Hohe Durchfallquoten Uni Gießen zahlt Medizinstudenten Nachhilfe

In Gießen fallen besonders viele Studierende durchs Physikum. Trotzdem will die Uni an ihrer Lehre offenbar nichts ändern - und geht stattdessen andere Wege.

Praktikumsraum im Biomedizinischen Forschungszentrum der Uni Gießen
JLU-Pressestelle/Franz Möller

Praktikumsraum im Biomedizinischen Forschungszentrum der Uni Gießen


Die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) gibt sich trotz hoher Durchfallquoten selbstbewusst: "Die JLU steht zu ihrem Weg der Medizinerausbildung", heißt es in einer Pressemitteilung. Darin hatte der Studiendekan des Fachbereichs Medizin, Dieter Körholz, erklärt, dass seine angehenden Ärztinnen und Ärzte künftig Nachhilfe bekommen können, auf Kosten der Uni.

Denn die angehenden Mediziner in Gießen fallen bundesweit betrachtet besonders häufig durch das Staatsexamen - ein Examen, das vor allem aus Multiple-Choice-Fragen besteht. Das berichtet unter anderem die "Frankfurter Rundschau" unter Berufung auf ein internes Protokoll der Fachbereichssitzung vom Oktober.

Test sei nicht alles

Das ist für Dekan Körholz aber nur ein zweitrangiges Problem. "Das Wissen, das in den Staatsexamina abgefragt wird, ist natürlich eine Grundvoraussetzung für den Arztberuf", betont der Dekan. Das Medizinstudium in Gießen sei aber "geprägt von dem Bewusstsein, dass dies nicht alles sein kann".

"Was einen guten Arzt oder eine gute Ärztin ausmacht - neben umfassendem Wissen gehören dazu Empathie, Interesse an den Patientinnen und Patienten, Kommunikationsfähigkeit und kritisches Denken - lässt sich kaum durch die Ankreuztests im ersten und zweiten Staatsexamen überprüfen", sagt Körholz und benennt damit den Ausbildungsweg, auf den in Gießen besonderer Wert gelegt wird.

Trotzdem sehe sich die Uni in der Pflicht, die Studierenden so gut wie möglich zu unterstützen, um die Multiple-Choice-Tests zu bestehen. Denn: Man könne es sich in Zeiten des Ärztemangels nicht leisten, "angehende gute Ärztinnen und Ärzte auszubremsen, weil sie im ersten Anlauf an Multiple-Choice-Tests scheitern", erklärt der Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen, Joybrato Mukherjee.

Also finanziert die Uni den Studierenden ein Repetitorium bei der Firma Medi-Learn, das auch an anderen Unis angeboten wird. Allerdings müssen die Teilnehmer dort selbst etwas bezahlen.

Repetitorium statt Reform des Lehrangebots

In der Pflicht, ihr Lehrangebot zu reformieren, sieht sich die Uni offenbar nicht. Sie verweist hingegen darauf, dass die Zusammensetzung ihrer Studierenden für die Durchfallquoten mitverantwortlich sei. Denn die Uni vergebe bis zu 15 Prozent ihrer Studienplätze an Bewerberinnen und Bewerber mit abgeschlossener Berufsausbildung.

"Was für den Arztberuf förderlich sei, helfe nicht gerade beim Physikum (dem ersten Staatsexamen), wo Studierende mit frischem Oberstufenwissen häufig im Vorteil seien", heißt es in der Pressemitteilung.

Dies sieht die Medizin-Fachschaft hingegen anders. Sie begrüßt die Initiative laut einem Bericht der "Hessenschau" zwar. Fachschaftsrätin Anne Lindemann sagte demnach, es zeuge von Wertschätzung, dass die Uni die Kosten übernehme. Allerdings sei dies nur eine Übergangslösung. Auf längere Sicht müsse die Lehre nachhaltig verbessert werden. Dazu sei man im Gespräch mit dem Studiendekan.

sun

insgesamt 33 Beiträge
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isi-dor 28.01.2019
1.
Medizin können wegen der hohen Anforderungen nur die Allerbesten eines Jahrgangs studieren. Wenn selbst die Scheitern, dann hat das Qualitätsmanagement der Uni-Lehre versagt. Das Problem ist, dass die Universitäten Staatsexamens-Studiengänge, wie Medizin, selbst nicht akkreditieren können.
robeuten 28.01.2019
2. Stimmt das so?
Hm, also zu meiner Zeit machte man Physikum, ein Jahr später das 1., zwei Jahre danach das zweite Staatsexamen. Das 3. Staatsexamen nach Abschluß des praktischen Jahres - wieso werden hier Physikum und 1. Staatsexamen gleichgesetzt?
liselus 28.01.2019
3. Woanders schon lange Standard
An anderen Unis (Tübingen, Ulm, Mainz...) schon länger Standard. Auch hier müssen maximal 200€ Eigenanteil von den Studierenden bezahlt werden, Rest übernimmt die Uni. Soooo besonders ist das jetzt nicht...
heinrich.busch 28.01.2019
4. Das Problem isr wohl er die Art der Prüfung
Die Uni macht sich mit Multiple Choice einen schlanken Fuss. Die Fragen sind z.T. so uneindeutig , mal sind 4 Antworten richtig, mal alle falsch usw. Das sich Biophysik oder Biochemie dafür eignet wage ich zu bezweifeln. Anatomie wird wohl o.k. sein.
Quercus pubescens 28.01.2019
5. Gute Nacht
und diese Nullen werden dann auf Patienten losgelassen. Sagenhaft. Mich wundert in Deutschland gar nichts mehr. Unlängst war ich auf Krankenbesuch in einer Klinik. Der Stationsarzt konnte kaum ein Wort Deutsch und fummelte an den Geräten herum, als hätte er zum ersten Mal in seinem Leben so etwas gesehen. Die Patientin war ganz aufgebracht und erzählte, dass sie den Eindruck habe, der Mann wäre nie und nimmer Arzt. Weder konnte er eine Spritze setzen noch irgendwas erklären, auch nicht in Englisch. Letztlich musste die Stationsschwester die Dinge in die Hand nehmen. Ihr Blick sprach Bände. Es wird zunehmend skurril im Land.
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