Generation Sarajevo "Geh bloß nie in den Wald"

Als Kind erlebte er die Belagerung Sarajevos, als Student zeigt er Touristen das ehemalige Kriegsgebiet: Damit ist Haris Jergovic, 24, so beschäftigt, dass seine Freunde manchmal genervt sind. Im dritten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie über die Jugend im Krieg berichtet er, welche Gegenden er noch immer meidet.

David Schelp

Protokoll: David Schelp


Schule im Luftschutzkeller, Dauerbeschuss, 1425 Tage gefangen in der eigenen Stadt: Vor 15 Jahren endete in Sarajevo die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. Fünf junge Menschen, die mit ihr groß geworden sind, erzählen von Montag bis Freitag in einer SPIEGEL-ONLINE-Serie vom Leben im Krieg und seinen Spuren. Dieses Mal: Haris Jergovic, 24, Wirtschaftsstudent an der Universität Sarajevo.

"Ich spreche jeden Tag über die Belagerung. Ich muss, denn ich führe Touristen zu Kriegsschauplätzen. Ich zeige ihnen Gebäude, die während der Belagerung zerstört worden sind, das Holiday Inn-Hotel, in dem sich damals die Journalisten verbarrikadiert haben und den Tunnel, der aus der Stadt geführt hat.

Durch ihn haben die Menschen Medikamente und Waffen nach Sarajevo geschmuggelt. Ich glaube, dass mein Job mir geholfen hat, zu verarbeiten, was ich in meiner Kindheit erlebt habe. Manche Menschen verdrängen bis heute, was passiert ist.

Aber wir müssen uns der Vergangenheit stellen - und einander vergeben. Es gibt hier viele verschiedene Ethnien und Religionen, die auf engstem Raum zusammenleben. Katholische Kirchen, stehen neben Moscheen und Synagogen. Eigentlich hat es nie eine Rolle gespielt, an was du glaubst oder woher du kommst. Erst mit dem Krieg kam das Misstrauen.

"Patronenhülsen als Andenken"

Ich war ein Kind, als die Serben Sarajevo umzingelt haben. In unser Haus sind neun Granaten eingeschlagen, jedes Mal waren wir zu Hause und haben im Keller gekauert, bis sie sich das nächste Gebäude vorgenommen haben. Nach dem Krieg war unser Haus nur noch eine Ruine, alles, was meine Eltern vor dem Krieg besaßen, war hin. Ein paar Granaten- und Patronenhülsen habe ich aufbewahrt. Als Andenken an die Belagerung.

Heute lebe ich gerne in Sarajevo. Alle meine Freunde sind hier, wir spielen Fußball und gehen auf Konzerte. Im April war der Rapper Bushido in der Stadt. Der ist Deutscher, oder? Auch wenn ich die Texte nicht verstehe, mag ich seine Musik.

"Die Stadt hatte damals eine Seele"

Vielleicht ja, weil ich sie nicht verstehe. Schade ist nur, dass ich so viel arbeiten muss. Meine Freunde sind sauer, wenn mal wieder ein Anruf kommt, und ich dann los muss, um irgendjemanden vom Flughafen abzuholen oder eine Führung zu machen.

Am liebsten zeige ich Touristen die alte Bobbahn auf dem Berg Trebevice. 1984 haben hier die Bobwettbewerbe der Olympischen Winterspiele stattgefunden. Unsere Bobbahn war die modernste der Welt. Die Leute haben alle zusammengearbeitet, damit die Anlage rechtzeitig fertig wird.

Die Stadt hatte damals eine Seele, sagen die Älteren. Schade, dass ich 1984 noch nicht auf der Welt war. Aber ich habe immer einen Schlüsselanhänger mit dem Olympia-Maskottchen dabei, dem Wolf Vucko. Die Kinder haben es geliebt, wenn Vucko abends im Fernsehen zu sehen war. 'Sarajevouuu', hat er dann immer geheult.

Echte Tiere gibt es da oben nicht mehr. Die sind vor dem Krieg in die Nachbarländer geflohen und nicht mehr zurückgekommen. Außerdem sind die Wälder bis heute voller Minen, jedes Jahr sterben Wanderer und Pilzsammler. Geh bloß nie in den Wald. Du weißt nicht, was dich dort erwartet."



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
join3 24.02.2011
1. Haris mag Bushido...
Zitat von sysopAls Kind erlebte er die Belagerung Sarajevos, als Student zeigt er Touristen das ehemalige Kriegsgebiet: Damit ist Haris Jergovic, 24, so beschäftigt, dass seine Freunde manchmal genervt sind. Im dritten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie über die Jugend im Krieg berichtet er, welche Gegenden er noch immer meidet. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,746434,00.html
Was wäre, wenn er die Texte verstehen würde ? "Geh bloß nicht in den Wald" ... Bushdos Seelenminen zu hören ist auch nicht besser.
bösmensch 24.02.2011
2.
und 75% der deutschen verstehen die texte der lieder auch nicht die sie jeden tag hören. fragt mal jemanden nach seinem aktuellen lieblingslied und dann hakt nach um was es in dem song geht ;)
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