Graffiti in Uni-Bibliotheken "Wir haben's am Morgen zweimal gemacht"

Liebe, Sex, Abschlussprüfungen - aus den Kritzeleien an den Wänden der Chicagoer Uni-Bibliothek lässt sich herauslesen, was Studenten bewegt. Die Graffiti-Jägerin Quinn Dombrowski hat die Texte ausgewertet und stieß auf intimste Bekenntnisse, manche in bestem Mittelägyptisch.

Von

Sam Bowman

Oktober ist der Monat der Liebe, doch schon im Dezember geht es fast nur noch um Sex. Zumindest an der University of Chicago - glaubt man den Graffiti in der Regenstein Library, der Hauptbibliothek auf dem Campus.

Quinn Dombrowski sammelt und dokumentiert dort die Edding-Poesie, die sie zwischen den Regalen findet, an den Arbeitsplätzen und auf den weißen Arbeitstafeln der Bibliothek. Und Dombrowski wertet sie statistisch aus. "Die Liebe hat ihren Höhepunkt im Oktober, wenn das neue Schuljahr gerade begonnen hat", sagt sie. "Nach November fällt die Erwähnung von Liebe rapide ab, bis zum April. Dafür erreichen Sexgraffiti im Dezember einen bemerkenswerten Peak."

Dombrowski ist weder Dozentin für Literatur, noch unterrichtet sie Statistik. Als technische Angestellte der Uni befand sich lediglich ihr Büro in der Bibliothek. Auf die Graffiti stieß sie dabei eher zufällig. "Seit zweieinhalb Jahren mache ich jeden Tag mindestens ein Foto", sagt sie, "von zufälliger Schönheit. Dinge, die auf dem Gehweg liegen - von wirklich fast allem." Mittlerweile stehen schon bald 40.000 Bilder von ihr auf Flickr, alle unter der Creative Commons License, für jeden nutzbar.

Friedrich Nietzsche, falsch zitiert

Ihr erstes Graffito war ein Nietzsche-Zitat: "Unconcerned, mocking, violent - thus wisdom wants us: She is a woman and always loves only a warrior - Nietzche". Dahinter hat jemand in einer anderen Handschrift angemerkt: "Misquoted". Ob er damit nur den Namen des Verfassers oder den fehlenden Mut in der Übersetzung meint, bleibt offen. Im Original aus den Reden Zarathustras heißt es jedenfalls: "Mutig, unbekümmert, spöttisch, gewalttätig - so will uns die Weisheit: Sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann."

Doch die Chicagoer Studenten beschäftigen sich natürlich bei weitem nicht nur mit Philosophie. Jedenfalls scheinen sie ein fröhlicher Menschenschlag zu sein, fand Dombrowski heraus, denn sie äußern sich rund sechsmal häufiger über Dinge, die sie lieben, als über jene, die sie hassen.

Geliebt wird alles mögliche: Kurt, diese Stille, Tiramisu. Ein Student bekannte sich sogar zu seiner Liebe zu Milton Friedman, dem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und ehemaligen Dozenten an der Uni. Das Hass-Spektrum ist nicht so breit gefächert. Gehasst werden eher ganz klassisch "alle", "ich" oder "Obama". In der kleinen Schnittmenge jener Objekte, die sowohl geliebt als auch gehasst werden, tummeln sich "das Leben", die "Chemie" und die eigene Uni.

Einmal hätte die Graffiti-Jägerin gern selbst etwas geschrieben

Graffiti-Dokumentarin Dombrowski geht es nicht darum, die Wand-Poeten auf frischer Tat zu ertappen. "Ich habe noch niemals jemanden etwas schreiben gesehen", sagt sie. "Ich mache meine Fotos früh morgens, bevor die Studenten eingelassen werden, damit niemand mich sieht." Allerdings fand sie einmal bei ihrer morgendlichen Runde einen Studenten, der auf einem der Arbeitstische eingeschlafen war. "Den habe ich nur aus der Entfernung fotografiert, um ihn nicht aufzuwecken."

Und hat sie selber schon mal eine Botschaft auf den Bibliothekswänden hinterlassen? "Nie. Noch nicht ein einziges Mal, ehrlich." Nur einmal konnte sie sich kaum zurückhalten. "Da fand ich ein sehr trauriges Graffito: 'I'm too invisible for anyone to care', stand in winziger Handschrift über einer Telefonbuchse. Dem Schreiber hätte ich gerne etwas Nettes gesagt, aber dann hätte ich meine Glaubwürdigkeit als Dokumentarin verloren."

Bald begann Dombrowskis Fotoprojekt aus dem Flickr-Account herauszuwachsen und wurde zu einem eigenen Blog, "Crescat Graffiti, Vita Excolatur". Der Name ist eine Anspielung auf das Motto der University of Chicago "Crescat Scientia, Vita Excolatur" - Vermehre das Wissen, so sei das Leben besser. Über die lebensbereichernde Vermehrung der Graffiti ist mittlerweile sogar das Buch zum Blog erschienen.

Manchmal finden sich an den Wänden Perlen der Poesie. "Mein Lieblingsstück: 'I'm in love and it's finals week!'" Zwei Dramen, die das Leben des Autors bestimmen, in sieben Worten. "Das ist herzzerreißend und wunderschön", findet Dombrowski. Zwei Kommilitonen antworteten allerdings mit weniger poetischen Ratschlägen. Unter dem Kurzgedicht riet jemand: "Focus on finals. Real love will wait." Ein zweiter Kommentator sah die Lage pragmatischer: "Fuck her, man!"

"Geh nach Italien, werde Schuster"

Das wohl meistzitierte Graffito aus Dombrowskis Sammlung ist allerdings ein Aufruf, der offenbar vielen verzweifelten Akademikern aus der Seele spricht: "Go to Italy. Be a cobbler." Den guten Rat, nach Italien zu gehen und Schuster zu werden, gibt es mittlerweile als Logo auf T-Shirts und Kaffeebechern zu kaufen oder sogar als PDF einer Vorlage für ein Stickbild.

Die Studenten in Chicago kommen aus der ganzen Welt - und studieren die verschiedensten Sprachen. Deshalb fand Dombrowski eine ganze Reihe Graffiti, für deren Lektüre man einige Fremdsprachen beherrschen muss. Besonders viele Wandbeschriftungen sind arabisch. Ein Student, der sich offensichtlich noch nicht lange mit dem Arabischen auseinandergesetzt hat, notierte in ungelenker Handschrift "al-kitab". Das bedeutet nicht viel mehr als "Buch" - und ist gleichzeitig auch der Titel des meistbenutzten Arabisch-Lehrbuches an der University of Chicago. Ein weitaus fortgeschrittenerer Lehrling des Arabischen schrieb eine Äußerung des Mansur Al-Hallaj an die Wand, "Ana l-Haqq" - Ich bin die absolute Wahrheit - wofür der Sufi Al-Hallaj im Jahr 922 noch öffentlich gekreuzigt wurde.

In koreanischen Graffiti geht es dagegen auffällig oft ums ernsthafte Studieren. "Ich werde wie ein Verrückter lernen... bis zu dem Tag, an dem ich Chirurg bin!", heißt es da. Oder: "Ich werde heute in der Bibliothek schlafen. Morgen? Wohl auch." Doch auch die Koreanischsprachigen befasse sich nicht nur mit dem Ernst des Lebens. "Lass uns am Wochenende spielen!", fordert ein Student auf Koreanisch, ein anderer verkündet öffentlich: "Du brauchst dringend eine Tracht Prügel, DanBee Kim."

Das wohl exotischste Stück in Dombrowskis Sammlung ist in mittelägyptischen Hieroglyphen verfasst; in Umschrift lautet es etwa: "w r.n.n st m dw3t sp sn". Dombrowski zeigte das Foto einem Ägyptologen, und der begann breit zu grinsen, als er die Bildchenfolge sah. An der Wand stand in bestem Mittelägyptisch: "Wir haben's am Morgen zweimal gemacht."

Mittlerweile tritt Dombrowski mit ihrem Graffiti-Projekt ein wenig kürzer. Die Bedenken, mit ihrem Buch das Beschriften der Universitätswände zu fördern, waren am Ende groß. Auf ihrem Blog muss sie nun deutlich darauf hinweisen, dass sie die Graffiti-Kultur nicht unterstützt oder fördert - und kein Graffito in ihre Sammlung aufnehmen wird, von dem sie den Eindruck hat, es sei nur für diesen Zweck entstanden.

Langweilig wird es Dombrowski trotzdem nicht. Für ihr neues Blog "Women, Snakes and Stalkers" fotografiert sie die Cover von Büchern aus der indoiranischen Abteilung der Regenstein Library. Und da sie nicht lesen kann, welche Titel die hübschen, bunten Bände haben, erfindet sie einfach zu jedem Buch einen neuen.



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