Glosse "Akademische Mythen" Das Gesetz des Dschungels

Grau sind alle Theoretiker, sobald ihnen der Sprung in den akademischen Olymp gelungen ist. Dann aber kann der Lehrstuhlinhaber den Blick über den Campus schweifen lassen wie der Löwe über die Savanne - ein Crashkurs zur Vorbereitung auf den harten Universitätsalltag.


Doktoranden: Müssen viel einstecken, bevor sie selbst austeilen dürfen
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Doktoranden: Müssen viel einstecken, bevor sie selbst austeilen dürfen

An den Hochschulen der Republik werden derzeit eifrig Stühle gerückt. Tausende altgedienter Professoren nehmen ihren Hut, sagen wehmütig Adieu zu den Hilfskräften und räumen ihre Dienstzimmer. Der Generationswechsel ist in vollem Gange, nach Schätzungen einschlägiger Institute werden in den nächsten Jahren rund sechzig Prozent der Lehrstühle mit jungen, dynamischen und ehrgeizigen Professoren besetzt. Doch aller Anfang ist schwer, deshalb nun die wichtigsten Ratschläge für die jungen Kollegen:

Professoren-Mikado in der Fakultätskonferenz

Hier wie in allen universitären Gremien gilt die altbewährte Beamtenweisheit: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Fixieren Sie deshalb einen frei wählbaren Punkt an der gegenüberliegenden Wand und widmen Sie sich ihm ausdauernd, wenn nach dem Protokollanten für die Sitzung gesucht wird. Lassen Sie spontan einen Bleistift fallen und suchen Sie nach ihm unter dem Tisch, solange die Kandidaten für die Dekanswahl nicht gefunden wurden.

Und nur wenn der Redner für einen renommierten Kongress gesucht wird, springen Sie auf und melden sich freiwillig. Einer muss es ja machen!

Die lieben Kollegen - wer wird König der Löwen?

An der Uni gilt das Gesetz des Dschungels: Fressen oder gefressen werden
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An der Uni gilt das Gesetz des Dschungels: Fressen oder gefressen werden

Vergessen Sie es. Liebenswerte und uneigennützige Kollegen sind eine gern kolportierte Fiktion aus den Anfangstagen der Gruppenuniversität. An der deutschen Hochschule des 21. Jahrhunderts hingegen gilt das Gesetz des Dschungels. Die geschätzten Flurnachbarn haben sicher längst schon ein begehrliches Auge auf Ihre Hilfskräfte, Ihr Budget und Ihre Drittmittel geworfen.

Lassen Sie sich nicht täuschen, wenn Sie von den Kollegen freundlich und hilfsbereit begrüßt werden. Es sind Löwen, die ihre Beute umkreisen. Und die Rolle der naiven Antilope überlassen Sie besser den wissenschaftlichen Mitarbeitern.

Wissenschaftliche Mitarbeiter - Vorsicht, Rivalen

Wo wir gerade bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern sind. Unterwerfen Sie jeden von Ihnen einer gründlichen wissenschaftlichen Rasterfahndung. Was hat er schon publiziert? Welche Noten hatte er im Examen und in der Doktorarbeit? Plant er eine Habilitation? Was halten die Kollegen von ihm? Kurzum: Kann er Ihnen gefährlich werden?

Hat die Fahndung einen Namen ausgespuckt? Dann halten Sie ihn kurz und beschäftigen ihn mit zermürbenden Kopieraufträgen. Denn nichts ist peinlicher als ein Assistent, der das Dossier der "Zeit" mit seinen schlauen Gedanken füllt, während Ihr Aufsatz vom hauseigenen Forschungsjournal der Uni mit der lapidaren Begründung "zu wenig Platz" abgelehnt wird.

Die Raumfrage - der Allergologe hilft

Junge Professoren bekommen in der Regel die unwirtlichsten Dienstzimmer zugeteilt. Entweder die Fenster sind undicht, es ist das Zimmer direkt neben der Herrentoilette oder gegenüber ist das Dekanatszimmer mit regem Publikumsverkehr. Deshalb bauen Sie vor, besorgen Sie sich bei einem großzügigen Arzt ein Attest über Asthma oder eine üppige Hausstauballergie und erheben Sie damit Anspruch auf ein geräumiges Zimmer mit Parkettboden an der sonnigen Südseite des Instituts.

Allerdings sollten Sie aufpassen, dass dieses Zimmer nicht schon durch die graue Eminenz der Fakultät belegt ist und der letzte junge Professor, der Anspruch auf dieses Zimmer erhoben hat, inzwischen nach Greifswald versetzt wurde. Aus unbekannten Gründen, versteht sich.

Die Drittmittel - bloß keine Scheu vor Modevokabeln

Die sollten Sie möglichst fix einwerben, sonst zeigen bald die Rechnungsprüfer der Universität mahnend mit Spinnenfingern auf Sie. Schließlich haben Sie den fein austarierten Globalhaushalt der Hochschule ins Wanken gebracht.

Wie man um Himmels willen Drittmittel einwirbt? Entwerfen Sie kühne und schillernde Projektanträge, in denen die Vokabeln "Browser", "Genom", "Mikrochip" und "die Technologie des 21. Jahrhunderts" vorkommen.

Schwierig, weil Sie Professor der Germanistik, Soziologie oder Kunstgeschichte sind? Dennoch kein unlösbares Problem, schließlich ist "Die Rolle des Providers in Goethes Faust" schon seit langem ein Desiderat der Forschung.

Studenten - immer Abstand halten

Studenten sind junge Menschen, die in Ihren Vorlesungen sitzen, Ihre Seminare bevölkern und gedrängt vor Ihrer Tür darauf warten, dass Ihre Sprechstunde beginnt. Meiden Sie den Kontakt mit ihnen. Sie sind laut und respektlos, verursachen Arbeit und bringen Sie auf der Karrriereleiter nicht eine Trittstufe vorwärts.

Sie zweifeln? Sie wollen ein offenes Ohr für die Studenten haben, die Hausarbeiten sorgfältig korrigieren, gar jedes Semester eine neue Vorlesung anbieten? Nur zu, Ihre Kollegen werden neidlos applaudieren, wenn Ihnen nach vielen Jahren endlich der wohlverdiente Nobelpreis für Didaktik verliehen wird.



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