Frankreichs Streikbrecher "Lasst uns rein, wir wollen wieder studieren"

Während halb Frankreich gegen die Arbeitsmarktreform auf die Barrikaden steigt und Premier Villepin sein Waterloo erlebt, formieren sich Anti-Protest-Proteste. Streikbrecher unter den Studenten schwimmen gegen den Strom - sie finden ihre Prüfungen wichtiger als Demos.

Von Jonas Grashey, Paris


Frankreichs Universitäten gehen in ihren Streikbewegungen auf, die Pariser Autos in Flammen - wie bei den erneuten gewalttätigen Auseinandersetzungen am Donnerstagabend. Das kann dann jeder im Fernsehen anschauen. Vor allem jene Studenten, die unfreiwillig zu Hause bleiben: die Streikbrecher nämlich.

François-Xavier ist so einer. Er ist 22 Jahre alt und lernt. Denn nächstes Jahr möchte er seinen Master in Geschichte machen. Das ginge natürlich einfacher von der Hand, wenn er ab und zu jemanden träfe, der sich damit auskennt. Einen Professor zum Beispiel. "Ich versuche ständig, mit ihnen zu kommunizieren, aber es gibt nur einen einzigen, der uns wenigstens Literaturvorschläge gegeben hat."

Seit Wochen streiken gut drei Viertel der französischen Unis. Grund ist der CPE (Contrat Première Embauche), der Erstanstellungsvertrag, den Premierminister Dominique de Villepin gegen alle Widerstände durchpeitschen will. Demnach soll jeder Arbeitnehmer unter 26 Jahren in seinen ersten beiden Anstellungsjahren entlassen werden können. Ohne Angabe von Gründen. Die größte Studentengewerkschaft Unef läuft seit Wochen gegen dieses Gesetz Sturm.

François-Xavier besucht die renommierte Universität Nanterre in Paris. Zumindest würde er gern. Doch die Blockade seiner Uni wurde von der studentischen Generalversammlung demokratisch beschlossen. 300 Studenten waren bei der Abstimmung anwesend - von 33.000. "Da trauen wir uns nicht hin. Aus Angst, körperlich angegriffen zu werden", sagt François-Xavier. Außerdem bekämen Streikgegner auf den Versammlungen kaum Redezeiten.

Im Internet zirkuliert die Anleitung der von Bruno Julliard geführten Unef, wie eine Generalversammlung zu organisieren sei. Da heißt es unter anderem, dass nicht über die Regierungsreformen und "das Glück auf Erden" diskutiert werden solle, sondern nur abgestimmt. Schließlich sei eine solche Versammlung ja zeitraubend.

"Kein Recht, die Unis als Geiseln zu nehmen"

Genau für ein solches Verhalten wird Premierminister Villepin von allen Seiten angeklagt. Er hatte eine Parlamentsdebatte zu seinem Gesetz mit Hilfe des Verfassungsartikels 49-3 der Verfassung unterbunden und seine Reformen stur durchgedrückt. Seine späte Dialogbereitschaft musste ihm Präsident Jacques Chirac erst einprügeln. Reformen müssen her - das sehen viele Studenten ein. Allerdings wollen sie die nicht von einem Demokratie-Trampel auferlegt bekommen.

Dass die Gewerkschaften nun zu den gleichen Mitteln greifen, sei typisch, finden zumindest Studenten wie François-Xavier, die sich in der Bewegung "Stop Blocage" organisieren. Doch nur langsam kommen die Anti-Protest-Proteste in Schwung, etwa mit einer Kundgebung am Panthéon. Studenten riefen dabei am Mittwoch Parolen wie "Genug, lasst uns rein" oder "Gebt uns die Freiheit zu studieren". "Die Menschen haben das Recht zu demonstrieren, aber sie haben nicht das Recht, die Universitäten als Geiseln zu nehmen", sagte Wirtschaftsstudent Pierre-Henri Pouchelon, 22, bei der Gegendemonstration.

Der Großteil der Blockade-Gegner nutzt jedoch die Ausfahrt Internet, denn die Straße ist längst an die streikenden CPE-Gegner verloren. In zahlreichen Blogs wird mobilisiert, Vorlesungen können herunter geladen werden. "Stop Blocage" versucht seit vergangener Woche, "Geheimkurse" zu organisieren.

Das muss auch der Professor wollen. Doch viele streiken mit den Studenten. "Seit einem Monat bin ich jetzt im Widerstand, und wir blockieren immer gemeinsam mit ihnen", sagt zum Beispiel Flore Chabernaud, 21, die an der Sorbonne studiert. Alle paar Tage finden Protestmärsche statt. Oft enden sie in Ausschreitungen und Kämpfen mit der Nationalpolizei. Deshalb wird der Platz vor der Sorbonne mit einer Stahlwand vom Boulevard St. Michel getrennt. Hinter der Barriere warten Polizisten mit einem gepanzerten Wasserwerfer auf Steinewerfer. Wenn sie da waren, kommt die Müllabfuhr zum Saubermachen.

Rechte Studenten denken gar nicht an Streik

Ein paar Gehminuten entfernt auf der anderen Seite des Jardin du Luxembourg steht auch eine renommierte Uni, aber kein Polizist. Nur wenn wie vergangene Woche Jobmesse ist, schaut einer vorbei. Der macht dann, ohne Helm und Schlagstock, den Studenten der Panthéon-Assas eine Karriere bei der Polizei schmackhaft, gleich neben ihm versucht ein Offizier vom Militär dasselbe. Erfolgreiche Kanzleien und Unternehmensberatungen werben mit ihnen um die Studenten. An Streik ist hier nicht zu denken. Die Assas gilt als konservative Fakultät, und das ist noch wohlwollend formuliert.

De Villepin war hier Student, aber eben auch der Rechtsradikale Jean-Marie Le Pen - und dessen Gesinnung schimmert in dieser Uni gelegentlich noch auf. So steht seit Monaten zwar verwischt, aber doch erkennbar "White Power" am Professorenpult in einem der größten Hörsäle. Es kam noch niemand auf die Idee, das zu ändern. Die rechtsextreme Studentengewerkschaft Groupe Union Défense (GUD) findet hier ihren Ursprung. Studienplatzwahl ist in Frankreich auch eine politische Entscheidung.

"Natürlich ist Assas eher rechts", sagt Alexandra Segondi, 21, die hier Kommunikationswissenschaft studiert, "aber ich bin doch kein Fascho, im Gegenteil." Die streikenden Studenten rümpfen die Nase, wenn sie Assas hören. Allerdings darf Alexandra im Juni Prüfungen ablegen. Das wird für die wenigsten in Frankreich der Fall sein. Alexandra Mitbewohner Kevin Goldstein, 21, studiert an der Sorbonne Literatur und Kino. Und wenn Alexandra im August in den Urlaub fährt, wird Kevin lernen.

Seit drei Wochen fallen seine Kurse aus. Es heißt, dass sie frühestens Ende April wieder stattfinden. Bildungsminister Gilles de Robien sagte im Radio, zunächst werde man versuchen, die ausgefallenen Kurse nach den Protesten nachzuholen. Die Examen der bestreikten Unis sollen auf September verschoben werden. Im besten Fall. Vielleicht wird auch das gesamte Uni-Jahr annulliert - so genau weiß das niemand. Deshalb geht Kevin "das Gestreike von uns Franzosen ganz schön auf die Nerven".

Ruf des Bildungssystems schwer lädiert

In Marne-la-Valée wurde auf der studentischen Generalversammlung für die Wiedereröffnung der Uni gestimmt. In Paris hat die Polizei die Sozialwissenschaftliche Hochschule EHESS nach dreitägiger Besetzung am Freitagmorgen geräumt und 72 Demonstranten vorübergehend festgenommen. Und in Grenoble erklärte ein Gericht die Uni-Blockade für illegal.

Nur: Sowohl Professoren als auch Studenten dort kümmert das wenig. Sie streiken weiter. So geht der Glaube an die Demokratie endgültig verloren, und François-Xavier fordert verzweifelt, dass "sich die französische Gesellschaft von Grund auf ändern müsse, angefangen bei der Mentalität".

Das Bildungssystem genießt selbst bei den französischen Studenten einen miesen Ruf. Keine Spur vom einst so großen Stolz auf die "Grande Nation". Alexandra klagt: "Wir lernen in der Schule zehn Jahre Deutsch, am Ende können wir doch nichts. Und an den Unis kommt der Prof, rattert seine Fakten runter und geht wieder. Das ist überall so."

An den Grandes écoles, der Politikerschmiede Frankreichs, nicht. Hier kommen aber auch nur die Besten hin. Und die meisten von ihnen sehen keinen Grund zu streiken. Genau wie an der Assas. Dort fand an einem der größten Aktionstage der Studentenschaft vergangene Woche der "Tag des Sports" statt.

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