Freiwilligenarbeit in Gedenkstätte "Wir lachen auch mal"

Ihre Freunde liegen am Strand, sie arbeitet lieber im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück. Freiwillig, Geld verdient sie nicht. Die Spanierin Maria Victoria Cupe, 21, will so die deutsche Geschichte besser verstehen.

DPA

Sie verbringen ihre Ferien in einem ehemaligen SS-Aufseherinnen-Haus. Konzentriert lesen sie alte Briefe und Protokolle, übersetzen die Handschriften der Gefangenen im einstigen Konzentrationslager Ravensbrück im Norden Brandenburgs. Die 19-jährige Michalina Kopaczyk aus Polen und die 21-jährige Maria Victoria Cupe aus Spanien haben sich für zwei Wochen Freiwilligenarbeit in Deutschland entschieden.

Sie arbeiten an einem Ort, der Schauplatz eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte war. Nach Angaben der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten starben in Ravensbrück Zehntausende Menschen an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente. In einer Gaskammer ermordete die SS von Ende Januar bis April 1945 etwa 5000 bis 6000 Häftlinge.

"Ich wollte gern arbeiten, ohne Geld zu bekommen", erzählt die Polin Kopaczyk. "Für mich ist das die Gelegenheit, etwas für die Gesellschaft zu tun." Ihre Tante habe ihr Geschichten aus der NS-Zeit erzählt. "Damit wollte ich etwas machen, weil diese Zeit noch so nah dran ist an uns."

"Klar haben wir hier auch Spaß"

So kam Michalina Kopaczyk auf das sogenannte Workcamp in Ravensbrück. Hunderte solcher Zusammentreffen gibt es meist im Sommer in den Gedenkstätten an die NS-Zeit. Menschen aus aller Welt kommen für mehrere Wochen zusammen und helfen beim Unkraut zupfen, Streichen, Archivieren oder Ausgraben. Abends diskutieren sie über Geschichte, am Wochenende unternehmen sie gemeinsam Ausflüge.

"Klar haben wir hier auch Spaß, wir tun schließlich etwas Sinnvolles", sagt die Spanierin Cupe. "Wir lachen auch, wir leben ja zum Glück in einer anderen Zeit und lachen ist wichtig." Die 21-Jährige studiert Germanistik und ist nach Ravensbrück gekommen, um die deutsche Geschichte besser zu begreifen. Fast alle ihre Freunde verbrächten ihre Ferien am Strand, sagt sie, aber sie habe nach Ravensbrück kommen wollen. "Vor allem, um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass so viele Menschen umgebracht wurden."

Cupe übersetzt spanische Gedenkschriften und Zeitungsartikel, die sich mit dem KZ Ravensbrück befassen. Neben ihr sitzt Kopaczyk, die Hände in den Kopf gestützt. Sie liest handschriftliche Briefe einer polnischen Frau, die in Ravensbrück inhaftiert war. In den Sechziger Jahren schrieb sie an die Gedenkstätte, beklagte sich, dass ihr nicht geholfen wurde: Sie hatte Asthma, ihr Mann war erblindet. "Das Schicksal der Frau nimmt mich schon sehr mit", sagt Michalina Kopaczy.

Ehrenwert sei das Engagement der jungen Erwachsenen, sagt Alfons Kenkmann vom Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte. Sie unterstützen seiner Meinung nach die Arbeit in den Gedenkstätten, können aber vor allem etwas für sich selbst tun. "Für die Erfahrungsgeschichte der Jugendlichen hat das eine große Bedeutung." Eine enge pädagogische Betreuung der Camps sei wichtig - dann lohnten sie sich auch im internationalen Austausch. "Solche Treffen sind der Geschichtskitt für Europa", sagt Kenkmann.

In Ravensbrück kommen in diesem Jahr sieben Workcamps zusammen. "Die Teilnehmer halten die Geschichte lebendig und tragen sie in die Welt hinaus", sagt Mitarbeiter Thomas Kunz. Nach der Wende kamen die ersten Freiwilligen, um auch unter archäologischer Leitung bei Grabungen zu helfen. Heute konzentriert sich die Arbeit vor allem auf das Archiv. Neben den Schriften umfasst das auch die Kranz-Schleifen, die Staaten, Regierungen, Verbände und Einzelpersonen in die Gedenkstätte schicken.

Cupe und Kopaczyk haben zum Beispiel eine rosafarbene Schleife vom Lesben- und Schwulenverband gerollt, mit einer Nummer versehen und in einem Karton verstaut. Auch ein Gedenkband vom Zentralrat der Juden, aus dem Berliner Abgeordnetenhaus und von Staaten wie Luxemburg, Griechenland und Kasachstan sind darunter. "Da sieht man die weltweite Bedeutung dieses Ortes", sagt die Polin Kopaczyk. Jedes Jahr kommen an den Gedenktagen Hunderte dieser Schleifen dazu. Neue Arbeit für die Freiwilligen.

Anja Mia Neumann/dpa/fln

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