Ganoven im Hörsaal Das Böse ist immer und überall

Wo ist hier der Verbrecher? Ein Bochumer Kriminologe lädt Straftäter, Polizeipräsidenten und Gefängnisleiter zum Vorlesungs-Experiment: Seine Jurastudenten sollen versuchen, nur am Aussehen zu erkennen, wer kriminell und wer gesetzestreuer Bürger ist.

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Wer hat hier die Verbrechervisage? Das Experiment von 1998
Fetchenhauer

Wer hat hier die Verbrechervisage? Das Experiment von 1998

Lügen haben kurze Beine, Diebe haben lange Finger. Und Gewohnheitsverbrecher erkennt man mühelos an körperlichen Merkmalen wie einer fliehenden Stirn, asymmetrischen Gesichtszügen, hervorstehenden Augenwülsten. Vor hundert Jahren war diese Auffassung in der Wissenschaft weit verbreitet. So entwickelte der italienische Kriminologe Cesare Lombroso die Idee, dass Äußerlichkeiten Aufschluss über den Charakter geben; später bedienten sich die Nationalsozialisten seiner Theorien.

Alles Humbug, meint der Bochumer Wissenschaftler Hans-Dieter Schwind. Und deshalb plant er eine Frontalattacke auf die Sinnesorgane seiner Jurastudenten: Sie sollen lernen, ihren Augen nicht immer zu trauen - und sich das hinter die Ohren schreiben. In der Vorlesung "Kriminologie I" lässt der Juraprofessor am Mittwoch sowohl Straftäter als auch Gesetzeshüter aufmarschieren. Die Studenten dürfen schätzen: Wer könnte stehlen, betrügen oder zuschlagen? Wer kann kein Wässerchen trüben?

Bei der Bochumer Raterunde werden die Kandidaten, darunter neben verurteilten Kriminellen auch Polizeipräsidenten oder Leiter von Justizvollzugsanstalten, wenig über sich preisgeben: Sie stellen sich mit Vornamen und Hobbys vor. Sonst erfahren die Studierenden nichts über die nummerierten Gäste auf dem Podium und geben dann ihre Einschätzungen ab. Schon am Ende der Vorlesung sollen die Ergebnisse vorliegen.

Nicht auf falsche Fährten locken lassen

Kriminologe Hans-Dieter Schwind
Atelier Lichtenberg

Kriminologe Hans-Dieter Schwind

Kriminologe Schwind will die angehenden Juristen durch das listige Experiment vor Trugschlüssen bewahren: "Von Sympathie und Antipathie ist niemand frei, aber wer ein guter Richter oder Staatsanwalt werden will, darf sich keinesfalls von der Physiognomie eines Angeklagten in seinem Urteil beeinflussen lassen."

Hans-Dieter Schwind kann recht zuversichtlich sein, dass die Studenten nicht in der Lage sein werden, "Verbrechervisagen" zu erkennen. Denn vor drei Jahren hat er den Versuch schon einmal gestartet. Ergebnis: Die Vorlesungsteilnehmer hielten alle Gäste für kriminell, einen der drei geladenen Polizeipräsidenten und einen Oberstaatsanwalt sogar besonders häufig. Und Uni-Pressesprecher Josef König wurde mal als Professor oder Journalist, aber auch als Dieb oder Zuhälter eingestuft. König trug es mit Fassung: "Uns wurde wirklich alles zugetraut. Eine volle Stunde auf dem Podium auszuharren und dabei ernst zu bleiben, das war keine leichte Übung."

Professor Schwind, einst Justizminister in Niedersachsen, wird im Juli emeritiert. Schon seit über 25 Jahren organisiert er Lehrveranstaltungen, die es in sich haben: In Vorlesungen lässt er Polizeibeamte über ihr Vorgehen bei Geiselnahmen berichten, und bisweilen erzählen Prostituierte im Hörsaal über ihren Beruf oder Bankräuber über ihren kriminellen Alltag. Für Furore sorgte Schwind auch, als er gemeinsam mit 25 Jurastudenten die Tricks bei Kaffeefahrten untersuchte , die Kriminalität im Ruhrgebiet erforschte oder eine Fallsammlung zum Thema "Gaffen" bei Unfällen veröffentlichte.

Abwechslung zum öden Gefängnisalltag

Dieser freundliche ältere Herr ist weder Juraprofessor noch Polizeipräsident - sondern der legendäre Posträuber Ronnie Biggs
AP

Dieser freundliche ältere Herr ist weder Juraprofessor noch Polizeipräsident - sondern der legendäre Posträuber Ronnie Biggs

So lebensnah wie möglich plant der Kriminologe seine Lehrveranstaltungen. "Natürlich sollen junge Juristen ihre Nase in Gesetzesbücher stecken, aber sie brauchen auch eine enge Bindung zur Berufspraxis." Und sie dürfen ihr Urteilsvermögen nicht durch Vorurteile trüben lassen. Für die Gegenüberstellung im Hörsaal Straftäter zu gewinnen, sei kein Problem, sagt Schwind: "Die meisten freuen sich über etwas Abwechslung zum öden Gefängnisalltag und schätzen es, wenn ihnen so viele Studenten aufmerksam zuhören."



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