Frühe Karriere an der Uni Dr. Bubi

Mit 18 den Bachelor, mit 19 den Master und mit 20 schon Doktorand: Benjamin Wolba ist eine Ausnahme in der deutschen Uni-Landschaft. Doch als hochbegabt möchte er auf keinen Fall abgestempelt werden.

Benjamin Wolba studiert an der TU Dresden
Privat

Benjamin Wolba studiert an der TU Dresden


Benjamin Wolba steht gern früh auf. Am liebsten zwischen fünf und sechs Uhr. Lange vor den meisten Kommilitonen radelt er morgens die Strecke von seiner kleinen Wohnung in die Uni. Der 20-Jährige aus Radeberg ist der jüngste Doktorand an der Technischen Universität in Dresden - und überhaupt erst der vierte in seiner Altersklasse an einer deutschen Uni.

Auf dem Schild an seinem Büro am Institut für Theoretische Physik steht sein Name an dritter Stelle. Den Raum teilt er sich mit zwei anderen Doktoranden, die hier schon länger forschen. Auch er kennt den Campus schon lange. Zuvor war er Juniorstudent - einer der wenigen, die nicht gleich nach dem Schnuppersemester hingeworfen haben.

Seine akademische Laufbahn begann er mit 15 - parallel zur Schule. Mit 18 Jahren hatte er das Abitur und den Physik-Bachelor gleichzeitig in der Tasche. Danach forschte er ein Jahr lang in Australien und machte den Master. Und seit wenigen Wochen sitzt er nun an seiner Doktorarbeit.

"Der IQ allein sagt nicht viel aus"

Begabtenförderung gibt es in Deutschland seit rund hundert Jahren. Bis in die Fünfzigerjahre hinein betreuten die Gymnasien diese Schüler. Doch die Schulform hat sich gewandelt. Besuchte früher nur ein kleiner Teil der Schüler ein Gymnasium, machen heute mehr als 40 Prozent eines Jahrgangs Abitur.

Benjamin profitiert vom Frühstudium, das in Deutschland seit 1999 möglich ist. An der Uni Dresden können Schüler seit 2005 parallel zum Unterricht studieren. Allerdings ist der 20-Jährige der Einzige unter bisher fast 800 Frühstudenten, dem es gelang, Grundstudium und Schule gleichzeitig abzuschließen.

Dass er hochbegabt ist, glaubt er trotzdem nicht. Die Frage nach seinem IQ ärgert ihn sogar: "Ich denke nicht, dass dieser Wert allein viel aussagt." Schließlich gäbe es sogar Nobelpreisträger, die keinen IQ von 130 haben, ab dem man als hochbegabt gilt.

Die Diskussion über Hochbegabung mag Benjamin auch deshalb nicht, weil er viel Zeit, Aufwand und Organisation in seinen Erfolg steckt. Als Frühstudent endete sein Arbeitstag oft erst nach 21 Uhr. "Die Leute denken immer, dass einem das einfach zufliegt, weil man ja angeblich hochbegabt ist", sagt er. Außerdem schließe dieses "Label" viele Schüler von vornherein aus, die vielleicht keinen außergewöhnlichen IQ haben, aber dennoch für ein Thema brennen.

Er träumt von einem Bildungssystem, das Schüler dazu ermutigt, das zu lernen, was sie wirklich wollen. So wie ihn bereits seit der achten Klasse die Physik faszinierte - die Relativitätstheorie fixte ihn an. "Ich wollte das unbedingt verstehen und musste dafür irgendwann über die Schulbücher hinaus."

Was heißt frei?

Er stöberte im Bücherregal seines Onkels, der Physiklehrer ist. Seine Eltern besuchten mit ihm Vorträge und schenkten ihm Bücher zum Thema. Unter Leistungsdruck haben sie ihren Sohn nie gesetzt, sagt Benjamin: "Dann hätte ich nicht den Mut gehabt, das Bachelorstudium neben dem Abitur zu machen." Aber manchmal staunt er dann doch über sich selbst: "Ich frage mich schon, wie ich das eigentlich alles parallel geschafft habe."

Fehlte ihm etwas auf seinem bisherigen Lebensweg? Kindliche Unbekümmertheit vielleicht, Freiheit, Zeit für sich? Er blickt ratlos. "Da ich nicht wirklich zwischen Arbeit und Freizeit unterscheide, ist schwer zu sagen, was frei heißt", antwortet er. Und dann fällt ihm aber doch noch ein, wann er sich besonders frei gefühlt hat: Damals als er noch als Schüler als Einziger seiner Altersgenossen vormittags nicht in der Schule sein musste. Denn er war ja auf dem Weg in die Uni.

Abhängen, Partys, Serien gucken: Das interessiert ihn alles nicht. Wenn er nicht an seiner Doktorarbeit sitzt, beschäftigt er sich auch sinnvoll: Er engagiert sich in der jungen Deutschen Physikalischen Gesellschaft, arbeitet an einem Onlineprojekt namens "Mathe für Nicht-Freaks" mit, lernt Fremdsprachen, schreibt an einem Buch über das Frühstudium, besucht Start-up-Veranstaltungen und -Vorträge, liest. Ganz am Ende seiner Aufzählung kommt dann noch: "Und ich treffe mich auch ganz normal mit Freunden."

insgesamt 29 Beiträge
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Antidarwinist 06.11.2017
1.
Wie tief ist die deutsche Gesellschaft gesunken, dass man jetzt seine Hochbegabung leugnen und seinen IQ verheimlichen muss. Wenn ich jetzt noch schreibe, warum das so ist, komme ich wahrscheinlich nicht durch.
mrotz 06.11.2017
2.
Wenn man begabt ist, braucht man kaum Zeit für die Schule. Glückwunsch für das sinnvolle Nutzen der Freizeit. Eines bleibt der Artikel aber schuldig: Das Thema der Doktorarbeit / das genaue Fachgebiet. (Theoretische Physik ist ein weites Feld) mfg
nörgler25 06.11.2017
3.
Ich sehe das grundsätzlich auch so mit dem IQ. jedich wird der Stoff an der Uni so viel, dass ein höherer Zeitbedarf zum lernen schnell die natürlichen Grenzen sprengt. Ich bewundere den Jungen einerseits schon so früh diese Abschlüsse zu haben, andererseits hat das eben seinen Preis. Man opfert eben unwiederruflich einen großen Teil seiner Lebenszeit. Wie er eben sagte:"es fliegt ihm auch nicht zu". Ihm geht es wohl kaum ums finanzielle, ich glaube jedoch, dass dieser enorme Aufwand (v.a. im Fach Physik) sich nicht monetär auszahlen wird.
Doc Holmes 06.11.2017
4. Bestimmung
Ein Mensch, der frühzeitig entdeckt hat, was ihn interessiert und diesem Ruf konsequent folgt. Schön, dass unsere Geselleschaft Strukturen geschaffen hat, in denen man seine Begabung und Leidenschaft umsetzen kann (Frühstudium etc.). Da er das alles aus eigenem Antrieb tut, braucht man sich keine Sorgen zu machen, dass er diesen Weg später bereut. Weiter so und viel Spass dabei!
alfredo_spencer 06.11.2017
5. Es geht nicht immer ums Geld
Zitat von nörgler25Ich sehe das grundsätzlich auch so mit dem IQ. jedich wird der Stoff an der Uni so viel, dass ein höherer Zeitbedarf zum lernen schnell die natürlichen Grenzen sprengt. Ich bewundere den Jungen einerseits schon so früh diese Abschlüsse zu haben, andererseits hat das eben seinen Preis. Man opfert eben unwiederruflich einen großen Teil seiner Lebenszeit. Wie er eben sagte:"es fliegt ihm auch nicht zu". Ihm geht es wohl kaum ums finanzielle, ich glaube jedoch, dass dieser enorme Aufwand (v.a. im Fach Physik) sich nicht monetär auszahlen wird.
Geld ist nicht alles und ggf. mit 30 einen Lehrstuhl zu ergattern rechnet sich bestimmt. Wenn dem Jungen die theoretische Physik so brennend interessiert hat er definitiv Lebenszeit gewonnen. Was der jetzt alles entdecken kann.
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