Frisches Geld Klammes Hessen pumpt Millionen in Privatuni

Hessens staatliche Unis ächzen, weil sie 30 Millionen Euro jährlich sparen müssen. Mit fast der gleichen Summe unterstützt das Land die Privathochschule EBS, als Startgeschenk für eine neue Juristenschmiede in Wiesbaden. Ergibt das Sinn? Öffentliche Hochschulen und Opposition sind entsetzt.

Von Frank van Bebber

EBS Universität für Wirtschaft und Recht

Die neuen Professoren ihres jungen Instituts für Automobil-Management präsentierte die European Business School (EBS) jüngst im holzvertäfelten Airport-Club, neunte Etage des Frankfurter Flughafens. Am Eingang ermahnt der Club die Gäste dezent zu angemessener Business-Kleidung. Die Vorgabe erfüllen EBS-Präsident Christopher Jahns und seine Professoren mühelos. Sie tragen nicht nur den gleichen Zwirn wie Manager, sie reden auch so.

Man ist gern "unique" bei der EBS, sprich einzigartig. Franz-Rudolf Esch, neuer Leiter des Automobil-Instituts, schwärmt vom "Spirit". Und Jahns hat kein Problem damit, von der Hochschule als Unternehmen zu sprechen: "Die unternehmerische Führung - das macht uns ja auch so glaubwürdig in der gemeinsamen Arbeit mit den Unternehmen, mit den Politikern".

Das World Economic Forum wählte Jahns, 40, zu einem der "Young Global Leaders 2008". Einen Lehrstuhl für Social Business unter Schirmherrschaft des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus ließ sich die EBS vom Joghurt-Hersteller Danone stiften. Jahns redet von seiner Universität als Player auf der Suche nach Marktlücken.

Hessen spart hart bei der Bildung - aber nicht bei der EBS

Einen elitären Ruf hatte die 1971 gegründete EBS bislang durch ihr Management-Studium im Schloss Reichartshausen von Oestrich-Winkel im idyllischen Rheingau (Spottgruppe bei StudiVZ: "Studieren, wo andere für immer leben müssen"). Die Studiengebühren liegen um die 12.000 Euro jährlich. Doch die von Jahns geführte Privathochschule hat sich zuletzt auch in einer Rolle geübt, die so gar nicht zur reinen Marktlehre passen will: als Subventionsempfänger.

Die paar hunderttausend Euro, die Land und Stadt Frankfurt in das neue Automobil-Institut mit Sitz am Flughafen pumpen, fallen kaum ins Gewicht. Denn richtig ins Zeug gelegt hat sich das Land für Jahns EBS beim Aufbau eines neuen Jura-Fachbereichs am Standort Wiesbaden. Hessen fördert die Law School der EBS mit 24,7 Millionen Euro. Aus dem Wiesbadener Stadtsäckel fließen obendrein noch einmal mindestens zehn Millionen Euro.

Einer, der aus seiner Wut darüber keinen Hehl macht, ist Detlev Reymann, Präsident der Wiesbadener Hochschule Rhein-Main. Zu gut erinnert er sich an den Mai, als Ministerpräsident Roland Koch (CDU) forderte, bei der Bildung zu sparen. Widerwillig unterschrieben Reymann und viele andere Hochschulchefs einen Hochschulpakt, der den öffentlichen Hochschulen Hessens harte Einschnitte bescheren wird: Ihre Mittel werden ab 2011 empfindlich gekürzt, um 30 Millionen Euro jährlich. Seine Hochschule werde etliche Stellen abbauen müssen, sagt Reymann, etwa in der Größenordnung eines Fachbereichs. Zugleich putzt sich in Wiesbaden mit einer neuen Law School die EBS heraus, mit Geld von Land und Stadt.

"Neiddebatte auf niederem Niveau"

Dabei hat EBS-Boss Jahns durchaus erfolgreich daran gearbeitet, seine Privathochschule nicht als Lehranstalt der Reichen erscheinen zu lassen. Ein Viertel der Studenten profitiert von Stipendien oder Förderkrediten. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) sagt, jeder Geeignete könne hier studieren. Als die Opposition im Landtag die Subventionen anprangerte, nannte die Ministerin das "eine Neiddebatte auf niederem Niveau".

Hessens Regierende mögen die EBS. Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) sitzt im Gründungskuratorium der Law School, neben Vertretern von Großkanzleien wie Linklaters LLP. Hahn hofft durch die neue Verknüpfung von Jura und Wirtschaft auf Wettbewerb in der Juristenausbildung. Im Vorstand der EBS-Trägerstiftung engagiert sich Florian Rentsch, Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion. Wiesbadens Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) ist Gründungsmitglied eines lokalen EBS-Freundeskreises.

Müller wünscht sich die neue Law School wohl mindestens ebenso wie die EBS, die bislang als reine Wirtschaftshochschule schmal aufgestellt ist. Nun erlangt sie nach hessischem Hochschulrecht mit ihrer zweiten Fakultät die Erlaubnis, sich Universität zu nennen. Und da Wiesbaden die neue Law School samt EBS-Zentrale mit Millionen Euro zu sich lockte, fällt auch für die Stadt ein Titel ab: Schließlich hatte es schon lange am Ego lokaler Honoratioren genagt, dass man neben Schwerin die einzige Landeshauptstadt ohne Uni-Vorsilbe war. Universitätsstadt Wiesbaden, dank einer öffentlich finanzierten, gewinnorientierten Jura-Fakultät - wenn das nichts ist.

Jahns aber denkt weniger lokal, er blickt lieber in die weite Welt. An Top-Hochschulen anderswo kämen auf einen Professor vier oder fünf Studenten. Darum sei es richtig, dass in Deutschland eine Premium-Einheit entstehe, auch mit öffentlicher Anschubfinanzierung. "Das finden wir sozial, dass man sich auch in der Spitze mit engagiert", sagt er. Bei einer Anlaufzeit von acht Jahren betrage der Anteil staatlicher Hilfe am EBS-Haushalt unter zehn Prozent, so Jahns. Er meckere ja auch nicht, wenn Staatshochschulen um private Spender konkurrierten.

Unsere Studenten sind unsere Kunden

FH-Präsident Reymann findet solche Vergleiche "völlig lächerlich". Staatsgeld für Private verzerre den Wettbewerb. "Wir haben einen staatlichen Bildungsauftrag, die picken sich die Dinge raus, mit denen man Geld verdienen kann", sagt Reymann. Den Alltag an der Wiesbadener FH prägen chronisch überfüllte Hörsäle, nicht Businessclub-Atmosphäre.

Die Kritik des verärgerten FH-Chefs ist nicht neu, aber begründet: Private Hochschulen widmen sich gern Fächern wie Jura und Wirtschaft, bei denen Unternehmen und Studenten mit Blick auf lukrative Jobs eher bereit sind, hohe Gebühren zu zahlen. Teure Labors sparen sie sich mit günstigen Studiengängen, die neben Laptops, Beamern und gut gekleideten Dozenten wenig brauchen. Die brotlosen Geisteswissenschaften sparen sie sich dagegen ebenso wie etwa die teure Medizin (mit Ausnahme der Privatuniversität Witten/Herdecke). Und bei der Studentenauswahl sind die Privaten freier als Staatshochschulen, bei denen die Kapazitätsverordnung die Studienplatzvergabe diktiert.

Das Ergebnis: Im ungleichen Wettkampf schneiden die Privathochschulen oft besser ab. So liegt an der Bucerius Law School in Hamburg der Schnitt der juristischen Staatsprüfung im Schnitt über zehn Punkten, an Staatsfakultäten bei sechs. Auch in Hessen gibt es durch die einheitliche Jura-Prüfung bald den Vergleich zwischen EBS und Landes-Unis.

Der Gründungsdekan der EBS Law School, Gerrick Freiherr von Hoyningen-Huene, weiß, dass er dann vorn liegen muss. Mit Jura-Examen, Bachelor und Wirtschaftsmaster verspricht die EBS ihren Studenten gleich drei Abschlüsse in 4,5 Jahren - und dass sie in der "Business-Welt parkettsicher sind". Der Dekan betont: "Unsere Studierenden sind unsere Kunden."

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Seite 1
ralphofffm 06.07.2010
1. Ich finde das super...
das die "Eliten" die öffentlichen Kassen immer schamloser plündern. Das ist doch gut. Vielleicht kapiert es dann auch der letzte Trottel wie der Hase läuft in diesem Land.
scusibueno 06.07.2010
2. Herrje
Es ist traurig, mit anzusehen, wie ein Land dabei hilft, dass Bildung zur Geldsache wird.
Moewi 06.07.2010
3. titel
Zitat von ralphofffmdas die "Eliten" die öffentlichen Kassen immer schamloser plündern. Das ist doch gut. Vielleicht kapiert es dann auch der letzte Trottel wie der Hase läuft in diesem Land.
Das glauben Sie doch selbst nicht, oder? Wer es in den letzten Jahren noch nicht kapiert hat, wird es NIEMALS verstehen.
marypastor 06.07.2010
4. Smart
Zitat von sysopHessens staatliche Unis ächzen, weil sie 30 Millionen Euro jährlich sparen müssen. Mit fast der gleichen Summe unterstützt das Land die Privathochschule EBS, als Startgeschenk für eine neue Juristenschmiede in Wiesbaden. Ergibt das Sinn? Öffentliche Hochschulen und Opposition sind entsetzt. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,704879,00.html
Diese smarten Scharlatane der private business schools, law schools, banking usw. haben den Bogen raus, wissen, wie sie den Leuten das Geld abnehmen koennen und fangen beim Staat schon mal an. In erster Linie geht es den "Unternehmern" mal darum, sich selbst zu verkaufen, an viel Geld zu kommen, ein schoenes Leben zu fuehren, Porsche zu fahren. Die auf diesen privaten Klippschulen studieren, sind meistens auf "richtigen" Unis sitzen geblieben. Jetzt kaufen sie sich den Titel, was ihnen im Leben aber auch nicht viel hilft.
skepti 06.07.2010
5. Eine wirklich sinnvolle Investition der hessischen Regierung...
... wir brauchen in Deutschland dringend mehr Top_manager und Elite-Anwälte.
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