Eliteuni Harvard Was lernt man in einem "Game of Thrones"-Seminar, Frau Kirakosian?

Fans weltweit lieben die Fernsehserie "Game of Thrones". Eine deutsche Wissenschaftlerin bietet nun an der Uni Harvard ein Seminar zur Fantasysaga an. Hier erzählt sie, was sie sich davon erhofft.

Emilia Clarke in Staffel 6 von "Game of Thrones"
ddp images/ Capital Pictures

Emilia Clarke in Staffel 6 von "Game of Thrones"

Ein Interview von Madeleine Janssen


Zur Person
  • Katherine Travers
    Racha Kirakosian, geboren 1986, studierte Deutsche Philologie und Mittlere und Neuere Geschichte in Göttingen sowie Kunstgeschichte und Digitale Geisteswissenschaften an der École des chartes in Paris. Später wurde sie an der Universität Oxford promoviert. Sie forscht u.a. zur mittelalterlichem deutschen Mystik, zu weiblichen Heiligen und zum mittelalterlichen Recht. In Harvard arbeitet sie als Assistenzprofessorin für Altgermanistik und Religionsgeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kirakosian, wie ist Ihnen die Idee zu einem Seminar über die Serie "Game of Thrones" gekommen?

Kirakosian: Vor vier Jahren wiesen mich meine Studenten in Oxford auf die Serie hin: In ihren Augen spiegelte "Game of Thrones" vieles von dem wider, was wir im Unterricht behandelten. Mir wurde bewusst, dass die heutigen Assoziationen mit dem Mittelalter von der TV- und zum Teil auch Computerspielindustrie beeinflusst werden. Das geht aber an der akademischen Beschäftigung mit dem Thema vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Und worum geht es jetzt genau in Ihrem Seminar?

Kirakosian: Wir wollen das weitverbreitete Bild vom dunklen Mittelalter hinterfragen. Was fasziniert uns an der fantastischen Welt? Warum denken wir bei "Game of Thrones" an das Mittelalter und weniger an die Antike, obwohl viele Elemente aus der Serie aus der Antike entnommen sind? Ich denke da zum Beispiel an den Hadrianswall, der ganz deutlich als Vorbild für die Eismauer in der Serie dient. Die intensive Beschäftigung mit mittelalterlichen Artefakten, Begebenheiten und Geschichten wird hoffentlich zu einem differenzierteren Mittelalterbild führen. Natürlich erhoffe ich mir dadurch auch, mehr Studenten für eine Vertiefung des Mittelalterstudiums zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Texte planen Sie als Lektüre für die Studenten?

Kirakosian: Wir werden mit einer Einheit zum kritischen Umgang mit Geschichte beginnen, indem wir Texte zum Phänomen Mittelalterlichkeit lesen, zum Beispiel Umberto Ecos "Dreaming the Middle Ages". Wir werden eine Vielzahl von verschiedenen Quellen behandeln, größtenteils textbasiert, aber auch Kunst und Architektur werden vorkommen. Auf diese Weise soll deutlich werden, wie vielseitig die mittelalterliche Welt war. Lesen werden wir zum Beispiel Einhards "Vita Karoli Magni", Augustinus' Traktat "Über den Lehrer", das Hildebrandslied, das Nibelungenlied, Hildegard von Bingens "Scivias" und Ibn Fadlans Reisebericht. Und über das Semester hinweg verleihen verschiedene von "Game of Thrones" inspirierte Themenblöcke der Vorlesung eine Struktur.

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SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Themenblöcke?

Kirakosian: Wir steigen zum Beispiel in die Materie ein mit dem Thema "Sichtbare und unsichtbare Dinge: Meister, Mönche und heilige Frauen". Hier werden die religiösen und scholastischen Grundpfeiler der mittelalterlichen Gesellschaft vorgestellt. Andere Themenblöcke konzentrieren sich auf politische Verstrickungen, familiäre Verhältnisse, das Handels- und Reisewesen sowie Geschichten über fantastische Kreaturen wie Drachen und Tiere mit übernatürlichen Kräften.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich schon anmelden?

Kirakosian: Das Semester in Harvard beginnt Ende August und erst dann beginnt die Anmeldung. In der ersten Unterrichtswoche besuchen Studenten für gewöhnlich alle Kurse, die sie interessieren. Mit wem man bis zum Semesterende letztlich zusammenarbeitet, ergibt sich dann nach wenigen Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Studenten können teilnehmen?

Kirakosian: Damit der Kurs übersichtlich bleibt und verschiedene Aktivitäten wie Handschriften-Workshops und Museumsbesuche realisierbar sind, habe ich mich entschieden, maximal 50 Studenten zuzulassen.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
alex21777 26.06.2017
1. Ich sag da nur: Du weißt doch gar nichts John Schnee :)
Super Idee. Mittelalter fand ich persönlich (in der Schule allerdings und nicht Uni) mega langweilig. Aber durch Umberto Eco's Name der Rose (sowohl Buch als auch Film), Game of thrones (Bücher und Serie), Herr der Ringe und vieles andere an Fantasy-Literatur (da ist auch oft eine mittelalterische Welt Schauplatz des Geschehens, habe ich ein großes Interesse am Mittelalter gefunden. Sind wie die Racha Kirakosian auch schon schrieb wahnsinnig wichtige Elemente aus der Antike in GoT zu finden. Beispielsweise das Seefeuer womit Tyrion Stannis' Flotte aufhält ist nichts anderes als damals das Greek Fire (die originalformel dafür ist übrigens für immer verloren gegangen) damals bei der Belagerung von Malta verwendet wurde, um die übermächtige türkische Flotte aufzuhalten was auch gelang! In dem Sinne geile Idee nur schade das ich nicht so schnell nach Harvard komme!
crazy_swayze 26.06.2017
2.
Eine tolle Lehrerin. Aus einem populären Stoff so viel ableiten zu können, um damit eine Uni-Vorlesung zu füllen, ist schon ganz große Kunst. Die Frau arbeitet verdientermaßen in Harvard.
chiefseattle 26.06.2017
3. Diplom
Wann gibt es denn ein Diplom für sitcomm-studies? Ich melde mich für 'Dick & Doof' und 'The Simpsons' an. Schön fände ich es auch, wenn man für 'Alien' einen Schein bekäme.
Rao 26.06.2017
4. Zumindest
Simpsons in Verbindung mit Politik- und Wirtschaftswissenschaft würde sich lohnen, ich meine, wer sonst hat einen Trump als Präsident vorausgesehen ? ;) Alien in Verbindung mit (Xeno-)Biologie und Nanotechnologie tät auch gut kommen. :) Will schwer hoffen die Manuskripte zu den Vorlesungen sind irgendwann im Internet nachzulesen! Interesse ist vorhanden!
alabama110 26.06.2017
5. "Wann gibt es denn ein Diplom für sitcomm-studies?"
Das Diplom gibt es dann, wenn man weiß, wie man das Wort richtig schreibt :) Habe u. a. Kuturanthropologie studiert, da hatten wir auch ein paar Seminare, die sich mit Populärkultur beschäftigt haben. Waren meist recht interessant. Wichtig bei jeder Form der Wissensvermittlung ist die didaktische Aufbereitung und wenn man dazu Serien, Songs oder ähnliches nutzt, ist das in den meisten Fällen mehr als hilfreich.
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