Geheimbünde in Cambridge Das illustre Dutzend

US-Präsident George W. Bush gehörte als Student den Heimlichtuern ebenso an wie sein Herausforderer John F. Kerry. Die Tradition des Geheimbundes kommt indes aus Großbritannien. In Cambridge schließen sich die schlauesten Köpfe in einem Zwölferbund zusammen - und spionierten schon mal das eigene Vaterland aus.

Von Benedikt Mandl, Cambridge


Heimlich, heimlich: Kings' College in Cambridge
Benedikt Mandl

Heimlich, heimlich: Kings' College in Cambridge

Wie nebenbei fällt ein Zitat aus Ovids "Metamorphosen" oder von Spinoza, unauffällig wird das Gespräch auf historische Ereignisse in der britischen Rechtsprechung gelenkt. Die jungen Studenten nehmen die Köder bereitwillig an, kommentieren die Einwürfe, verlieren sich über Portwein und Sherry in angeregten Gesprächen. Und ahnen dabei gar nicht, worum es sich bei der vermeintlichen Dinnerparty in einem Kellergewölbe in Cambridge eigentlich handelt: um eine Aufnahmeprüfung.

Unauffällig prüfen ältere Herren die Allgemeinbildung der geladenen "Undergraduates", testen, ob sie belesen genug sind für die Aufnahme in einen der exklusivsten und zugleich geheimsten Clubs der englischen Eliteuniversität: den "Cambridge Apostles".

Die jungen Prüflinge werden im Jargon der Apostel "Embryos" genannt. Dass sie für eine Aufnahme in Erwägung gezogen werden, merken sie zunächst nicht. Nur die Klügsten unter ihnen werden später eingeweiht und in langen Zeremonien zu Vollmitgliedern gemacht werden.

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Geheimgesellschaften in Cambridge: Auffällig unauffällig

Gegründet wurden die Apostel 1820 von George Tomlinson, dem späteren Bischof von Gibraltar, um die zwölf begabtesten Studenten der Universität Cambridge nach dem Vorbild einer Freimaurerloge zu verbinden. Die Geheimgesellschaft ist traditionell um die Colleges King's und Trinity konzentriert. Ihre Aktivitäten bestehen vor allem aus wöchentlichen Treffen an wechselnden Orten, bei denen ein Mitglied zu einem beliebigen Thema einen Vortrag hält und im Anschluss daran die Diskussion leitet.

Wal auf Toast

Der Inhalt der Beiträge unterliegt keinerlei Einschränkungen - weder moralische noch juristische oder ideologische Bedenken sollen die Freiheit des Vortrages behindern. Während der Treffen wird Toast mit Sardinen gegessen, unter Aposteln als "Wale" bezeichnet. Ein Schriftführer protokolliert den Abend in demselben ledergebundenen Notizbuch, das schon seit der Gründung der Apostel dafür verwendet wird.

Solche Riten werden von vielen angehenden Akademikern als schrullig belächelt. Doch die Apostel sind weit mächtiger als ein bloßer Konversationsklub - im Kalten Krieg standen sie plötzlich im Rampenlicht der Weltpolitik.

Im November 1979 trat Premierministerin Margaret Thatcher vor das House of Commons, um den Abgeordneten einen der größten Spionageskandale in der Geschichte Großbritanniens darzulegen: Anthony Blunt, ehemaliger Fellow vom Trinity College, hatte gestanden, über Jahre hinweg als Agent des KGB für die Sowjetunion spioniert und weitere Agenten rekrutiert zu haben.

Und Anthony Blunt war nicht nur Fellow von Trinity, sondern auch ein Apostel.

Wer ist der fünfte Mann?

Stück für Stück wurde das Ausmaß des Skandals bekannt: Ein Ring von fünf Agenten mit Zugang zu höchsten Regierungskreisen, bald die "Cambridge 5" genannt, war schon seit dem Zweiten Weltkrieg für den KGB aktiv gewesen. Vier Mitglieder wurden enttarnt, ein fünftes blieb verborgen. Bis heute hört man in Cambridge Gerüchte über die Identität des "Fifth Man". Mit der Spionageaffäre wurden auch die akademischen Geheimgesellschaften über Nacht bekannt und berüchtigt.

Die Bibliothek von King's College beherbergt den Nachlass von Sir Isaac Newton, gesammelt von dem Apostel-Mitglied John M. Keynes
Benedikt Mandl

Die Bibliothek von King's College beherbergt den Nachlass von Sir Isaac Newton, gesammelt von dem Apostel-Mitglied John M. Keynes

Dabei gibt es Geheimgesellschaften an elitären Hochschulen schon seit dem 19. Jahrhundet. Das protestantische England war Freimaurern traditionell freundlich gesonnen. Geheimlogen, philosophische Gesellschaften und Debattierzirkel fanden in den klösterlich organisierten College-Gemeinschaften von Cambridge begeisterte Aufnahme.

Absolventen der Universität wie John Harvard trugen die akademischen Traditionen Großbritanniens in die USA; dort finden sich an den Eliteuniversitäten der "Ivy League" Gruppen, die den Apostles ähneln: "Skulls and Bones" in Yale, der sowohl George W. Bush als auch John Kerry als Studenten anghörten, der "Porcellian Club" in Harvard, "Sphinx Head" in Cornell oder die "Owl Society" an der Universität von Pennsylvania.

Das stärkste Band im Leben

Die Geheimgesellschaften dienen ihren Mitgliedern als Karrieresprungbretter in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. "Das Band ihrer Gemeinschaft ist der stärkste Bund, dem ich in meinem Leben begegnet bin", sagt etwa der Philosoph Henry Sidgwick, selbst Mitglied der Apostel.

Und tatsächlich scheint sich eine Mitgliedschaft in dem geheimen Club sehr positiv auf die berufliche Laufbahn auszuwirken: Mitglieder werden nach dem Studienabschluss zu "Angels", viele von ihnen nehmen Schlüsselpositionen in der öffentlichen Verwaltung, beim Königshaus, in den Medien, der Kirche oder an der Universität ein. Darwin, James C. Maxwell, Bertrand Russel, John Maynard Keynes, Ludwig Wittgenstein, Aldous Huxley - sie alle gehörten zur Elite Großbritanniens, sie alle waren Apostel.

Nach dem Skandal um die "Cambridge 5" brach ein Sturm über die Apostel herein. Kommunisten in Cambridge, Hochverrat inmitten der Colleges - das konnte nicht sein, galt doch vor allem Trintiy College als eine Hochburg der Konservativen. Die Apostel sahen sich deshalb zu einer Öffnung gezwungen, in jeder Hinsicht: 1985 wurde die erste Frau in das illustre Duzend aufgenommen. Viele Details über Mitglieder und die Hintergründe des Bundes wurden bekannt.

Im Cambridge des dritten Jahrtausends sind die viktorianischen Geheimgesellschaften wieder in Vergessenheit geraten. Der KGB existiert nicht mehr, und der nie gefundene fünfte Agent beschäftigt höchstens noch ein paar Freunde von Spion-Geschichten.

Aber die Apostel leben noch. Es heißt, dass sie sich einmal im Jahr in einem College von Cambridge zum Dinner treffen. Dann sollen sie den Lauf der Welt, der Politik und der Philosophie besprechen und Karrieren planen. Wie schon seit 1820 - ganz im Geheimen.

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