Studentensorgen Das ist die neue German Angst

Deutschlands Studenten sind ehrgeizig und haben hervorragende Zukunftschancen. Trotzdem machen sie Kettenpraktika, hetzen durchs Studium und fürchten den sozialen Abstieg. Warum eigentlich?

Von und Guido Kleinhubbert

DPA

Zum Beispiel Alexander: 24 Jahre alt, BWL-Student aus München. Plant Auslandssemester in den USA und in Australien. Möchte zusätzlich noch Japanisch lernen und dafür nach Japan reisen. Arbeitet nebenbei für eine Fondsgesellschaft, um Praxiserfahrungen zu sammeln. Engagiert sich in seiner Fachschaft. Ist diszipliniert, belastbar, will mit Spitzennoten glänzen.

Alexanders Auslandspläne, sein Job, sein Ehrenamt - alles ist Teil seines persönlichen Ausbildungsplans. Er ahnt, wie groß die Konkurrenz da draußen ist, wie viele andere Studenten es allein an seiner Universität gibt, die irgendwann die gleichen gutdotierten Posten anstreben wie er. "Der Konkurrenzdruck ist hart", sagt er. "Ich habe schon Schiss, dass das alles nicht klappt. Und ich vielleicht nur ein BWLer zweiter Klasse bleibe, wenn ich mich nicht genügend qualifiziere."

Ehrgeizig, fleißig und dabei zuweilen unentspannt - so ist er, der deutsche Nachwuchs.

57 Prozent aller Schulabgänger waren im Jahr 2011 Abiturienten; vor zehn Jahren waren es nur 36 Prozent. Und wer Abi hat, will meist auch studieren: 2,5 Millionen junge Menschen sind derzeit an Unis und Fachhochschulen eingeschrieben - mehr als jemals zuvor.

Mehr Praktika, mehr Sprachen, mehr Ausland

"Wir werden wahrscheinlich in diesem Jahr zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik den Fall haben, dass es genauso viele Studien- wie Ausbildungsanfänger gibt", sagt Heike Solga, Direktorin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

Hol Dir den gedruckten UniSPIEGEL!
  • Frauke Thielking

    Ausgabe 6/2013

    Die Super-Streber
    Warum viele Studenten so ehrgeizig sind

    Diesmal mit Geschichten über die besten Studenten aller Zeiten, über rechtskonservative Stammtischparolen und über die Frage, ob man während des Studiums eine Familie gründen kann. Wollt ihr das Heft nach Hause bekommen?
  • Dann abonniert den SPIEGEL im Studenten-Abo zum günstigen Sonderpreis.
Den UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.
Doch Studieren allein ist den Kindern der späten Achtziger und der Neunziger noch lange nicht genug. Sie machen mehr Praktika, lernen mehr Sprachen, rüsten sich aus Angst vor den Kommilitonen aus Amerika oder Südostasien für die globalisierte Welt: Der Anteil der jungen Männer und Frauen, die während des Studiums ins Ausland gehen, hat sich binnen 20 Jahren verdoppelt. Trotzdem beenden viele die Uni in einem Alter, in dem ihre Mütter und Väter noch keine Sekunde mit dem Gedanken an Abschlussprüfungen verbracht hatten. Und weil das alles noch nicht reicht, schreiben mehr als je zuvor auch noch eine Doktorarbeit.

Und was ist mit ein bisschen Unvernunft? Sich mal treiben lassen? Mal ohne Plan leben, reisen, ohne dass es direkt der Karriere dient? Sorry, keine Zeit. Und Party und Exzess bitte auch nur in Maßen, ist ja auch viel gesünder: Die Zahl der jungen Raucher ist stark gesunken, es wird auch weniger Alkohol getrunken. Dafür aber mehr auf Mama und Papa gehört: Knapp drei Viertel aller jungen Menschen würden ihre Kinder genauso oder ungefähr so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden.

Nicht gut genug im harten Wettbewerb?

Durchschnittlich betrachtet sind die Studenten von heute absolute Spitze - und die größten Streber, die die Unis je gesehen haben. Sie glänzen mit guten Noten, zeigen Einsatzbereitschaft und leben in einem Land, in dem es seit Jahren wirtschaftlich brummt. Trotzdem sind viele von ihnen von dem Gedanken getrieben, dass das alles nicht reicht, nicht genug ist im hartem Wettbewerb um Jobs und gute Löhne.

Arbeitsmarktexperten, die die Zahlen kennen, halten die Angst für irrational. Nur rund 2,4 Prozent der Menschen mit Hochschulabschluss sind arbeitslos, und das ist schon seit Jahren so - trotz steigender Akademikerzahlen. Bei Facharbeitern mit Berufsausbildung liegt die Quote dagegen bei 6,5 Prozent, bei Menschen ohne Ausbildung sogar bei 20 Prozent.

Außerdem ist ein Studium noch immer nahezu eine Garantie für ein ordentliches Gehalt. Wer an der Hochschule war, verdient durchschnittlich 36 Prozent mehr als jemand mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. "Jedes Jahr, in dem man sich an einer Schule oder einer Uni intensiv bildet, wird am deutschen Arbeitsmarkt mit bis zu zehn Prozent mehr Einkommen belohnt", sagt Ludger Wößmann, Bildungsökonom am Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung.

Und wie sieht es in Zukunft aus? Braucht Deutschland auch weiterhin so viele Abiturienten, Studenten, Doktoren? Natürlich, sagt Wößmann. Deutschland, die Exportnation, sei auch in Zukunft auf so viele kluge und gutausgebildete Köpfe wie eben möglich angewiesen. Produkte müssten schließlich ständig verbessert werden, um sie in alle Welt verkaufen zu können. Außerdem gehen in den kommenden zehn Jahren Millionen Akademiker aus den geburtenstarken Jahrgängen in Rente oder in den Ruhestand. "Es wird daher einen so hohen Ersatzbedarf an gutausgebildeten jungen Menschen wie noch nie geben", prophezeit Heike Solga vom WZB. Die Befürchtung, nicht unterzukommen, sei daher unbegründet.

Fotostrecke

18  Bilder
Studenten in Berlin: Hippe Klamotten, lockere Haltung
Klar, einige Bereiche sind aussichtsreicher als andere. Unternehmen werden sich auch in Zukunft in erster Linie um junge Ingenieure, Mathematiker, Naturwissenschaftler reißen. Ein promovierter Sprachwissenschaftler wird es weiterhin etwas schwerer haben, einen lukrativen Job zu finden. "Aber es gibt keinen Grund dafür, nicht genau das zu studieren, was einen interessiert", sagt Solga. Fast jeder Akademiker komme unter, der eine schneller, der andere eben ein wenig langsamer. Und wer mit 18 noch nicht wisse, welcher Beruf es einmal sein soll, dürfe sich ebenfalls nicht stressen. Ruhig mal nach dem Abi ein paar Monate Auszeit nehmen, für ein Projekt im Ausland arbeiten, ein Soziales Jahr machen. "Auch das sind Erfahrungen, die man später gut gebrauchen kann", sagt Solga.

Eine Lektion in existentieller Angst

Es gibt also gute Gründe dafür, ein bisschen lässiger zu sein, ein bisschen optimistischer. Doch das ist vielen Studenten heute fremd. Der Psychologe Wilfried Schumann leitet seit fast 30 Jahren die psychosoziale Beratungsstelle von Uni und Studentenwerk Oldenburg. "Innerlich getrieben sind die Studenten von heute", sagt er, "völlig überanstrengt." Der Leitspruch "Nur die Besten kommen weiter" sei in ihre Köpfe und Herzen zementiert. "Für euch ist die Arbeitsmarktsituation so gut wie noch nie", betet Schumann den gestressten Studenten vor, die zu ihm kommen. "Doch egal, welche Fakten man ihnen präsentiert", sagt der Psychologe, "sie sind beratungsresistent. Viele Studenten sind viel grausamer gegen sich selbst, als das System zu ihnen ist."

Warum ist das so?

Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell-Jugendstudie, hat eine Erklärung: Die Finanzkrisen der vergangenen 15 Jahre seien schuld. "Die damals junge Generation hat nach der Jahrtausendwende die hohe Arbeitslosigkeit, auch unter Jugendlichen, jahrelang voll mitbekommen. Das war eine Lektion in existentieller Angst", sagt er. Nun versuche der Nachwuchs, sich mit "optimierten Lebensläufen" zu schützen. Dass die Krise zumindest in Deutschland seit 2009 objektiv vorbei sei, spiele für viele keine Rolle: "Die jungen Erwachsenen trauen dem Braten noch nicht", glaubt Hurrelmann. "Mir soll das nicht geschehen", haben sie sich geschworen.

Diese Verbissenheit führt auch zu dem, was die 68er ihren Kindern und Enkeln heute gern vorwerfen: Angepasstheit, Opportunismus, Entscheidungsschwäche. Woher soll man auch wissen, wann es reicht?

Wie nervös viele sind, merkte kürzlich auch wieder Christian Stemberg, 21, Jurastudent an der Uni Münster. Der Fachschaftsvorsitzende organisiert die Orientierungswoche für die Studienanfänger. Vor dem Beginn des neuen Semesters, erzählt er, war das Interesse diesmal besonders groß; die Fachschaft wurde von zukünftigen Erstsemestern sogar schon im Sommer, also weit vor dem ersten Uni-Tag, aufgesucht. "Sie wollten wissen, wie sie ihren Stundenplan aufbauen sollen, wann welche Klausur geschrieben wird und so weiter", erinnert sich Stemberg. Der ältere Student half, wo er konnte - und trotzdem: "Ich hatte den Eindruck, dass die mit noch mehr Druck als wir damals an die Sache rangehen."


 

Geht es Ihnen finanziell besser oder schlechter als den anderen Studenten? Der Vergleichsrechner verrät es:

Ihr Einkommen in Euro:

In welcher Gruppe Sie sind, sehen Sie hier:



Finanzierungsquellen von Studenten:






Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 173 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
markster 13.12.2013
1.
... und die bedauernswerten jungen spanischen hochschulabsolventen, die jetzt alle arbeitslos sind, waren dann vermutlich alle nur nicht ehrgeizig und gut ausgebildet genug, ja??
Noctim 13.12.2013
2. Irrational
Irrational sind die Anforderungen an junge Berufseinsteiger und Young Professionals. Flexibilität, Belastbarkeit und Top-Noten werden nicht irgendwie "gerne gesehen", sondern sie sind die Mindestanforderungen an auch nur den schäbigsten Arbeitsplatz. Ohne Abitur - mit Verlaub - geht heute nichts mehr. Und selbst ein Studium ist weder Garant für einen Job, noch für eine angemessene Bezahlung. Wer mit 30 - 35 TEuro im Jahr klar kommt: Respekt. Davon kann man 'gerade mal' ein kleines Auto und ne Wohnung finanzieren und vielleicht alle 2-4 Jahre mal nen Urlaub machen. Man muss halt auch das richtige Studieren: BWL oder Ingenieur/Maschinenbau. Da rollt der Rubel.
ditor 13.12.2013
3. Nicht schon wieder "Angst"
Viele bemühen sich nur das zu tun was ihnen vorgebetet wurde, Angst ist was anderes. Da macht man dann halt eigentlich überflüssige Praktika, Auslandsaufenthalte und eignet sich statt mehr Kernkompetenz noch eine Sprache an die dann praktisch kaum gebraucht wird. Oder kennt jemand Artikel in denen Studenten erzählt wird dass man sich erst mal aufs Wesentliche konzentrieren sollte?
LorenzSTR 13.12.2013
4. Neoliberale Märchenwelt
Klar, "die" Deutschen werden ja auch immer reicher - dass das nur die oberen fünf Prozent betrifft, lässt unsere Journaille gerne unerwähnt. Hier das Märchen von den "Akademikern" mit den hohen Gehältern und der niedrigen Arbeitslosigkeit: Fragen Sie mal viele, viele der Gebildeten abseits von MINT wie es da so aussieht - und bei MINT droht bald ein von der Wirtschaft forciertes Überangebot. Der BWLer und Jurastudent hier sind eher Beispiele für gutes Netzwerken, sinnloses Karrierestreben und Auswendiglernen - diese werten Studienzweige sind in Sachen Zukunft sowieso überflüssiger als jedes angeblich unnütze Orchideenfach. Ein weitere nette Märchengeschichte von interessierter Seite ist natürlich auch immer die Gleichsetzung von Bildung mit irgendwelchen formalen Abschlüssen. Im Grunde kann jeder Idiot zu einem Hochschulabschluss gelangen, gerade in den typischerweise von Personalern geliebten Fächern. Das ist garantiert kein Zeugnis für besonderen Intellekt, die Hochschulen sind ja auch dazu angehalten so gut wie jeden Studierenden zum Abschluss beliebiger Art zu führen.
Olaf 13.12.2013
5.
Zitat von sysopDPADeutschlands Studenten sind ehrgeizig und haben hervorragende Zukunftschancen. Trotzdem machen sie Kettenpraktika, hetzen durchs Studium und fürchten den sozialen Abstieg. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/german-angst-deutschlands-studenten-geht-es-gut-a-938466.html
Ich vermute mal, dass diese Ängste von der Elterngeneration stammen und bewusst oder unbewusst, an die Kinder weitergegeben wurden. Diese Generation ist mit knappen Ausbildungsplätzen, tausenden von Bewerbern auf eine Stelle, dem Untergang großer Industriezweige und tief greifenden Strukturwandel groß geworden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UniSPIEGEL 6/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.