Gesinnungskampf an US-Schulen Lehrstunde in Patriotismus

Kurz vor den Gedenkfeiern zum 11. September stehen viele US-Lehrer wegen allzu pazifistischen Unterrichts im öffentlichen Kritikhagel. Weg mit den ständigen Lektionen in Toleranz und Mitgefühl, fordern konservative Erziehungsstrategen - künftig sollen mehr Patriotismus und Heldentum die Lehrpläne schmücken.

Von Cornelia Stolze


Treueschwur an US-Grundschule: Bitte kein "kultureller Marxismus"
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Treueschwur an US-Grundschule: Bitte kein "kultureller Marxismus"

Seit Monaten schon ist konservativen Gruppen in den USA die Haltung einiger Lehrerverbände zu den Terroranschlägen ein Dorn im Auge. Viele Pädagogen diskutierten mit ihren Schülern viel zu viel über multikulturelle Vielfalt und weigerten sich, klar gegen die Feinde Amerikas Stellung zu beziehen, kritisiert etwa die Thomas B. Fordham-Stiftung. Die einflussreiche Stiftung in Washington entwickelt Reformprojekte für US-Schulen.

Im Eifer der Vorbereitungen auf den Jahrestag der Attentate ist jetzt ein offener Streit über die richtige Gesinnung entbrannt. Mancher unbequeme Denker sieht sich bereits dem Vorwurf des "kulturellen Marxismus" ausgesetzt.

Ein Abgrund von Landesverrat

Der Auslöser für den Disput: eine jüngst veröffentlichte, speziell für die Gedenkfeiern entwickelte Webseite. Damit will die größte Lehrervereinigung der USA, die National Education Association (NEA), ihren 2,7 Millionen Mitgliedern Vorschläge für den Umgang mit dem Thema an die Hand geben. So sollen Lehrer mit ihren Schülern auch über die Traditionen des Islams oder die Gefahr pauschaler Vorurteile gegenüber anderen Kulturen sprechen.

In einem der Lehrstücke schlägt die NEA den Pädagogen sogar vor, einige Schattenseiten der US-Geschichte im Unterricht zu diskutieren - etwa die Internierung japanisch-stämmiger Amerikaner nach Pearl Harbor, "um die Wiederholung solch schrecklicher Fehler" zu verhindern. Vor allem aber warnt die NEA ihre Mitglieder davor, die Attentate vom 11. September pauschal den Anhängern des Islams anzulasten.

Soviel political correctness grenzt auch für die American Federation of Teachers (AFT) an Landesverrat: Alles, was auch nur im Ansatz auf eine Mitverantwortung der USA für die Anschläge hinweise, sei "falsch", wettert die konservative Konkurrenzorganisation der NEA. Ähnlich sieht es der ehemalige US-Bildungsminister William Benett: Die gesamte Geschichte der USA zeige, so sein Credo, "dass unsere Nation der Welt überwiegend Frieden und Gerechtigkeit gebracht hat".

Öfter mal das Heldentum preisen

Damit Lehrer nicht weiterhin "gefährlichen Vorstellungen von moralischer Gleichwertigkeit" anhingen, haben Benett und andere Experten der Fordham-Stiftung jetzt einen eigenen Wertekatalog entwickelt - gleichsam als Gegengift zu dem "derzeit unter US-Pädagogen zirkulierenden Nonsens".

Schüler: Sollen George W. Bush preisen
AP

Schüler: Sollen George W. Bush preisen

Darin fordern sie Lehrer auf, "realistischer" mit dem "Bösen" in der Welt umzugehen. Und statt ständig gegen Vergeltung und Hass zu predigen, sollten sie lieber öfter mal das Heldentum jener preisen, die "unser Land gegen fremde Aggressoren verteidigt haben" - zum Beispiel das "vorbildliche Verhalten von Präsident Bush" direkt nach den Anschlägen vor einem Jahr.

Wie die Pädagogen letztlich mit all den guten Ratschlägen umgehen werden, ist allerdings offen. Seit den Terroranschlägen will sich kaum ein Amerikaner als "unpatriotisch" beschimpfen lassen.

Doch wie Rona Novick, Direktorin der School Mental Health Alliance, stehen nun etliche Pauker vor der Frage: "Wie soll man Kindern beibringen, dass Rassismus und Mord an anderen Orten der Welt böse sind, ohne sich damit auseinanderzusetzen, dass auch in unserem Land unter anderem Afro-Amerikaner reihenweise misshandelt, gedemütigt und aufgehängt wurden?"




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