Freiburger Jura-Professor DDR-Jacke erbost RCDS

Blaue Trainingsjacke als rotes Tuch: In Freiburg ist ein Strafrechts-Professor in DDR-Sportjacke vor Erstsemestern getreten. Der Dozent wollte damit bewusst provozieren, sagt er. CDU-nahe Studenten sind in Rage, Fachschaft und Dekan stehen dem Juristen bei.

Von Martin Wohlrabe


Einführungsvorlesungen gehören meist zur ungeliebten Pflicht alt gedienter Professoren. Der Mann aber, der am Dienstagmittag vor den Bankreihen im Audimax der Uni Freiburg steht, sieht fast so aus wie seine Studenten. Strafrechtsprofessor Roland Hefendehl trägt nie Tweedjacket und Oberhemd sondern eine quietschblaue Sportjacke. Thema der Jura-Vorlesung: Der Unrechtstatbestand.

Jurist Hefendehl: DDR-Jacke als didaktisches Mittel
Fudder

Jurist Hefendehl: DDR-Jacke als didaktisches Mittel

Dem gerade 44-jährigen Hefendehl sitzen 300 junge Menschen gegenüber - und einige sind schwer empört. Denn vorne auf der blauen Retro-Trainingsjacke des Strafrechtlers prangt ein DDR-Schriftzug samt Staatswappen der untergegangenen Diktatur.

Nach der Vorlesung stellt ein Fünfergrüppchen den Professor zur Rede, darunter ein Student des RCDS, der CDU-nahen Studentenorganisation. Max Michling (Name geändert) ist dabei und er ist eigentlich nach Freiburg gekommen "weil alles so ruhig und beschaulich ist". Und dann das: "Ich konnte mich nur schwer auf die Vorlesung konzentrieren, und musste die ganze Zeit auf den Schriftzug starren", erinnert er sich. Es sei "absolut unpassend, so eine Jacke zu tragen".

Der RCDS greift den Professor scharf an

Der aufgeregte Student blieb nicht allein: Der Freiburger RCDS legte nach und verlangte von der Universität disziplinarrechtliche Schritte wegen "inakzeptablen Verhaltens" gegen den Juristen Hefendehl. Auf der Jacke Hefendehls, heißt es in der Pressemitteilung des RCDS, seien "die Insignien der DDR, Hammer und Sichel" zu erkennen gewesen - eine Bildungslücke in Sachen DDR-Geschichte zwar, zeigt das Emblem der DDR-Diktatur doch Hammer, Zirkel und Ährenkranz, doch empörend findet der RCDS die Kleidung des Dozenten allemal: "Ich bin enttäuscht, dass Professor Hefendehl, Ordinarius für Strafrecht, den Unterschied von Recht und Unrecht nicht mehr kennt", sagt Thomas Volk, Vorsitzender des RCDS Freiburg und Mitglied im Asta. Es dürfe nicht sein, dass ein Uni-Professor "in Ausübung seiner Amtspflichten Symbole des DDR-Unrechtsregimes zur Schau trägt."

Roland Hefendehl ist über die negative Reaktion seiner Studenten überrascht: "Ich habe schon häufig die Jacke im Unterricht und auf der Straße getragen. Nie hat sich jemand dadurch verletzt gefühlt, auch weil ich stets auf Nachfragen Stellung bezogen habe", sagte Hefendehl SPIEGEL ONLINE.

Er glaubt, dass sich der RCDS nur auf seine Kosten profilieren will. "Mir ging es vor allem darum, meine Studierenden mit der Frage zu Recht und Unrecht emotional zu provozieren", so Hefendehl. "Und das habe ich zu 95 Prozent erreicht." Dass er die Jacke getragen hat, bedauert Hefendehl nicht. Entstandene Missverständnisse findet er allerdings "schade".

"Ein unkonventioneller Typ, der neue Wege geht"

Die studentischen Vertreter der Fachschaft Jura nehmen Hefendehl gegen die Anwürfe des RCDS in Schutz. Roland Hefendehl gelte unter den Studenten als einer der engagierten Professoren an der Jura-Fakultät. "Er ist eher ein unkonventioneller Typ, der neue Wege geht und sich viel um die Studierenden kümmert", sagt Justus Eberl, Sprecher der Fachschaft. Erst im vergangenen Jahr hatte die Fachschaft den Juristen Hefendehl für den "Ars legendi"-Preis vorgeschlagen, mit dem die Hochschulrektorenkonferenz Hochschullehrer für gute Lehre auszeichnet.

Für seinen wenig professoralen Kleidungsstil ist Hefendehl schon länger bekannt. Seine blaue DDR-Jacke trägt er nicht nur an der Uni, sondern auch bei öffentlichen Diskussionen, wie jüngst bei einer Debatte um das Verbot von öffentlichen Alkoholkonsum in der Freiburger Innenstadt ging. "Das habe ich gemacht, um auf die wachsenden Überwachungsmaßnahmen der Polizei hinzuweisen, wie sie in der DDR gang und gäbe waren", erklärt Hefendehl.

Nach der Kritik an seiner Kleidung und dem Vorwurf mangelnder Sensibilität sucht der Professor die Diskussion. In einem Forum auf der Internetseite des Lehrstuhls diskutiert der 44-Jährige mit Studenten über den Vorfall. Er sieht sich als Opfer einer Kampagne des RCDS. Der habe es geschafft, sich für wenige Momente "aus der Bedeutungslosigkeit zu katapultieren". Außerdem verweist Hefendehl in dem Forum auf eine schriftliche Erklärung. Das Tragen der Jacke rechtfertigt der Professor als didaktisches Mittel und gezielte "symbolische Provokation", mit der er zur Diskussion anregen wollte.

Hefendehl steht zu seiner Jacke - die Uni will sie verbieten

Zwar habe er in der Vorlesung nicht explizit das DDR-Unrecht behandelt, zu der die Provokation passte. "Aber diese Provokation ist Teil meines Vorlesungs-Gesamtkonzepts und passt daher permanent", sagt Hefendehl. Von der ersten bis zur letzten Stunde sei es sein Ziel, die Studierenden auch durch kontroverse Thesen zur Diskussion anzuregen. "Daher war und ist es meine Absicht, den DDR-Zipper immer mal wieder zu tragen."

Diese Erklärung stellte die Leitung der Universität zunächst zufrieden: "Roland Hefendehl hat in einem Gespräch überzeugend dargelegt, dass er das DDR-Unrecht nicht leugnen will", sagt Hanno Merkt, Dekan der Uni Freiburg. Der Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer stellt sich ebenfalls vor den Juristen Hefendehl. Gegenüber SPIEGEL ONLINE schränkte er jedoch ein: "Ich gehe davon aus, dass das Tragen einer solchen Jacke ab sofort unterbleibt." Auf den pädagogische Einsatz der blauen Jacke wird Hefendehl also in Zukunft verzichten müssen, will er seinen Rektor nicht verärgern.

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