Plagiatsverdacht Freiburger Sportmediziner im Titelkampf

Das Plagiatsverfahren gegen den Leiter der Freiburger Sportmedizin nähert sich dem Ende: In großen Teilen der Habilitationsschrift von Hans-Hermann Dickhuth finden sich Übereinstimmungen mit Doktorarbeiten, hat die Uni ermittelt. Der Anwalt des Professors widerspricht Plagiatsvorwürfen.

Sportmediziner Dickhut (2009): Dünne Habilitationsschrift mit Spätfolgen
DPA

Sportmediziner Dickhut (2009): Dünne Habilitationsschrift mit Spätfolgen


Nein, besonders lang ist die Habilitationsschrift des Freiburger Sportmediziners Hans-Hermann Dickhuth aus dem Jahr 1983 nicht. Doch nicht die Länge ist das Problem, sondern die Tatsache, dass es auf Dutzenden Seiten Übereinstimmungen mit sieben Doktorarbeiten gibt, die ebenfalls alle in Freiburg Anfang der achtziger Jahre entstanden sind. Ganze Textpassagen, Tabellen und Abbildungen stimmen überein. Laut "Badischer Zeitung" sind 65 der 75 Seiten betroffen. Die "Stuttgarter Zeitung" schreibt von mehreren Dutzend Seiten.

Seit Monaten geht die Uni nun der Frage nach, wer von wem abgeschrieben hat, eine Kommission hat Zeugen befragt, Texte verglichen, Gutachten eingeholt. Jetzt berichtet unter anderem die "Badische Zeitung", dass sich noch in diesem Monat der zuständige Habilitationsausschuss der Medizinischen Fakultät mit dem Fall Dickhuth befassen wird, das sind um die hundert Professoren. Ein Disziplinarverfahren steht nach Angaben der Uni ebenfalls kurz vor dem Abschluss. Ein möglicher Ausgang eines solchen Verfahrens ist die Amtsenthebung eines Professors.

Ausgangspunkt für den Verdacht waren Untersuchungen der Kommission für die Aufarbeitung der Dopingvergangenheit in der Freiburger Sportmedizin. Die Kommission sichtete dafür auch die wissenschaftlichen Publikationen, die dort entstanden. Dem renommierten Kölner Biochemiker Wilhelm Schänzer war dabei aufgefallen, dass eine Dissertation und eine Habilitation der Uni-Klinik einen nahezu identischen Inhalt aufwiesen. Mittlerweile ist klar, dass es sieben Doktorarbeiten sind. Hinweise auf die Doktorarbeiten finden sich in der Habilitationsschrift nicht.

Dickhuths Anwalt sagt, sein Mandant weise den Plagiatsverdacht als "haltlos" zurück. Er habe seine Habilitationsschrift komplett selbst verfasst. Alle damaligen Doktoranden hätten vor den Uni-Gremien ausgesagt, dass sie Dickhuth nicht vorwerfen, ihre Texte übernommen zu haben. Im Gegenteil habe Dickhuth den Doktoranden damals "methodische Textteile" zur Verfügung gestellt. Und die Übernahme solcher Textteile, so der Anwalt, sei in der Medizin "zur Vermeidung von Missverständnissen" nicht zu beanstanden.

Dickhuth soll im Herbst in den Ruhestand gehen. Er hatte sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe Anfang 2011 vorübergehend beurlauben lassen. Nach einigen Wochen nahm er den Dienst allerdings wieder auf.

otr



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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
HWGerlacher 21.06.2012
1.
In der Medizin völlig üblich. Sowohl die Länge der Habilarbeit als auch textliche und grafische Übereinstimmungen mit den der Arbeitsgruppe zugehörigen Doktoranden. Das kann man nur schwer mit geisteswissenschaftlichen Arbeiten à la Guttenberg vergleichen. Wenn diese Maßstäbe angelegt werden kann man gleich einem Großteil der Medizinprofessoren die Habilarbeit entziehen. Die Frage ist höchstens, wer von wem abgeschrieben hat. Wenn die Doktoranden selber sagen, Textteile erhalten zu haben, ist das wohl eher ein Fall für den Promotions- denn für den Habilitationsausschuss.
einsteinalbert 21.06.2012
2. die Wahrheit wird
sich wohl nicht finden lassen. Hat Dickhut alles selbst geschrieben dann haben sieben Doktoranten geschummelt. Letztlich ist das aber egal - ob einer oder sieben ist nur ein gradueller Unterschied. Wie schon bei Guttenberg u.a. haben andere Personen - warum auch immer - böse geschlampt und können dafür nicht mal zu Rechenschaft gezogen werden. Diese Schnüffelei soll endlich " begraben " werden. Bei der Schavan ging das doch auch. Heute spricht keiner mehr darüber und sie schämt sich auch nicht mehr, weder offen noch heimlich.
allereber 21.06.2012
3. Falsche Doktoren.
Eins,zwei,drei. Jeder dritte Doktortitel ist ein Schummeltitel.
schifferh 21.06.2012
4. schlecht von der Badischen abgeschrieben, Plagiat?
„Laut Frankfurter Allgemeine sollen Aussagen auf rund 40 Seiten der 167 Seiten starken Habilitationsschrift von Hans-Hermann Dickhuth, dem Chef der Freiburger Sportmedizin, nahezu identisch sein mit dem Text einer ebenfalls 1983 veröffentlichten Freiburger Dissertation.“ (Zitat aus: Badische Zeitung, Südwest: Sportmedizin unter Plagiatsverdacht – Dickhuth betroffen? Mittwoch, 2.03.2011 von Wulf Rüskamp) Die nach mehr als einem Jahr abgeschlossenen Untersuchungen der Universität haben ergeben, dass sich 65 seiner 75 Seiten starken Arbeit mit Texten aus sieben Dissertationen decken, die alle unter seiner Obhut Anfang der 80er Jahre geschrieben worden sind.(Zitat aus: Badische Zeitung, Plagiatverdacht gegen Sportmediziner Dickhuth erhärtet sich, 20.06.2012 von Wulf Rüskamp) Dass die Badische Zeitung es nicht immer wirklich genau nimmt, sind wir gewohnt. Wenn allerdings schon bei so banalen Sachen wie Seitenzahlen keine Klarheit herrscht, möchte ich nicht wissen, wie viele Unwahrheiten wir täglich zu lesen bekommen. Vom Spiegel hätte ich mir etwas bessere Recherchen erwartet. Schliesslich werden hier öffentlich, namentlich und bildlich Menschen zur Schau gestellt, deren Schuld noch längst nicht bewiesen ist.
TS_Alien 21.06.2012
5. .
Wir reden hier über Medizin. Da gelten sowieso ganz andere Massstäbe. Mit Wissenschaftlichkeit haben diese Massstäbe kaum etwas zu tun. Ob dann noch abgeschrieben worden ist, ist dann nicht mehr so wichtig.
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