Französische Elite-Studenten "Ségolène war nicht die Richtige"

Der Triumph von Nicolas Sarkozy verhagelte vielen Studenten der Sciences Po ihre Wahlparty. An der Pariser Kaderschmiede lernten einst Ségo und Sarko - der Mann mit dem großen Machthunger ist nicht gerade der Liebling der Studenten. Sie sagen: "Wir müssen sehr wachsam sein."

Von Gregor Waschinski, Paris


Als sich die ersten Studenten des Institut d’Études Politiques am frühen Sonntagabend vor ihrer Hochschule im edlen Stadtteil Saint-Germain de Prés einfinden, sind sie dank der Internetseiten ausländischer Medien bereits bestens über die ersten Hochrechnungen informiert. Die werden in Frankreich immer bis 20 Uhr zurückgehalten. In der Uni selbst ist ein Wahllokal eingerichtet, einige Bürger aus dem Bezirk geben dort noch ihre Stimme ab. Doch alle wissen, dass es nichts wird mit der ersten Frau an der Spitze der Republik. "Sarkozy hat gewonnen, keine Frage", sagt Delphine Morandeau, 21.

Das Institut d’Études Politiques, auch Sciences Po genannt, gehört zu den Kaderschmieden, die französische Spitzenpolitiker gewöhnlich auf ihrem Weg nach oben durchlaufen. Drei der fünf ehemaligen Staatspräsidenten haben die Politikakademie besucht, dazu jede Menge französische Premierminister. Auch Ségolène Royal wurde hier eine umfassende Dosis in rechts-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Bildung verabreicht, bevor sie sich an der noch ein bisschen elitäreren Verwaltungshochschule ENA den letzten Schliff holte.

Nicolas Sarkozy war ebenfalls am Sciences Po eingeschrieben, durfte am Ende aber nicht das begehrte Diplom in den Händen halten - er hatte die Abschlussprüfung in Englisch vergeigt. Seiner Karriere, das ist mit dem Wahlsieg nun endgültig klar, hat dieser Faux-Pas nicht geschadet.

Im Zweifel links

Für das Duell zwischen "Ségo" und "Sarko" hat das Sciences Po zusammen mit France Culture eine Wahlparty organisiert. Der Radiosender überträgt live aus der Cafeteria der Uni, Professoren und Politiker analysieren das Ergebnis, und auch einige ausgewählte Studenten dürfen ihre Meinung kundtun. Im Audimax verfolgen Besucher, die in der Cafeteria keinen Platz mehr gefunden haben, das Geschehen auf einer großen Leinwand.

Während die Tontechniker die letzten Vorbereitungen für die Sendung treffen, plaudert Delphine in der hinteren Ecke der Cafeteria freimütig über ihre Wahlentscheidung. Sie hat ihre Stimme Sarkozy gegeben, vor allem wegen seines überzeugenderen Wirtschaftsprogramms. Eine Minderheitenansicht, glaubt man den - wenn auch nicht repräsentativen - Umfragen im Laufe des Wahlkampfes unter den Studenten des Sciences Po: Stets lag Ségolène Royal rund zehn Prozent vor ihrem konservativen Widersacher.

"Die Studenten hier wählen traditionell eher für die Sozialisten", sagt Alexandre Le Goff, 18, der nach seinem französischen Abitur im letzten Sommer die Aufnahmeprüfung für das Sciences Po bestanden hatte. Er sitzt mit seinen Klassenkameraden auf dem Rasen im Garten des Sciences Po, die Flasche Wein frisch entkorkt. Aus Lautsprechern dröhnt die Stimme des Moderators von France Culture, der gerade die Wahlberichterstattung eröffnet. Es ist kurz vor acht, gleich kommt die erste Hochrechung.

Hoffnung auf neuen Weg der Sozialisten

Gut 53 Prozent für "Sarko", knapp 47 Prozent für "Ségo". In der Cafeteria lösen die Zahlen allenfalls ein müdes Raunen aus. Alexandre und seine Entourage, die allesamt die "Parti Socialiste" (PS) unterstützen, sagen, dass sie enttäuscht sind - sehen aber nicht so aus. Sie waren auf diesen Moment vorbereitet.

"Ségolène war einfach nicht die Richtige", findet Alexandre, der sich den wirtschaftsliberaleren Dominique Strauss-Kahn als sozialistischen Kandidaten gewünscht hätte. "In Frankreich fehlt es einfach an einer wirklichen Mitte-links-Alternative, an einer sozialdemokratischen Kraft, wie es sie in anderen europäischen Ländern auch gibt", sagt seine Kommilitonin Margaux Thuriot. "Vielleicht schafft es die PS nach dieser Niederlage ja endlich, diesen Weg einzuschlagen."

Ihrem neuen Präsidenten sehen die Studenten mit Unbehagen entgegen. "Nicolas Sarkozy hat einen unglaublichen Machtwillen. Wir müssen sehr wachsam sein bei dem, was er tut", sagt Benjamin Jeanroy, 20.

Im Zweifel werde man wieder auf die Straße gehen, wie im vergangenen Frühjahr. Damals brachten protestierende Studenten den "contrat première embauche", das umstrittende Arbeitsgesetz zur Ersteinstellung, zu Fall. "Einige Vorschläge von Sarkozy, wie ein Ministerium für nationale Identität einzurichten, sind jedenfalls sehr gefährlich", meint Benjamin. "Die können wir so nicht durchgehen lassen."

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