Frauen im Ingenieurstudium Wir wollen gewInnen

Allein unter Männern: In technischen Studiengängen sind Frauen in der Minderheit. Dabei sind gerade dort die Job-Aussichten so gut wie selten zuvor. Doch langsam lernen auch immer mehr Studentinnen die Vorteile eines Ingenieurstudiums zu schätzen.

Eine Bauingenieurin auf der Baustelle: "Oh Gott, das ist wieder etwas für Frauen"
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Eine Bauingenieurin auf der Baustelle: "Oh Gott, das ist wieder etwas für Frauen"


Die Professoren kannten Catharina Ladzinski, 21, schon mit Namen, da war sie erst ein Semester an der Universität. Denn in einem Vorlesungssaal voller Männer fällt eine Frau auf. Heute studiert Ladzinski im fünften Semester an der Ruhr-Universität in Bochum Elektrotechnik. Außer ihr gibt es im Bachelor-Studiengang zurzeit nur vier weitere Frauen.

Elektrotechnik, Maschinenbau, Informationstechnik - in diesen Studiengängen sind Studentinnen in der Minderheit. Besonders in jungen Jahren ist ihr Interesse an diesen Fächern klein: Fragt man 15-jährige Schüler in Deutschland, dann kommt laut einem aktuellen OECD-Bericht dabei heraus, dass sich rund jeder zehnte Junge eine Karriere in den Ingenieurswissenschaften vorstellen kann. Bei den Mädchen ist es nur eins von hundert.

Nach dem Schulabschluss ist die Lage eine andere: So war von den Erstsemestern in den Ingenieurswissenschaften 2010 jede Fünfte eine Frau, so das Statistische Bundesamt. "Das Bild wandelt sich also langsam", sagt Ulrike Struwe, vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Dennoch: Derzeit ist der typische Technikstudent immer noch männlich.

"Es gibt wirklich eine sehr hohe Zahl an freien Arbeitsplätzen"

Dabei bietet das Studium der Ingenieurswissenschaften für Frauen viele Vorteile. Da sind zum einen die guten Jobaussichten. "In Deutschland fehlen rund 80.000 Ingenieure", sagt Lars Funk, vom Verein Deutscher Ingenieure. Wer heute mit guten Noten von der Universität kommt, könne sich die Stelle in der Regel aussuchen. "Es gibt wirklich eine sehr hohe Zahl an freien Arbeitsplätzen", sagt auch Struwe.

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Zudem locken überdurchschnittlich hohe Gehälter. "Ingenieursjobs sind Karrierejobs", sagt Struwe. Im Durchschnitt steigen Ingenieure mit einem Jahresgehalt von rund 42.000 Euro ein. Davon können Beschäftigte in den typischen Frauenberufen wie der Pflege oft nur träumen.

Die guten Berufsaussichten waren auch für Ladzinski ein Argument bei ihrer Berufswahl. Vor allem machen ihr jedoch die Inhalte Spaß. "Ich hatte in der Schule Mathe- und Physik-Leistungskurs", sagt sie. Als sie nach einem passenden Studienfach für sich suchte, kam sie daher schnell auf die Technikfächer.

"Elektrotechnik ist in den ersten Semestern ganz viel Mathe." Wer das nicht könne, sei aufgeschmissen. Zudem gefiel ihr, dass das Studium sehr breit angelegt ist. "Ich kann nach dem Abschluss in der Energiebranche genauso arbeiten wie in der Automobilbranche", sagt die Studentin.

Im Durchschnitt 19 Prozent weniger Lohn

Doch egal in welcher Branche: Das Arbeiten in einer Männerdomäne hat für Frauen auch Nachteile: "Man muss sich klarmachen, dass man später als einzige Frau in einem männlichen Team ist", sagt Funk. Das erfordere mitunter Standfestigkeit.

Auch war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zumindest in der Vergangenheit oft ein Problem. Denn anders als in den typischen Frauenberufen war das in männlich dominierten Abteilungen meist kein großes Thema, so Struwe. Auch diese Einstellung ändert sich erst langsam.

Schließlich verdienen Frauen zwar in den Ingenieursberufen verhältnismäßig gut. Aber auch dort bekommen sie, wie in allen anderen Berufen auch, im Durchschnitt weniger Lohn als ihre männlichen Kommilitonen. "Im Schnitt sind es 19 Prozent", sagt Struwe. Im Vergleich zu anderen Jobs ist das jedoch noch verhältnismäßig gut.

Struwe rät angehenden Ingenieurwissenschaftlerinnen daher, sich schon an der Hochschule zu vernetzen. Zudem böten viele Hochschulen Kurse speziell für Frauen an. "Netzwerktreffen, Mentorenprogramme oder Rhetorikkurse", zählt sie auf.

Viele Studentinnen ständen diesen Angeboten zunächst zwar skeptisch gegenüber und dächten: "Oh Gott, das ist wieder etwas für Frauen." Dennoch rät Struwe dazu. Die Studentinnen sollten diese Karrierehilfen unbedingt annehmen.

Für die angehende Elektroingenieurin Ladzinski ist es zurzeit noch kein Thema, dass sie die einzige Frau unter lauter Männern ist. Gefragt nach den Nachteilen als Frau in einem Männerstudium muss sie erst einmal ein wenig grübeln.

Im ersten Semester habe sie öfter einmal Stellung beziehen müssen, erzählt sie dann. So war etwa für ihren Laborpartner völlig klar, dass er das Experiment durchführt und sie das Protokoll schreibt. "Da hab' ich dann aber von Anfang an klargestellt: Halt! Ich will auch."

Ansonsten gebe es eigentlich keine Probleme. Eher im Gegenteil: "Ich komme von einer Mädchenschule. Den Zickenterror hab' ich mitbekommen", sagt sie. Im Studium sei es dagegen leicht. "Jungs kann man eine Ansage machen, und dann ist die Sache gegessen. Bei Mädchen schaukelt sich das immer gleich so hoch."

Kristin Kruthaup/dpa/jon

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insgesamt 83 Beiträge
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Ingmar E. 06.10.2012
1.
Ein Kumpel mit Energietechnik-Diplom(FH) schreibt Bewerbungen nachdem er Opfer einer Stellenkürzung wurde, eine Kumpeline hat mit Energietechnik-Diplom(Uni) nur beim Umweltamt eine Anstellung gefunden. Der Ingenieursmangel ist erfunden um die Gehälter zu drücken: Ingenieure: Fachkräftemangel? Das Problem ist die Bezahlung - Nachrichten Regionales - Hamburg - DIE WELT (http://www.welt.de/regionales/hamburg/article106261539/Fachkraeftemangel-Das-Problem-ist-die-Bezahlung.html) Im "typischen Frauenberuf" Pflege bekomm ich auf 4 Bewerbungen 4 Zusagen, und wenn man absagt melden sich die Hälfte der Unternehmen noch regelmäßig und ködern mit Leitungstätigkeit und Dienstwagen. In der Pflege sind prozentual viel mehr Männer, als Frauen im Ingenieursfach. Hier von einem typischen Frauenberuf zu sprechen und andererseits Frauen für technische Berufe werben zu wollen, was will uns die Autorin damit sagen?! Also ich bin froh vom Ingenieurswesen (mit Vordiplom Energietechnik unter den Jahrgangsbesten) in die Pflege gegangen zu sein. Ich rechne im Verlauf der Energiemangelkrise (Peak Oil/Peak Gas/Peak everything) eher mit einer Deindustrialisierung und einem Verschwinden vieler Industriearbeitsplätze. Als Pfleger mit akademischen Abschluss werd ich nie Jobsorgen haben oder eine zweistellige Anzahl von Bewerbungen schreiben müssen. Vllt. sind die Frauen die sich vom Ingenieurswesen fernhalten einfach schlauer als die Autorin dieses Beitrags und fallen nicht auf diese Lügen vom Ingenieursmangel herein, nur um dann bei ner Zeitarbeitsfirma zu landen?
elwu 06.10.2012
2. Ah, der VDI mal wieder.
"In Deutschland fehlen rund 80.000 Ingenieure" behauptet der. Weil ihm die Arbeitgeber vorgeben, dass er das behaupten soll. Fakt ist natürlich: es gibt sehr viele gut qualifizierte arbeitslose, ältere Ingenieure. Nur lassen die sich halt ungern mit Einstiegsgehältern abspeisen. Lieber VDI, lerne endlich das Grundgesetz von Angebot und Nachfrage: wird ein faires Einkommen angeboten, gibt es auch Menschen, die den Arbeitsplatz besetzten wollen. Das regelmäßige hochloben der Ingenieursberufe in den Medien dient den Arbeitgebern, nicht den potentiellen Ingenieuren. Zumal fast alle Ingenieursberufe einem Schweinezyklus unterliegen. Von daher ist zu warnen, gerade in Zeiten hoher Nachfrage, wie jetzt, mit so einem Studium zu beginnen. Denn die Chancen sind gut, dass man dann in einer Nachfrageflaute mit dem Studium fertig wird, und ewig nach einem Job sucht. Oder nur befristete bekommt. Und eh nur sehr geringe Einstiegsgehälter.
Plasmabruzzler 06.10.2012
3.
Zitat von sysopTMNAllein unter Männern: In technischen Studiengängen sind Frauen in der Minderheit. Dabei sind gerade dort die Job-Aussichten so gut wie selten zuvor. Doch langsam lernen auch immer mehr Studentinnen die Vorteile eines Ingenieurstudiums zu schätzen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/frauen-sind-in-ingenieurberufen-jedoch-immer-noch-in-der-minderheit-a-859442.html
Der war gut :-) Als ich 2009 die Hochschule mit einem Diplom als Maschinenbauer (Konstruktionstechnik) abgeschlossen hatte, bot mir keine Firma annähernd so viel - wenn man denn überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Und das trotz voriger Ausbildung im Handwerk mit Ausbildereignungsprüfung. Und wie im 1. Kommentar zum Artikel steht, sprießen gerade in dem Bereich Zeitarbeitsfirmen wie Pilze aus dem Boden, die mir 2009 gerade einmal 30.000 boten mit Flexibilität bis nach Frankfurt/M (ich wohne im Rhein-Erft-Kreis). Da ich im hochschulnahen Bereich nun beruflich tätig bin, habe ich einen guten Überblick, dass heutige Bewerber(innen) es ungefähr genauso schwer haben, im ingenieurwissenschaftlichen Bereich eine adäquate Stelle zu finden.
derlabbecker 06.10.2012
4. Die Industrie...
Zitat von sysopTMNAllein unter Männern: In technischen Studiengängen sind Frauen in der Minderheit. Dabei sind gerade dort die Job-Aussichten so gut wie selten zuvor. Doch langsam lernen auch immer mehr Studentinnen die Vorteile eines Ingenieurstudiums zu schätzen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/frauen-sind-in-ingenieurberufen-jedoch-immer-noch-in-der-minderheit-a-859442.html
.. möchte bestens ausgebildete Ingenieure von der Uni, bitte max. 22 Jahre alt, bitte mit Bachelor, Master und Promotion. Beim Gehalt bitte nur 20000 im Jahr. Wenn die dann 40 sind können sie gehen, da sie den Firmen dann zu teuer sind. So sieht er aus, der Ingenieursmangel... Und selbst wenn es ihn gäbe, ich hätte mit der Industrie da kein Mitgefühl. Selber Schuld. Als ich 1989 mit meinem Studium der Elektrotechnik begann konnten sich die Absolventen schon vor der Diplomarbeit ihren Job aus zig Stellenangeboten auswählen, das ging soweit, dass die Firmen teilweise die Diplomarbeiten bezahlt haben nur damit derjenige zu ihnen kommt. Als ich 1994 fertig war gab es kaum Stellen (was hier ein anderer Forist als Schweinizyklus bezeichnet hat), ich bekam nur Absagen. Lediglich diverse, nicht bezahlte Praktikanten- und Traineestellen wurden angeboten. Ich ging in die IT, wie fast alle E-Techniker, Maschinenbauer, Physiker etc. zu der Zeit. Sollen sie jetzt mal nicht jammern, dass diese Leute fehlen...
spon-facebook-10000024332 06.10.2012
5. Industrie teilweise selber schuld
@derlabbecker: genau so ist es! Gutes Kommentar. Firmen wollen immer gleich die eierlegende Wollmilchsau: jung, gute Noten, berufserfahrung, soziale Kompetenz... man kann nicht alles haben. Die Industrie muss auch mehr Gehalt bezahlen. Andere Studiengänge, wie z.B. BWL sind leichter, und die Leute bekommen mehr Einstiegsgehalt. Gerade bei Großbanken verdient man sich dumm und dämlich.
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