Geschwisterforschung Erstgeborene studieren die renommierteren Fächer

Ärztin und Lehrerin, Ingenieur und Künstler: Ältere Geschwister entscheiden sich häufiger für Studiengänge, die zu besserdotierten Jobs führen als die Nachgeborenen. Forscher nehmen an: die Eltern sind schuld.

Die Studienwahl von Geschwistern ist unterschiedlich
Getty Images/EyeEm Premium

Die Studienwahl von Geschwistern ist unterschiedlich


Erstgeborene Kinder studieren häufiger repräsentative Fächer als ihre jüngeren Geschwister. Sprich: Die Älteren wählen öfter Medizin oder Ingenieurswesen, die Nesthäkchen lieber Kunst, Journalismus oder Lehramt. Das hat eine Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock und der Universität Stockholm ergeben.

Für die Studie nutzten die Forscher Daten schwedischer Familien. Insgesamt wurden 146.000 Studenten untersucht, die zwischen 1982 und 1990 geboren wurden und sich später an einer Hochschule einschrieben. Die Ergebnisse wurden im Wissenschaftsjournal "Social Forces" veröffentlicht.

Aus früheren Studien war bereits bekannt, dass nachfolgende Geschwister eine schlechtere Ausbildung bekommen und langfristig weniger Geld verdienen als zuerst geborene Kinder. Die neue Untersuchung belegt demnach nun erstmals Unterschiede in den Vorlieben für bestimmte Studienfächer. Die Forscher fanden heraus, dass die Wahl des Fachs die Hälfte der langfristigen Einkommensunterschiede unter den Geschwistern ausmacht.

Wahrscheinlichkeit eines Medizinstudiums nimmt ab

So ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit für ein zweites Kind, Medizin zu studieren, um 27 Prozent geringer als für das erste Kind. Der Unterschied zwischen dem ersten und dem dritten Kind beträgt sogar 54 Prozent.

Ebenso fanden die Forscher heraus, dass beispielsweise die Wahrscheinlichkeit zweiter Kinder, Kunst zu studieren, 27 Prozent höher ist als die des ersten Kindes, während der Unterschied zwischen dem drittgeborenen Kind und dem ältesten Geschwister schon 36 Prozent beträgt.

"Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Eltern mehr in ihre zuerst geborenen Kinder investieren als in die folgenden", erklärte der Rostocker Demografieforscher Kieron Barclay. Dies scheine Unterschiede in den Fähigkeiten und Ambitionen der Kinder sogar innerhalb der Familie zu bewirken.

Erstgeborene hätten im Schnitt bereits bessere Noten in der Schule. Doch das allein erkläre die Studienfachwahl nicht. Auch als die Wissenschaftler den Einfluss der Schulnoten herausrechneten, blieben die unterschiedlichen Neigungen bei der Studienwahl bestehen.

Eine entscheidende Rolle scheint den Experten zufolge die Fürsorge der Eltern zu spielen. "Zuerst Geborene profitieren exklusiv von der vollen Aufmerksamkeit der Eltern, solange sie noch das einzige Kind sind", erklärte MPIDR-Direktor Mikko Myrskylä. Dies gebe ihnen schon früh einen Vorsprung.

These von der Fürsorge umstritten

Bereits aus früheren Forschungen ist bekannt, dass Erstgeborene im Durchschnitt ein klein wenig schlauer sind als ihre jüngeren Geschwister. Allerdings sind die ermittelten Unterschiede sehr gering. Demnach liegt der Intelligenzquotient der Ersten gerade einmal einen Punkt über dem der nachfolgenden Geschwister.

Die Forscher der damaligen Untersuchung wiesen in diesem Zusammenhang auch die These zurück, wonach die Reihenfolge der Geburt das Verhalten der Eltern beeinflusse. Prägender für die Entwicklung eines Kindes seien eher der soziale Hintergrund der Eltern und deren Einkommen.

Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts sehen dieses Problem bei ihren Daten allerdings nicht. Bei Studien in den USA könnten die Finanzen wegen der teuren Ausbildung eine Rolle spielen, in Schweden mit seinen kostenlosen Bildungsmöglichkeiten hingegen nicht.

Untersucht haben die Forscher die Gründe für die jeweilige Studienplatzwahl in dieser Studie jedoch nicht. Klar ist nur, dass sich die Studienplatzwahl je nach Geburtsrang innerhalb der Familie unterscheidet. Warum dies so ist, muss weiter erforscht werden. Schlussfolgerungen anhand bestimmter Charaktere, die Erst-, Zweit- oder Drittgeborenen zugeschrieben werden, erlauben sich nicht: Die Thesen, dass Sandwichkinder besonders sozial oder Nesthäkchen rebellisch sind, wurde bereits verworfen.

sun/AFP



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lachina 14.11.2017
1.
Ich erinnere mich an die Siebziger und Achziger, wenn die Familie weniger Geld hatte: Entweder studiert der Junge ODER das älteste Kind das teurere Fach ( wenn überhaupt alle Geschwister studieren durften) . Wäre interessant zu wissen, ob die Geschlechterbindung heutzutage aufgehoben ist.
Florentinio 14.11.2017
2. Vorurteile
Warum sollten Sandwichkinder besonders sozial sein? Ich glaube sie haben größere Probleme ihre Rolle zu finden, da sie weder die Ersten noch die Jüngsten sind und ihnen nicht von Außen keine Rolle zugeschrieben wird. Komisch finde ich allerdings, das das Lehramtsstudium dem Kunststudium zugeordnet wird. Ich glaube, dass aus dieser Untersuchung ganz einfach keine Schlussfolgerung gezogen werden kann.
Sibylle1969 14.11.2017
3. Meine persönliche Erfahrung
Erstgeborene Kinder, vor allem wenn es Jungen sind, werden häufig von den Eltern dazu animiert - oder gedrängt - in die Fussstapfen der Eltern zu treten, insbesondere wenn die Eltern Ärzte, Anwälte oä sind. Bei jüngeren Kindern, vor allem wenn es Mädchen sind, wird es viel eher von den Eltern toleriert, wenn sie ihrer Neigung nachgehen und keinen "anständigen" Beruf mit guten Verdienstmöglichkeiten wählen. Ich finde die Studienergebnisse nicht überraschend. Interessant wäre dann aber auch, wer hinterher wie glücklich oder unglücklich mit seiner Berufswahl ist.
spontanistin 14.11.2017
4. Eher zweifelhaft!
Der oder die Erstgeborene dürfte eher unter dem Druck stehen, den jüngeren Geschwistern ein gutes Vorbild sein zu müssen und diesen auch noch Nachhilfe geben zu müssen – beides nicht ganz unproblematisch. Weniger die Förderung als die Erwartungshaltung der Eltern dürfte relevant sein. Und letztlich ist das eh alles nur Statistik mit zahlreichen Ausnahmen, die allein in nicht planbaren Ereignissen, Zufällen im Lebenslauf begründet sind.
TS_Alien 14.11.2017
5.
In einem Wust von Daten kann man vieles finden. Meistens ist es belanglos. Doch wenn "Forscher" nur solche statistischen Methoden beherrschen, werden selbst die kuriosesten Korrelationen als Forschungsergebnisse präsentiert, auch wenn sie keine sind. Es ist meistens sinnlos, Mittelwerte über größere Gruppen zu bilden, wenn die Gruppenmitglieder neben einem gemeinsamen Merkmal sehr viele Unterschiede aufweisen. Absurd wird es dann, wenn aus den Ergebnissen biologische oder soziologische Schlussfolgerungen gezogen werden, die durch nichts belegt sind. Mich würde einmal interessieren, wer freiwillig in solchen Bereichen "forscht". Die hätten doch auch etwas richtiges lernen können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.