Fußballer-Namen Ein Schlächter und ein Ackerer in der Abwehr

Wackelt die deutsche Hintermannschaft auch gegen Polen? Glaubt man der Onomastik, dann müssten sich die gegnerischen Stürmer eher fürchten: Jürgen Udolph, Professor für Namenforschung, ist Nationalkicker-Namen auf den Grund gegangen.


Jürgen Klinsmann ist es gewohnt, am Abgrund zu stehen. Per Mertesacker verrichtet ehrliche Feldarbeit, und Timo Hildebrand schwingt seine Arme wie ein Schwertkämpfer. Das sind Ergebnisse der Onomastik, auf deutsch Namenforschung. Professor Jürgen Udolph, Gründer der Namenberatung an der Universität Leipzig und unermüdlicher Forscher an den familiären Wurzeln vieler SPIEGEL ONLINE-Leser, hat die Namen einiger Nationalkicker entschlüsselt.

Der Herr der Namen und Buchautor* glaubt: Nicht allein Trainingsergebnisse und Laktatwerte lassen Rückschlüsse auf die zu erwartende Leistung unserer Fußballer zu, sondern auch die historisch gewachsene Bedeutung der Nachnamen.

"Die Risikobereitschaft von Jürgen Klinsmann ist historisch bedingt", sagt Udolph. Der Name des Wahl-Kaliforniers geht auf "Klintsmann" zurück. Er enthält das vor allem in der Braunschweiger Gegend noch heute benutzte Wort "Klint", was so viel wie "Anhöhe" oder "steiler Uferrand" bedeutet. Somit waren Klinsmanns Vorfahren Menschen, die auf einer Anhöhe lebten und ständig mit dem Sturz in den Abgrund rechnen mussten.

Nicht weniger sinnbildlich gestaltet sich die Namenkunde für die Nummer zwei im deutschen Tor, Oliver Kahn. Bei dessen Namen ist von einer mundartlichen Nebenform von "Kohn" auszugehen, eine Variante des althochdeutschen "kuon". "Das wiederum bedeutet 'kühn und einen Rat erteilend'", erklärt Udolph - eine Namenstradition, die sich nur schlecht mit der Rolle des Ersatztorhüters verträgt.

Die Erkenntnis vieler Experten, dass Kapitän Michael Ballack in der DFB-Auswahl unersetzlich ist, wird nun auch wissenschaftlich belegt. Ballack ist ein sorbischer Name, der vom christlichen Rufnamen "Balthasar" abgeleitet ist. Balthasar wiederum stammt aus dem Babylonischen und bedeutet "Gott behüte sein Leben".

Sollte trotz des Beistandes sich bei der Weltmeisterschaft am Ende doch Titelverteidiger und Favorit Brasilien durchsetzen, hätte Professor Udolph einen kleinen onomastischen Trost parat: "Ronaldo und Ronaldinho sind im Grunde germanische Namen." Aus den nordgermanischen "Reinwald" und "Reinhold" entwickelte sich die romanische Variante "Ronald".

jaf/sid


*Jürgen Udolph, Sebastian Fitzek: "Professor Udolphs Buch der Namen. Woher sie kommen. Was sie bedeuten."C. Bertelsmann, München, 2005; 320 Seiten; 18 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.