Während in der Wiener Innenstadt gegen Burschenschaften demonstriert wurde, freuten sich Burschen und Alte Herren im Saal über jede Meldung von kaputten Autos und eingeworfene Scheiben. Sie fühlen sich als Opfer - und genießen das.

Von Fabian Kretschmer

Fabian Kretschmer

Nicht immer greifen Burschenschafter zu Korbschläger oder Bierkrug, um Streitigkeiten auszutragen. Ende der achtziger Jahre, erzählt mir mein Gegenüber, sei auch mal geschossen worden. Marburger Korporierte hätten sich eine echte Schießerei geliefert, sagt der Mann Mitte 30. Er muss damals zehn Jahre alt gewesen sein, aber die Geschichte amüsiert ihn. Er hat sich eben mit zwei kappentragenden Bundesbrüdern zu mir gesetzt.

Die drei sind Juristen, einer aus Berlin und zwei aus Düsseldorf, und sie sind eigens für den Akademikerball der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) nach Wien gereist. Während die Ballbesucher in der Hofburg eintrudeln, vertreiben sich meine Tischnachbarn die Zeit mit Burschen-Anekdoten. Über die schießfreudigen Marburger Brüder sagt der Jurist, der mir gegenüber sitzt: "Den Schützen kannten die natürlich. Wollten das dem Richter aber erst nach der Verjährung sagen. Nur: Da hat's niemanden mehr interessiert!"

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Akademikerball: Randale gegen FPÖ-Ball

Mitglieder des Ball-Organisationskomitees schwirren durch den Saal und verbreiten Neuigkeiten aus der Sicherheitszone, zu der die Wiener Innenstadt wegen des Akademikerballs und der Gegendemonstrationen erklärt wurde. Zu uns kommt ein älterer Herr mit Kappe und Farbband vor dem Bauch. Nur scheinbar bestürzt, doch freudig erregt berichtet er: Es habe gerade einen Funkwagen des ORF "erwischt", die ersten Polizeiabsperrungen seien von den linken Demonstranten "gestürmt" worden.

"Typisch links, alles zerstören"

"Typisch links, alles zerstören, und wir müssen dafür zahlen", sagt der deutsche Jurist zu meiner Rechten. Seine Frau, die sich im champagnerfarbenen Ballkleid auf eine Sofalehne stützt, sekundiert: "Die bestreiten doch alles! Bis auf ihren Lebensunterhalt." Gelächter. Der dritte in der Runde feixt: "Wenn die Polizei nicht Herr der Lage wird, dann müssen wir eben selbst eingreifen."

Martin Graf, FPÖ-Politiker, Alter Herr der pflichtschlagenden Burschenschaft Olympia und bis 2013 im Präsidium des österreichischen Parlaments, betritt den Saal. In Österreich ist jeder dritte FPÖ-Parlamentarier im Nationalrat ein "Alter Herr", der Einfluss der Brüder und Burschen, die Graf lauschen, reicht weit. Etliche Professoren an österreichischen Universitäten waren in ihrer Studentenzeit aktive Korporierte. Als Mitglied des Ehrenkomitees seiner FPÖ-Party stellt ein Festredner sogar den Vizerektor der Uni Wien, Heinz Faßmann, vor. Am Samstagnachmittag wird die Uni Wien via Twitter dementieren, dass Faßmann Mitglied im Komitee ist.

Politisch zu Hause in der FDP

Mit den Rechten hätten sie nichts zu tun, erklären mir meine Tischnachbarn. FDP und Freie Wähler, da seien sie in Deutschland politisch zu Hause. Schon wieder unterbricht ein aufgebrachter Frontberichterstatter unser Gespräch. Diesmal weiß er von einer Polizeistation in der Innenstadt, die von Demonstranten gestürmt worden sei. Er lächelt. "Jetzt setzen sie Wasserwerfer ein. Und das ist bei den Temperaturen gut so." Denn in Wien hat es in der Ballnacht Minusgrade.

Tatsächlich wird sich später zeigen, dass eine Gruppe gewalttätiger Demonstranten mehrere Polizeiautos zerstört und die Scheiben einer Polizeiwache eingeworfen hat. Die BBC bezeichnet es später als große Gegendemo gegen einen rechten Ball, begleitet von "minor incidents", kleineren Zwischenfällen. Einen FPÖ-Sprecher zitiert die britische Anstalt mit den Worten, die Demonstrationen gegen den Ball seien ein Zeichen für "Faschismus im 21. Jahrhundert".

Das gesamte Areal um Heldenplatz und Hofburg ist am Freitagabend Sperrgebiet. Anfangs hieß es, auch Journalisten dürften nicht in die Sperrzone. Dann hieß es, Fernsehteams dürften eine halbe Stunde den Eingang filmen, und das auch nur mit einem Pressesprecher der Wiener Polizei als Aufpasser. Die Journalistengewerkschaft innerhalb der GPA-djp nannte die Beschränkungen einen Anschlag auf die Pressefreiheit, der "an ukrainische Zustände erinnere".

Ich bin mit Saalkarte dabei, nach einer Stunde Burschenromantik muss ich an die frische Luft. Zurück im Saal ist der Anblick der vollen Tanzfläche prächtig: Die meisten Männer tragen Frack, manche auch vollen Wichs mit Säbel und Käppchen, fast jeder hat das Farbband seiner Verbindung vor dem Bauch. Am meisten freuen sich die Brüder über die große Aufmerksamkeit von etwa 6000 Gegendemonstranten.

Das Feindbild stärkt das Wir-Gefühl

"Erlebnisorientierte Touristen aus Deutschland" seien die Krawallmacher, die offenbar gekommen seien, um Wien zu verwüsten und freiheitlich denkende Menschen an ihrem demokratischen Grundrecht auf Versammlungsfreiheit zu hindern. So erklären sich die Ballbesucher die Demo gegen Fremdenfeindlichkeit und Burschendünkel vor der Tür. Das Feindbild stärkt das Wir-Gefühl, es wirkt, als täten die Demonstranten den rausgeputzten Ballbesuchern einen großen Gefallen.

Nach einem Jahr Ballpause ist FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wieder Held des Abends: Der Zahntechniker, Kurzzeit-Geschichtsstudent und stolzer Burschenschafter soll vor zwei Jahren die Demonstration gegen den Ball und seine Besucher mit Judenpogromen verglichen haben. In seiner Eröffnungsrede zieht Strache auch diesmal wieder Opfervergleiche. Es sei "eine demokratische Pflicht, sich nicht vom Mob auf der Straße aus diesen ehrwürdigen Hallen vertreiben zu lassen". Deutsche FDP-Juristen, Burschen mit Schmiss, Rentner auf k.u.k.-Urlaub spenden Strache tosenden Beifall.

Als ich meinen Tischnachbarn erzähle, dass ich Journalist bin, ebbt der Schwall der Anekdoten ab. Beim Verabschieden gibt mir ein älterer Herr noch mit auf den Weg, wieso die Angriffe der linken Demonstranten Unsinn sind. "Einen Ball abzuhalten am Geburtstag vom 'Alten Fritz' - liberaler geht's ja wohl nicht!" Vor zwei Jahren, bei Straches mutmaßlichem Reichskristallnachtvergleich, fiel das Fest auf den Holocaustgedenktag.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version diese Artikels war im Vorspann von 400 Ballbesuchern zu lesen. Andere Quellen berichten jedoch von bis zu 900 Ballgästen. Weil die Angaben stark variieren, haben wir den Teaser des Textes nachträglich angepasst.

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