Ghostwriter Alle Fächer, alle Fakultäten, alles Betrug

Leerer Kopf und volle Geldbörse, wenig Zeit und viel Titelgeilheit - schon ist der Ghostwriter im Geschäft. Diskret und schamlos liefern gekaufte Schreiber Magister- oder Doktorarbeiten. Und betreiben damit die Entwertung akademischer Titel. Von Dominik Betz und Mirko Marquardt


Glaubt man der "taz", so hat ein Treffen mit akademischen Ghostwritern etwas Konspiratives: Da tauchen düstere Typen in schwarzen Lederjacken zum Gesprächstermin auf, den Hut tief ins Gesicht gezogen. Die Devise: Bloß nicht auffallen, denn das Geschäft ist brisant. Andrea Schultheiss* taugt nicht fürs Klischee. Sie trägt ein leichtes Kleid, hat rotblonde Haare und hellwache blaue Augen. Bereitwillig gibt sie Auskunft über ein Geschäft, das wenig mit rauchenden Pistolen, aber viel mit ausladenden Egos und allzu leeren Köpfen zu tun hat.

Schattenschreiber: Warum sich eigentlich noch selbst mit dem Examen plagen?
Rebecca Blöcher

Schattenschreiber: Warum sich eigentlich noch selbst mit dem Examen plagen?

Schultheiss ist gerade einmal Ende zwanzig und bereits Ghostwriterin im Ruhestand. Das Geschäft mit den Titeln war für sie, anders als bei hauptberuflichen Schreibern, nur ein Job auf Zeit. Ein recht lukratives Füllmittel, um die Zeit zwischen bestandenem Examen und dem ersten richtigen Job zu füllen. Direkt nach ihrem Diplom in Politik heuerte sie beim Ghostwriting-Dienst "Dr. Jessen"* an - laut Eigenauskunft mit 300 freiberuflichen Autoren der Branchenprimus. Ihr erster Auftrag war eine Magisterarbeit von etwa 80 Seiten Länge, eine weitere akademische Auftragsarbeit war um die 150 Seiten stark.

"Dr. Jessen" nimmt Aufträge aller Fachbereiche an, von den Alten Kulturen bis zur Zoologie. Die Auftraggeber sind entweder nicht in der Lage oder nicht willens, eigenständig akademische Arbeiten anzufertigen. Zur Klientel der Ghostwriter gehören Studenten ebenso wie gestresste Angestellte - ausgestattet mit wenig Zeit, aber ausgeprägter Titelgeilheit.

Die erste Regel des Geschäfts: Anonymität. Chef-Ghostwriter Jessen etwa gibt seinen Autoren gerade einmal Titel, Fachgebiet und Umfang der Arbeit mit auf den Weg. Der Autor erfährt nicht, welche Art von Arbeit er gerade schreibt, zu welchem Zweck sie später verwendet wird oder wer der Kunde ist. Allenfalls lassen sich anhand des Umfangs der Arbeiten Vermutungen anstellen. Auch Jessen selbst bleibt für seine quer über die Republik verstreuten Schreiber meist ein Phantom. "Ich habe den Jessen nie persönlich getroffen", erzählt Schultheiss, "das läuft alles über Telefon und Internet."

Der Kunde mag es diskret

Das Web erleichtert die anonyme Kommunikation: Zu vereinbarten Terminen liefert der Ghostwriter seine Arbeit abschnittsweise an den Auftraggeber. Zu jedem Teilstück gibt es dann Feedback vom Kunden - jedoch nie direkt; alles läuft über den Rechner des Agenturchefs. Weder persönliche Notizen noch verräterische Spuren wie E-Mail-Adressen erreichen Kunden oder Autor. Der Kunde wünscht Anonymität. Die Kunden von Andrea Schultheiss waren stets zufrieden.

Die zweite Regel: Diskretion. Der Kunde und der Arbeitsgegenstand sind tabu. Welche Fachbereiche am häufigsten gefragt sind, zu welchem Zweck die meisten Arbeiten verwendet werden - die Verantwortlichen schweigen. Nur so viel lässt ein professioneller Ghostwriter durchblicken: Die meisten Kunden stammen aus den Bereichen BWL und Jura.
Andere Anbieter, etwa der Chef des bezeichnenden Online-Angebots kaufschreiber.de*, legen bei solch unbequemen Fragen sofort den Telefonhörer auf. Dabei wirbt gerade dieser Anbieter auf seiner Website mit geradezu paradiesischen Verheißungen für arbeitsunwillige Studenten: Jede Art von Seminararbeit ließe sich anfertigen, auch Referate "im mündlichen Stil" seien kein Problem. Magister- und Diplomarbeiten, selbst Dissertationen gehören zum Standardrepertoire.

Bis zu einem Dutzend Firmen bieten ihre Dienste im Internet an; die Bandbreite reicht von professionell bis dilettantisch. Einige Anbieter verfassen für ihre Kunden nicht nur Diplomarbeiten - auch Festreden oder Kondolenzbriefe lassen sich gleich dazu bestellen, je nach Anlass.

Das Geschäft mit dem Ghostwriting lässt sich grob in drei Bereiche unterteilen: Zum einen gibt es Datenbanken mit fertig geschriebenen Diplom- oder Magisterarbeiten zum Download. Daneben agieren Autoren, die aus einem Setzkasten voller Zitate und Standardwerke schöpfen und ihr Material jeweils nur neu kombinieren. Und dann sind da noch diejenigen Ghostwriter, die tatsächlich alles neu anfertigen und es im wochen-, oft monatelangen Bibliotheks-Marathon den Studenten gleichtun.

Eine maßgeschneiderte Arbeit hat ihren Preis

Auf eine vorgefertigte Arbeit zurückzugreifen, gleicht mittlerweile russischem Roulette: Auch dem technisch unbegabtesten Dozenten ist eine simple Google-Recherche zuzutrauen. Ebenso lässt die bloße Neukombination von Textpassagen Zweifel an der Qualität des Endproduktes aufkommen. Eine maßgeschneiderte Neuanfertigung jedoch schreckt durch ihren häufig hohen Preis ab. Der Leiter einer großen Ghostwriting-Agentur: "Wer sich im Netz eine Diplomarbeit herunterlädt, zahlt vielleicht 100 Euro. Wenn wir eine Diplomarbeit übernehmen, kostet das 6000 bis 7000 Euro. Das ist schon ein Unterschied."

Gelegenheitsschreiberin Schultheiss bekam für ihr 150-Seiten-Werk 9000 Euro. Wie viel Vermittler Jessen zusätzlich für seine Arbeit einbehielt, weiß sie nicht. Ihren Lohn hält sie für angemessen, schließlich brauchte sie für das Werk über "Korruption im chinesischen Wirtschaftsraum" an die vier Monate: "So bombastisch ist die Bezahlung nicht - schließlich bin ich selbständig. Nach Steuern bleibt da nicht allzu viel übrig."

Dabei war sie noch gut dran; andere Dienstleister zahlen deutlich schlechter - etwa campuswrite.de*, ein Anbieter aus der sächsischen Schweiz. "Die zahlen so was von miserabel", sagt Schultheiss, "da kann die Qualität einfach nicht gut sein. Die bieten auch kleinere Geschichten an, Seminararbeiten und ähnliches, für 150 Euro. Dabei sitze ich auch da eine knappe Woche dran."

Pro Seite nimmt campuswrite 26,95 Euro, gegen Aufpreis lässt sich das Schreibtempo auch beschleunigen - zahlbar gegen Vorkasse, Rechnung oder per Lastschrift. Alle Angebote sind direkt über ein Online-Formular zu ordern: einfach Thema angeben und Gliederung beifügen. Ein Mitarbeiter von campuswrite: "Für eine Arbeit, die dem Umfang einer Magisterarbeit entspricht, braucht ein Ghostwriter zwei bis drei Monate. Im Prinzip die gleiche Zeit, die ein zügig schreibender Student für die Arbeit bräuchte." Wie sich unter diesen Umständen eine Magisterarbeit im Umfang von 90 Seiten zum Preis von rund 2500 Euro für Ghostwriter und Unternehmen rechnen soll, verrät er nicht.

Viel Vertrauen ins akademische Ehrgefühl

Es sind rund 100 bis 300 Akademiker, mit denen die großen Anbieter nach Eigenaussagen jeweils zusammen arbeiten. Das lässt auf einen häufigen Schwindel mit Arbeiten und Titeln schließen - genaue Zahlen liegen nicht vor.

Das Rechtsdezernat der Universität Hamburg gibt sich ahnungslos: In den letzten zehn Jahren seien keine fremdgeschriebenen Examensarbeiten bekannt geworden; die vielfältigen Angebote im Internet sind hier praktisch unbekannt. "Wahrscheinlich gibt es solche Fälle. Vielleicht sind wir einfach zu dusselig, um sie aufzudecken", bekennt Martin Günther, Leiter der Rechtsabteilung. Meist würden Professoren aufgeflogene Studenten direkt zur Rechenschaft ziehen. "Diese Leute bekommen rote Ohren - und das war es dann auch." Ansonsten vertraut man auf akademisches Ehrgefühl. "Es gilt noch der Grundsatz: So etwas tut man einfach nicht." Im Extremfall kann ein aufgedeckter Fall jedoch durchaus zu einer Klage führen.

Bleibt die Frage nach der moralischen Verantwortung der Ghostwriter. Andrea Schultheiss hat zwiespältige Gefühle: "Es ist eine Verarschung der Hochschulen, man untergräbt die Validität des gesamten Systems." Doch das Ghostwriting sei ein allgemeineres Problem und komme auch bei Professoren vor, die sich ihre unter dem eigenen Namen veröffentlichten Arbeiten von Assistenten schreiben ließen.

Andrea Schultheiss selbst hätte allerdings nie die Dienste eines Ghostwriters in Anspruch genommen - "denn das Examen ist das wichtigste am Studium, wie viel Arbeit das auch bedeutet".

*Namen und Web-Adressen der Ghostwriter wurden geändert, um den Agenturen keine neuen Kunden zuzuführen



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