Fußball-Weihestätte Cambridge Englands letzter Trost

Deutsche, Spanier, Holländer - alles Nachahmer im Fußball. Denn wer hat's erfunden? Die Briten. Und zwar nicht irgendwo auf der Insel, sondern im ehrwürdigen Cambridge. Die noble Universität ist noch heute stolz, dass hier der moderne Fußball geprägt wurde.

Getty Images/Allsport

Aus Cambridge berichtet Niels Anner


Ein Engländer wird im WM-Finale auf dem Platz stehen. Immerhin einer.

Gut, es ist nur Schiedsrichter Howard Webb - aber wenn er einen beeindruckenden Auftritt hinlegt, wäre das mehr, als der Nationalmannschaft seines Landes gelungen ist.

Bei dieser WM wollte England der Welt wieder mal zeigen, wer das Mutterland des Fußballs ist. Es kam anders. Die Tatsache, dass Erzfeind Nr. 2 (Argentinien, seit Maradonas Hand-Gottes-Tor 1986) von Erzfeind Nr. 1 (Deutschland, länger) eliminiert wurde, bevor dieser selbst gegen Spanien ausschied, kann nicht trösten. Denn die Nationalmannschaft von Fabio Capello ging selbst gegen Erzfeind Nr. 1 unter - ausgerechnet mit einem nicht gegebenen Wembley-Tor.

Was den Engländern in solchen Situationen bleibt: das beruhigende Wissen, den Fußball erfunden zu haben. Ein rundes Lederding herumgekickt haben schon die alten Chinesen und Griechen. Aber gepflegter Fußball entstand in England. Und zwar nicht irgendwo auf der Insel, sondern im altehrwürdigen Cambridge.

Die Archive der 800 Jahre alten Eliteuniversität berichten von einem Fußballspiel im Jahre 1579. Es endete mit einer Massenschlägerei zwischen Studenten und Stadtbewohnern. Der oberste Unirektor verfügte daraufhin, Fußball (respektive das, was man damals darunter verstand) dürfe nur noch innerhalb der Mauern der Colleges wie Trinity oder King's gespielt werden.

Das Problem: Bei dem Sport waren zwar ein Ball und Füße involviert, aber auch sonst war jeder erdenkliche Körpereinsatz zulässig. Schiedsrichter gab es keine. Hauptsache, der Ball ging irgendwie ins Tor.

Zu viel Streit, da brauchte es endlich Regeln

Über Jahrhunderte wurden diverse Formen des Ballspiels an englischen Privatschulen gepflegt. In Cambridge, der damals neben Oxford einzigen Hochschule des Landes, trafen dann die verschiedensten Fußballkulturen aufeinander, sagt John Little, Dozent für Materialwissenschaften in Cambridge. Little ist Präsident des Uni-Fußballclubs. In seinem Büro stehen neben Büchern und Aktenschränken zwischen Kamin und Ölgemälde auch einige Kisten voller Fußballtrikots.

Je nachdem, wo die Studenten Fußball gelernt hatten, spielten die einen auch mit der Hand, andere mit 20 Spielern pro Mannschaft, die dritten auf ein 15 Meter hohes Tor, und bei den vierten war das Kicken des Gegners Teil des Spiels. "Damit das Ganze nicht ausartete, musste man sich vor dem Anpfiff einigen, nach welchen Regeln nun gespielt wurde", sagt Little.

Die Studenten - Frauen konnten sich noch nicht immatrikulieren - trafen sich im 19. Jahrhundert auf einer riesigen, von Bäumen umsäumten Wiese mitten in der Stadt. Dort wählte man für jedes Spiel die Regeln dieser oder jener Schule aus: Eton, Harrow, vielleicht Shrewsbury. Streit gab es trotzdem immer wieder.

Sheffield als ältester Club der Welt? Never ever!

1848 hatte eine Gruppe Studenten genug von dem Regelwirrwarr. In einem Zimmer im Trinity College verhandelten sie einen Abend lang, bis sie sich kurz vor Mitternacht auf die "klarsten und einfachsten Regeln geeinigt hatten", sagt Little. Diese Cambridge Rules galten fortan für alle Spiele der Universität. Auf Zetteln wurden sie an die Bäume um die Fußballwiese genagelt - die ersten verbindlichen Fußballregeln der Welt.

Die Wiese heißt Parker's Piece, noch heute wird hier gekickt. Es ist ein Treffpunkt für Studenten, Sprachschüler und alle anderen Stadtbewohner.

Die Studenten von 1848 leisteten ganze Arbeit. Die Regeln überzeugten. Sie entsprachen zwar noch nicht präzise jenen des heutigen Fußballs - zum Beispiel war es noch erlaubt, den Ball mit der Hand zu stoppen, und jeder Spieler konnte als Torwart agieren. Doch die Cambridge Rules wurden die Grundlage für landesweite und schließlich internationale Regeln. Als 1863 in London der englische Fußballverband FA gegründet wurde und sein Regelwerk formulierte, basierte es im Wesentlichen auf den Regeln aus der 80 Kilometer nördlich gelegenen Unistadt.

Aus Sicht von Cambridge gab es nur einen Schönheitsfehler. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde Fußball vom Schüler- und Freizeitgekicke zum organisierten Sport - und 1857 wurde in Sheffield ein Club gegründet, der bis heute behauptet, er sei der älteste der Welt. Zu den Ehrenmitgliedern zählt ein gewisser Sepp Blatter, Präsident der Fifa.

"Wir wissen, dass 1856 ein Jahr vor 1857 war"

An der Eliteuniversität Cambridge weiß man es allerdings besser. Mit ernster Miene verweist John Little auf eine Urkunde aus dem Jahr 1856 - die ältesten erhaltenen Cambridge Rules und zugleich Gründungsdokument jenes Clubs, dem er heute vorsteht. Paragraph 1 ist unmissverständlich: "This Club shall be called the University Football Club."

Sheffield? John Little zuckt mit den Schultern: "Sollen die machen, was sie wollen. Wir wissen, dass 1856 ein Jahr vor 1857 war." Er lächelt zufrieden.

Der Universitätsclub hat die Fußballkultur in Cambridge in den vergangenen mehr als 150 Jahren vorangetrieben. Heute werden ein Meisterschaftsbetrieb und ein Pokal zwischen den 31 Colleges ausgetragen; es messen sich 70 Männer- und 50 Frauenteams. Außerdem bildet man aus den besten Spielern eine Repräsentativmannschaft. Diese hat vor allem ein Ziel: im alljährlich in London ausgetragenen "Varsity Match" gegen die ewigen Rivalen aus Oxford zu gewinnen.

Das ist ein Spiel, das für Cambridge sogar die WM in den Schatten stellt.



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friedel_3 11.07.2010
1. Ha, ha ...
Zitat von sysopDeutsche, Spanier, Holländer - alles Nachahmer im Fußball. Denn wer hat's erfunden? Die Briten. Und zwar nicht irgendwo auf der Insel, sondern im ehrwürdigen Cambridge. Die noble Universität ist noch heute stolz, dass hier der moderne Fußball geprägt wurde. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,705691,00.html
Wenn's mit der eigenen Leistung nicht klappt, muss der Brite sich auf den Ursprung zurückziehen. Frei nach diesem Motto können auch die Griechen sagen: Obwohl unsere "Fakelaki-Demokratie" keine Demokratie mehr ist, haben wir sie doch erfunden (kultiviert).
toskana2 11.07.2010
2. neugriechische Tragödie
Zitat von sysopDeutsche, Spanier, Holländer - alles Nachahmer im Fußball. Denn wer hat's erfunden? Die Briten. Und zwar nicht irgendwo auf der Insel, sondern im ehrwürdigen Cambridge. Die noble Universität ist noch heute stolz, dass hier der moderne Fußball geprägt wurde. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,705691,00.html
Ein bisschen erinnert mich die Sache an die heutigen Griechen. Letztere berufen sich immer wieder auf die altgriechische Gloria: Philosophie, Literatur, Tempelbau, Skulpturkunst, Ästhetik als Maßgabe, ... Was blieb davon übrig? Die ... neugriechische Tragödie! Kein Volk wird vom Verzehr ... seiner Vergangenheit leben können - auch die traditionsbewussten Briten nicht.
tweety81 12.07.2010
3. +
Zitat von sysopDeutsche, Spanier, Holländer - alles Nachahmer im Fußball. Denn wer hat's erfunden? Die Briten. Und zwar nicht irgendwo auf der Insel, sondern im ehrwürdigen Cambridge. Die noble Universität ist noch heute stolz, dass hier der moderne Fußball geprägt wurde. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,705691,00.html
Erfunden haben die Insel..... es von mir aus.... Aber spielen können sie trotzdem nicht...hat man ja bei der WM gesehen^^
chelinmao 13.07.2010
4. ...
Naja, ob sie sich nun zurückbesinnen oder nicht: Den aktuellen Fußball beeinflusst das eh nicht, genauso wie bei den Griechen. Von daher ist die Zurückbesinnung wenigstens angenehm.
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