Fußballstar an Londoner Uni Jens Lehmann punktet im Hörsaal

Ein Torwart in der Uni: Jens Lehmann hat einen Vortrag an einer Londoner Hochschule gehalten. Der Student Markus Scholz konnte sich in den Hörsaal schmuggeln. Das Spiel dauerte 40 Minuten - der Keeper beherrschte es perfekt.


"Warum treten uns die Deutschen beim Fußball eigentlich immer in den Arsch?", will ein Student im schönsten Londoner Englisch wissen. Der Saal lacht, Jens Lehmann schmunzelt und gibt eine diplomatische Antwort. Er redet von nur knapper Überlegenheit des deutschen Teams und ihren stärkeren Nerven beim Elfmeterschießen. "Unsinn", sagt jemand in den hinteren Reihen auf Deutsch.

Jens Lehmann: Bei Arsenal auf der Ersatzbank, im Hörsaal perfekt
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Jens Lehmann: Bei Arsenal auf der Ersatzbank, im Hörsaal perfekt

Jens Lehmann, deutscher Nationaltorhüter und Keeper beim englischen Spitzenclub FC Arsenal, ist Gastredner an der prominenten London School of Economics (LSE). Organisiert wird die Veranstaltung von der German Society. Immer am Anfang eines Jahres holt die Studentenorganisation prominente Deutsche an die LSE. "German Week" nennt sie das. Lehmann soll von seinen Erfahrungen bei Arsenal London und von der deutschen Nationalmannschaft erzählen.

Den deutschen Nationaltorhüter einzuladen war mutig. Eigentlich werden Politiker und Wirtschaftsbosse in den Hörsaal gebeten. Die Gäste sollen den internationalen Studenten der LSE Deutschland näher bringen. Der Ex-Kanzler Gerhard Schröder war im letzten Jahr da, 2006 besuchte Michel Friedman die Londoner Kader-Schmiede. Und in diesem Jahr ein Fußballer?

"Tse Germöns!", sagen die Muttersprachler

Doch das Konzept geht auf. Der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Als der Torhüter den Raum betritt, singen die Studenten: "Lehmann, Lehmann!"

Das Publikum ist bunt gemischt. Die LSE beherbergt Studenten aus über 130 Nationen. Gut ein Drittel davon ist heute Abend vertreten. Lehmann legt los. Gutes Englisch, furchtbarer deutscher Akzent. Die Muttersprachler kichern und sagen: "Tse Germöns!" Lehmann spricht über die Vorteile der englischen Liga im Vergleich zur Bundesliga. "Die englische Premier League ist vermutlich die beste Liga der Welt. Das liegt daran, dass englische Vereine ungefähr doppelt soviel Fernseheinnahmen wie deutsche Vereine haben", sagt er. Klar, dass sich so die Möglichkeit ergebe, die besten Spieler der Welt zu kaufen.

"Arsenal spielt den technisch ausgefeiltesten Fußball der Welt", sagt Lehmann. Er führt das auf das Trainingskonzept zurück. "In Deutschland macht man vor jedem Training erst mal eine Stunde Dauerlauf." Bei Arsenal laufe er nur zwanzig Minuten.

Zwei Studenten in Arsenal Trikots langweilen sich. Für echte Fußballfans, die hier auf Insider-Informationen gewartet haben, ist die Veranstaltung nichts. Lehmann, der bei Arsenal schon seit Wochen nur auf der Ersatzbank sitzt und sich angeblich mit seinem Trainer Arséne Wenger überworfen hat, geht mit keinem Satz auf einen Wechsel zurück in die Bundesliga ein, über den zurzeit viel spekuliert wird.

Eine neue Fußballer-Spezies

"Gibt es eigentlich wirkliche Freundschaft in einer Fußballmannschaft?", fragt ein asiatischer Kommilitone. Lehmann beißt sich auf die Lippen: "Freundschaft wohl eher nicht. Aber Kameradschaft schon." Nach dem Spiel habe man nicht viel miteinander zu tun. "Aber auf dem Platz sind wir Kameraden."

Interessanter als das Thema Fußball ist aber die Personalie Lehmann. Der 38-Jährige liefert auch in der Uni eine gute Vorstellung. Hier steht jemand, der sich seiner Sache sicher ist, der auch nach seiner aktiven Karriere nicht von der Bildfläche verschwinden wird. Er repräsentiert eine neue Fußballer-Spezies, zu der auch Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und Oliver Bierhoff gehören - das sind alles Managertypen.

Lehmann ist als Spitzentorwart bekannt. Und für seine gelegentlichen Wutausbrüche auf dem Spielfeld. Doch im Hörsaal ist er ein Anderer. Dort ist er ist ruhig, seine Körpersprache und Rhetorik sind trainiert, er wirkt professionell. Seine Frisur, der maßgeschneiderte grauer Anzug und die Manschettenknöpfe erinnern eher an einen Geschäftsmann als an einen Fußballer.

Einer aus den hinteren Reihen will wissen, wie sich Lehmann auf große Spiele vorbereitet. "Wir haben eine ganze Reihe Psychologen in unserem Stab", sagt Lehmann. Mit denen rede auch er regelmäßig. "Nicht, das ich denen alles erzähle. Aber hilfreich sind sie schon." In der Uni ist Lehmann alles andere als unsicher: "Wer ist Ihr größtes Vorbild?", fragt jemand. "Vorbild?" Lehmann legt kurz die Stirn in Falten. "Also das war mal Toni Schumacher. Na ja, und irgendwann wird man halt sein eigenes Vorbild." Die Antwort kommt gut an - alle lachen.

"Ich wollte wissen, ob er noch vor der EM aufhört"

Das Feedback der Studentinnen, das der Fußballer heute bekommt, ist beneidenswert. "Das ist halt die Anziehung des Unerreichbaren", sagt eine Kommilitonin. Aber es ist nicht nur das tadellose Äußere und das professionelle Auftreten des Wahl-Londoners, das ihn so sympathisch macht. Der Deutsche entpuppt sich als wahrer Gentleman. Türen aufhalten, in den Mantel helfen - auch dieses Spiel beherrscht Lehmann perfekt.

Die männlichen Kommilitonen sind sich einig: Mit Lehmann würde Mann gern ein Bier trinken gehen. Auch wird spekuliert, dass er eine gute Figur im Management eines Clubs oder des DFB abgeben würde. Im zweiten Teil des Vortrages soll es um die Nationalmannschaft gehen. Doch dieser Part fällt aus: "Manuskript vergessen", sagt Lehmann etwas verlegen. "Verdammt", raunt ein deutscher Kommilitone, "ich wollte wissen, ob er noch vor der EM aufhört."

Eine Studentin aus Indien fragt Lehmann, wer in diesem Jahr Europameister wird. Der Nationaltorwart grinst verschmitzt: "Na ja, England jedenfalls nicht." Alle lachen, die Engländer ein bisschen leiser. Für Nichteingeweihte: England hat sich nicht für die EM 2008 qualifiziert. Hier auf der Insel wird darüber nicht gern geredet.

Nach etwa vierzig Minuten ist die Veranstaltung zu Ende. Lehmann signalisiert, dass er gleich noch Autogramme geben wird - und erntet Applaus. Der Torhüter lässt sich beim Signieren der Schreibblöcke, T-Shirts und Fußbälle viel Zeit. Mal posiert er geduldig mit einigen Studentinnen für ein Foto, mal plauscht er noch kurz mit einem Studenten im Arsenal Trikot. Viele Studenten zücken ihre Handys, um noch schnell einen Schnappschuss von dem Deutschen zu machen. Dann ist das Spiel im Hörsaal vorbei.

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