Gaststudent in Japan Volle Breitseite im Taifun-Simulator

In Japan ist vieles aus Plastik, hat der Mainzer Oliver Armknecht als Gaststudent in Tokio erfahren. Zum Beispiel das Essen. Die Stürme und Erdbeben dagegen sind echt - aber auch die bauen findige japanische Tüftler nach.


Ich habe es aufgegeben, eines dieser hieroglyphischen Schilder verstehen zu wollen, die uns entgegenfliegen. Also blicke ich immer wieder auf das Baseballspiel, das im Taxi-Fernseher übertragen wird. Vom Himmel sehe ich ohnehin nur wenig - der wird durch eine weitere mehrspurige Schnellstraße verdeckt, die direkt über unserer verläuft.

Schon die Fahrt zu meinem neuen Zuhause auf Zeit lässt mich vermuten, dass mein Studienaufenthalt an der Universität in Tokio etwas von meinen bisherigen Auslandserfahrungen abweichen wird. Und mit der beschaulichen Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, wo ich in Deutschland studiere, hat die Nihon Universität in Tokio sehr wenig gemeinsam - vor allem, was die Stadt drumherum angeht.

In der Wohnung angekommen, begehe ich gleich eine Todsünde: Auf der Suche nach einem Lichtschalter in meiner stockfinsteren Wohnung versäume ich es, vorher meine Schuhe auszuziehen - was sogleich von einem kollektiven Aufschrei meines japanischen Empfangskomitees quittiert wird, das mich bis zur Wohnungstür begleitet hat.

Rätselhafte Geräte

Bedauerlicherweise hielten es unsere Vermieter wohl für eine witzige Idee, in Wohnungen für ausländische Studenten ausschließlich japanische Betriebsanleitungen auszulegen - was zu einer gewissen Hilflosigkeit vor technischen Gerätschaften führt, die mich durch meinen gesamten Aufenthalt begleiten soll. Bisweilen verstehe ich noch nicht einmal, was für ein Gerät ich eigentlich vor mir habe.

Woher soll ich auch wissen, dass es in Japan Maschinen gibt, deren ausschließlicher Zweck darin besteht, Reis zu portionieren? Oder öffentliche Toiletten: Die haben nicht nur eine größere Anzahl an Knöpfen als die Fernbedienung eines Videorekorders, sie spielen auch noch Wasserfallgeräusche vom Band ab. Wozu das gut sein soll? Keine Ahnung.

Dafür ist in Japan der Kunde wirklich noch König. Es schallt einem selbst dann noch ein begeistertes "Irasshaimase" - "Herzlich willkommen" - entgegen, wenn man kurz vor Ladenschluss ganz dringend etwas kaufen will. Vor manchen Getränkeautomaten ist tatsächlich ein roter Teppich ausgerollt. Und während in Deutschland immer noch darüber diskutiert wird, ob Öffnungszeiten nach 20 Uhr sinnvoll sind, ist man in Japan auch in dieser Hinsicht schon einen Schritt weiter. So entdecke ich in Yokohama doch tatsächlich ein Restaurant, das laut einem Schild "bis 29 Uhr" geöffnet hat.

Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass in Japan zwar nicht alles, aber doch vieles von den Gewohnheiten des Europäers abweicht. Es wird beispielsweise mit der Zeit normal, überall Comicfiguren und Maskottchen vorzufinden, sei es auf Verbotsschildern, in Geschäften und Arztpraxen oder bei der Feuerwehr und Behörden.

Nummern für die Taifune

Wer eine Bahnfahrt in Tokio zur Rush Hour überlebt hat, den bringt sowieso nichts mehr aus der Ruhe. Selbst die berüchtigten Naturkatastrophen verlieren irgendwann ihren Schrecken und werden genauso Alltag wie Karaoke, grelle Neonlichter und die notorischen Getränkeautomaten. Wer schon ein halbes Dutzend Erdbeben hinter sich hat, bemerkt das nächste bisweilen gar nicht. Und Taifune werden der Einfachheit halber nicht mehr mit Namen versehen, sondern erhalten eine fortlaufende Nummer. Die gibt die bisherige Anzahl an Taifunen im Jahr an.

So wurde uns morgens an der Universität gesagt, wir sollten doch bitte am Abend unsere Wohnungen nicht verlassen, weil Nr. 23 sich auf uns zu bewege. Der furchteinflößendste Moment meines Aufenthalts ist dann auch nicht, als binnen einer Stunde viermal mein Zimmer bebt oder als ein Taifun meine tägliche Bahnstrecke unter Wasser setzt, sondern als bei einem meiner Spaziergänge auf einmal jemand neben mir Deutsch spricht. Denn irgendwann hat man sich so sehr an die Andersartigkeit gewöhnt, dass es einen mit Angst und Schrecken erfüllt, mit Bekanntem konfrontiert zu werden.

Vielleicht liegt unsere relative Abgebrühtheit im Bezug auf Naturkatastrophen auch daran, dass wir kurz nach unserer Ankunft im Rahmen eines Universitätsausfluges das "Life Safety Center" besucht haben, wo uns Verhaltensregeln für den Fall der Fälle eingetrichtert werden. Um unser frisch erworbenes Wissen gleich auf Praxistauglichkeit zu überprüfen, werden wir nach und nach in Räume geführt, in denen Katastrophen simuliert werden.

Schüttel-Kur im Erdbebenzimmer

Die Flucht durch ein stockfinsteres Gebäude auf der Suche nach dem Notausgang ist noch relativ harmlos. Etwas unangenehmer ist da schon der Taifun-Simulator, bei dem eine Menge Wasser und Wind aus Düsen geschossen kommt - wie im wirklichen Leben eben. Der unbestrittene Höhepunkt ist aber das Erdbebenzimmer. Dort ist eine Küche nachgebaut, die schon bald heftig erschüttert wird, laut Trainer wie "beim Erdbeben von Kobe, bei dem mehr als 6000 Menschen zu Tode kamen".

In meinem Fall besteht die Schwierigkeit nicht nur darin, alle potentiellen Gefahrenquellen zu erkennen und nach Möglichkeit auch zu beseitigen (eingeklemmte Türen, Brandgefahr etc.), sondern auch dem 1,90 Meter großen Hünen, der dummerweise in meiner Gruppe ist, klar zu machen, er möge sich doch bitte nach einem eigenen Tisch umsehen, unter dem er Zuflucht suchen kann.

Die Simulations- und Imitationswut der Japaner ist allgegenwärtig: So finden sich vor vielen Restaurants Vitrinen, in denen aus Plastik gefertigte Nachbildungen des Essens ausgelegt sind. Meist sind sie so täuschend echt, dass man versucht ist, gleich hineinzubeißen. Für Nichtjapaner, die die Speisekarte nicht lesen können, haben diese Imitationen den nicht zu unterschätzenden Vorteil, bei der Bestellung zumindest zu ahnen, was auf sie zukommt.

Aber es gibt auch ein ursprüngliches Japan, das geprägt ist vom konfuzianischen Moralkodex, dem Buddhismus und dem Shintoismus, einer Jahrtausende alten Naturreligion. Die beiden Religionen verstehen sich prächtig, weshalb die meisten Japaner gleich beiden Glaubensgemeinschaften angehören. Schreine oder Tempel finden sich häufig direkt neben einer Hauptverkehrsstraße, manchmal erleichtert auch eine Rolltreppe den Weg zur heiligen Stätte. Für die Japaner sind Tradition und Moderne wirklich kein Widerspruch, sie nutzen das ursprüngliche Japan als Ausgleich. Das ist auch wichtig angesichts der allgegenwärtigen Hektik im Land - sich die Ruhe im Sturm zu verschaffen.



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