Hochschulproteste in Frankreich "Wir sind die Geiseln der Besetzer"

Studenten machen Front gegen Emmanuel Macrons Reform der Studienplatzvergabe: Doch jetzt werden die besetzten Universitäten von der Polizei geräumt, der Rückhalt für die Aktivisten bröckelt.

AFP

Von , Paris


Blaulicht, Sirenen, Sperrgitter: Dutzende von Mannschaftswagen sind vor den Hochhaustürmen des Centre Pierre Mendès France aufgefahren. Kräfte der Mobilen Bereitschaftspolizei (CRS) patrouillieren vor dem Eingang der Pariser Hochschule an der Rue Tolbiac. Weitere Sicherheitskräfte sind auf den Terrassen positioniert.

Ein paar Hundert Meter weiter ist Feuerwehr im Einsatz, hier ist ein Müllcontainer in Flammen aufgegangen, Rauchwolken verbreiten den Gestank von verbranntem Gummi. "Das erinnert mich an Mai '68", sagt ein Passant, vor 50 Jahren habe er beim Aufstand der Pariser Studenten selbst auf den Barrikaden gestanden.

Um 5.30 Uhr morgens hatten die Sicherheitskräfte mit einem martialischen Einsatz das Amphitheater geräumt, das seit dem 26. März von Studenten und Studentinnen besetzt war. Die Blockade von weiteren Hörsälen und Unterrichtsräumen legte den Unterricht in allen 22 Etagen des Universitätsgebäudes lahm.

"Freie Kommune Tolbiac"

Vorrübergehend war die Hochschule, umgetauft zur "Freien Kommune Tolbiac", das symbolische Zentrum des studentischen Widerstands. Basisdemokratisch, per öffentlicher Abstimmung, wurde über die Redeordnung (jeweils abwechselnd ein weiblicher und männlicher Beitrag) entschieden und die politische Agenda formuliert: "Solidarität mit Kurdistan", "Freiheit für Palästina" oder "Nieder mit dem Syrien-Einsatz". Derweil richteten sich Aktivisten mit Schlafsäcken, Zelten und improvisierter Küche auf eine längere Besetzung ein.

Derartige Aktionen gab es nicht nur in Paris: An bis zu zwei Dutzend Universitäten, darunter Lille, Toulouse, Rennes, Straßburg, Metz, Nancy, machte ein kleiner, aber lautstarker Teil der akademischen Jugend Front gegen die Hochschulreform von Präsident Emmanuel Macron. Streikende Studenten sperrten den Zugang zu Uni-Gebäuden, besetzten Hörsäle und legten damit den Lehrbetrieb lahm.

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Frankreich: "Wie im Mai '68"

Der Protest der Aktivisten richtet sich gegen die Neuordnung der Studienplatzvergabe, das "Gesetz für Orientierung und Erfolg der Studenten" (ORE), vorgelegt von Erziehungsministerin Frédérique Vidal, sieht eine Reorganisation des Aufnahmemodus vor. Statt des wenig transparenten Losverfahrens, mit dem bislang ein Großteil der Studienplätze vergeben wurde, sollen künftig die Universitäten in Eigenverantwortung über die Auswahl entscheiden.

"Das ist eine Form der Selektion, die nicht hinnehmbar ist", schimpft Aurelia über die Bewerbung per Internetportal "Parcoursup". "Damit werden die Anträge nach Lebenslauf, Noten und sozialer Herkunft gesiebt", meint die 20-jährige Aktivistin der Organisation "Solidaires étudiant-e-s". "Frankreich fehlen Akademiker", so die Literaturstudentin. "Wir brauchen angesichts der Babyboom-Generation dringend mehr Studienplätze, damit sich jeder nach dem Abitur für das Fach seiner Wahl entscheiden kann."

Mehr Investitionen in Gebäude, Lehre und Forschung - das stimmt mit den Planzielen der Regierung überein. Erbost hat Präsident Macron jedoch die erzwungene Stilllegung des Lehrbetriebs durch radikale Besatzer. "Die sind oft in der Minderheit" und "oft professionelle Unruhestifter". Statt zu randalieren, sollten die Studenten sich besser um ihre Examina kümmern, raunzte der Präsident und meinte spöttisch: "Es wird keine Schokoladen-Diplome geben."

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Uni-Proteste in Frankreich: "Eure Selektion ist unser Widerstand"

Seit dem Machtwort Macrons wird an den Universitäten aufgeräumt. Nur vier Hochschulen sind derzeit noch gänzlich blockiert, an zehn weiteren Standorten (von insgesamt 400 landesweit) bleibt der Unterricht teilweise behindert. Und selbst unter Studenten bröckelt der Rückhalt, weil die Verzögerung ihrer Semesterprüfungen droht: "Wir sind die Geiseln der Besetzer."

"Der Rechtsstaat wird überall wiederhergestellt", sagte Innenminister Gérard Colomb nach der Räumung vom Freitag. Der Polizeichef von Paris lobte seine Beamten für einen Einsatz "ohne Zwischenfall". Studentenvertreter rügten dagegen das Vorgehen der Bereitschaftspolizei als "überzogene Knüppelei", Dutzende Kommilitonen hätten Verletzungen davongetragen.

Solidarisierungseffekt mit streikenden Arbeitern?

In den sozialen Netzwerken machte gar die Nachricht die Runde, ein junger Mann sei lebensgefährlich verletzt worden. "Der brutale Einsatz hat gerade die neuen Studenten enorm radikalisiert", sagt Aurelia und glaubt an einen zusätzlichen Mobilisierungsschub Anfang kommender Woche.

Ihr Kommilitone Jean-Jacques hofft zudem auf einen Solidarisierungseffekt mit den derzeit streikenden Arbeitern, Angestellten und Beamten - Eisenbahner, Piloten, Personal von Krankenhäusern und Justizverwaltung. "Es gibt eine Konvergenz der Kämpfe", theoretisiert der Geschichtsstudent und meint: "Wir haben eine Schlacht verloren, nicht aber den Krieg."

Am Centre Pierre Mendès France müssen derweil erst einmal die Schäden der Besatzungszeit beseitigt werden. Auf "mehrere hunderttausend Euro", bezifferte Universitätspräsident Georges Haddad die Kosten für die Renovierung der verwüsteten Hörsäle, die Erneuerung von zerstörtem Mobiliar und demolierter technischer Ausrüstung. "Vergeudetes Geld des Steuerzahlers", klagt Haddad und verspricht: "Die bevorstehenden Prüfungen werden wir durchführen. Das sind wir unseren hart arbeitenden Studenten schuldig."



insgesamt 12 Beiträge
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LorenzSTR 21.04.2018
1. Tja
Es gibt halt auch noch intelligentes Leben auf dem Planeten und im Nachbarland lässt man sich traditionell das Leben nicht so gerne von reichen Erben und deren neoliberalem Personal vorschreiben. Hierzulande unvorstellbar und dass Menschen für andere protestieren und auf die Straße gehen, sowieso. Aber nur so geht Fortschritt und eine lebenswerte Zukunft. Und wenn die Autorin die Kosten der angeblich verwüsteten Hörsäle anspricht, dann sollte sie vielleicht auch wissen, welche Schäden am Gemeinwesen die Steuererleichterungen des Herrn Macron für seine Banken- und Erbenkumpels verursacht haben. Davon könnte man hunderte neue Universitäten bauen. Der Mann ist ein typischer neoliberaler Umverteiler nach oben und man kann nur hoffen, dass die Franzosen diesen Spuk bald beenden. Notfalls auf der Straße.
JAK7 21.04.2018
2. Manche können nur meckern
Studienplatzvergabe nach Noten und Leistungen anstatt Losen? Klingt für mich gänzlich logisch, aber leider gibt es überall Studenten, die immer gegen irgendetwas sein müssen und die anderen vom ordentlichen Lernen abhalten. Ein bisschen Demokratierunterricht würde diesen Herrschaften gut tun.
frenchie3 21.04.2018
3. @1 Schon mal in Frankreich gelebt?
Gerade die Studenten hört man permanent meckern daß alles Mist und ungerecht sei, praktikable Vorschläge kommen aber nicht. Das können Sie als Blaupause für den Rest der anderen Streikenden nehmen. Jeder ist dagegen daß ein anderer einen Vorteil hat, das darf nicht sein. Aber wehe es geht an die eigenen Privilegien
probeabstimmer 21.04.2018
4. Der Mai ist noch nicht gekommen
„Der Rechtsstaat wird überall wieder hergestellt!“ Da kennt sich Herr Macron aus. Bis zu den Festakten zum 50. des „Mai 68“ muss die Kehrwoche gemacht sein. Die Deutungshoheit für Rechtsstaat und Demokratie in Europa wird zunehmend von Neoliberalen beansprucht. Das löst aber nicht die Probleme der von ihnen nicht vertretenen Bevölkerungsgruppen.
LorenzSTR 21.04.2018
5. Falsch
Zitat von frenchie3Gerade die Studenten hört man permanent meckern daß alles Mist und ungerecht sei, praktikable Vorschläge kommen aber nicht. Das können Sie als Blaupause für den Rest der anderen Streikenden nehmen. Jeder ist dagegen daß ein anderer einen Vorteil hat, das darf nicht sein. Aber wehe es geht an die eigenen Privilegien
Genaus das ist eben nicht so. Die Gewerkschaften der Elektrizitätsunternehmen unterstützen etwa die Streikenden der Bahn. Und die Studierenden gehen nicht für ihre Studienplätze, sondern für die der nachkommenden Semester auf die Straße. Schon bei den Protesten gegen die neoliberalen Umverteilungspläne des Herrn Macron in den vergangenen zwei Jahren haben Studierende, Arbeiter und Angestellte gemeinsam und für sich gegenseitig demonstriert. Das ist nicht nur ein deutliches Zeichen für gelebte Solidarität, sondern auch für demokratische Bildung. Hierzulande mittlerweile völlig unvorstellbar und wir sehen an einigen Kommentaren ja auch, was man in D oftmals unter "Demokratie" versteht: Buckeln, funktionieren und die neoliberale "marktkonforme Demokratie" hinnehmen.
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