Varoufakis und die Groupies "Er ist einer fürs Bett"

Sie verehren seine Politik, kopieren seinen Kleidungsstil und halten ihn für eine "Sexmaschine": Griechische Studenten vergöttern Gianis Varoufakis - und ärgern sich über die Deutschen.

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An einem regnerischen Nachmittag sitzt die Statistikstudentin Eleni Mavropoulou auf der Terrasse eines Athener Straßencafés und erzählt, dass sie total scharf auf einen Typen ist. Der Regen prasselt so stark auf die Markise über ihr, dass man nicht jedes ihrer Worte versteht, aber folgende Sätze sind auf jeden Fall dabei: "Der Kerl hat alles. Er ist ein genialer Wissenschaftler. Er fährt Motorrad. Er ist lustig und charmant. Er ist einer fürs Bett, man sagt, er sei eine Sexmaschine. Er ist der perfekte Mann." Ab und zu kramt die 26-Jährige ihr Smartphone aus der Tasche, schaut sich Fotos an oder googelt nach Texten, die ihr Schwarm geschrieben hat.

Der Typ, auf den Mavropoulou so abfährt, ist kein Popstar, kein Sportler und auch kein schöner Kommilitone. Ihr Angebeteter ist ein 54 Jahre alter Politiker: Gianis Varoufakis, der im Januar zum griechischen Finanzminister ernannt wurde und vorher als Ökonomieprofessor an der Universität Athen lehrte. Mavropoulou ist oft in Gedanken bei ihm, es stört sie nicht, dass er eitel ist und vom Alter her ihr Vater sein könnte. Leider ist Varoufakis verheiratet, und das ist natürlich ein Problem.

Es könnte der Eindruck entstanden sein, dass Mavropoulou sich irgendwie lustig macht. Tatsächlich aber neigt die Master-Studentin nicht zum Witzeln, sie ist ehrgeizig und klug und möchte später bei der Europäischen Zentralbank arbeiten, jener Institution, die ihr Verehrter so oft kritisiert. Sie meint das ernst mit Varoufakis, sie ist wirklich verknallt in ihn - und sie ist nicht die Einzige.

Vin Diesel der Politik

An griechischen Hochschulen gibt es derzeit einen wahren Varoufakis-Hype. Der Prof, der auch schon während seiner Zeit an der Uni ein Star bei den Studenten war, wird als eine Art Vin Diesel der Politik gefeiert, als Retter Griechenlands, der den langweiligen Anzugträgern aus den anderen Ländern endlich mal erklärt, wo der Hammer hängt. Fast 70.000 meist junge Menschen haben sich zum Beispiel der Facebook-Gruppe "V für Varoufakis" angeschlossen, Tendenz seit Wochen steigend. Man postet Fotos und Tweets von Varoufakis, man schwärmt ein bisschen herum und teilt die neuesten Sprüche. Wie Varoufakis seinen Morgen beginnt? Mit einer Einheit Sit-ups und einem dafür gestellten Wecker - damit er nicht vergisst, wieder aufzuhören.

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Viele Studenten, erzählt Mavropoulou, trügen ihre Hose seit einigen Wochen in die Strümpfe gesteckt - wegen Varoufakis, der habe das früher auch so gemacht. Schals der Edelmarke Burberry galten unter linken Studenten eigentlich immer als modisches Verbrechen - das sei seit einigen Wochen anders. Weil das große Idol damit in Brüssel bei den Verhandlungen der Euro-Gruppe auftrat, sehe man plötzlich auffällig viele junge Männer mit dem berühmten Karomuster über den Campus schlendern.

Dimitra Ntanti lacht, wenn sie auf die Groupies des Gianis Varoufakis angesprochen wird. Die BWL-Studentin sitzt in einer verrauchten Kammer im Keller ihrer Uni, der Athener Wirtschaftshochschule. Ntanti, verwuschelte blonde Haare und Nasenpiercing, befremdet es, dass einige ihrer Kommilitonen Varoufakis sogar optisch nacheifern. Was dessen Botschaft angeht, ist sie aber ebenfalls begeistert.

Die 21-Jährige ist Mitglied von Syriza, der linken Regierungspartei, und hat bei der Wahl geholfen, Stimmen auszuzählen: Niemand bekam dabei so viele Einzelstimmen wie Varoufakis. Gerade liest sie ein Buch, in dem ihr politisches Vorbild seiner Tochter die Wirtschaft erklärt. Ntanti findet das alles sehr überzeugend und will helfen, seine Politik umzusetzen. Dass das neue Kabinett kürzlich die Zwangsexmatrikulation von 155.000 Langzeitstudenten zurückgenommen hat, ist für sie ein erster Schritt. Alle dürfen nun wieder so lange studieren, wie sie wollen.

Um Ntanti herum sitzen vier junge Männer, sie rauchen selbstgedrehte Zigaretten und diskutieren das grundsätzlichste aller Wirtschaftsthemen: die Systemfrage. Der mit Stickern zugeklebte Raum ist die Zentrale von "Arena", einer studentischen Partei, die Syriza nahesteht. Der Kapitalismus, da sind sie sich hier alle einig, ist gescheitert. Man müsse sich nur anschauen, was er in Europa anrichte. Statt einer "Politik der Menschen", sagt Ntanti, machten Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble und seine Kollegen "Politik für Banken".

"Er war cool, verdammt cool"

Die Krise hat das Bewusstsein von Ntanti und ihren Kommilitonen geprägt. Bei fast jedem im Raum ist Vater oder Mutter ohne Job. Ntanti wohnt noch zu Hause, weil sie sich kein WG-Zimmer leisten kann. Einen Nebenjob hat sie auch nicht, es gebe schlicht keine mehr, sagt sie. Die Studentin hat die letzten Jahre als sehr belastend erlebt, sie habe ständig das Gefühl gehabt, einer unsouveränen Regierung zu unterstehen, die alle Vorgaben aus Brüssel widerspruchslos umsetzt - ganz gleich, wie sehr die Menschen darunter leiden.

Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, plagte auch Violetta Kontodaimon. Sie sitzt auf einer Dachterrasse im Zentrum Athens. Drinnen im Café umtanzt ein Kellner die wenigen Gäste, draußen liegt die Akropolis am grauen Horizont. Kontodaimon hat sich herausgeputzt fürs Interview, sie trägt ein türkisfarbenes Kostüm und reichlich Parfum. Die 27-Jährige ist Unternehmerin in Athen, vor zehn Jahren studierte sie Wirtschaftswissenschaften bei "Mister Varoufakis", wie sie ihn ehrfürchtig nennt. Die erste Vorlesung mit ihm, "Einführung in die Politische Ökonomie", habe früh am Morgen stattgefunden und sei trotzdem rappelvoll gewesen. "Wir kamen in den Vorlesungssaal und vorn stand er schon, ein Typ in einem knallbunten Hawaiihemd, mit trainierten Armen und Glatze, auf dem Tisch sein Motorradhelm. So hatte ich mir einen Professor nicht vorgestellt", sagt sie. "Er war cool, verdammt cool. Ich wollte wirklich wissen, was dieser Kerl zu erzählen hat."

Kontodaimon spricht fließend Englisch, sie ist viel herumgekommen. Erst studierte sie ein Jahr an der Universität Essex, die als sozialistische Hochburg unter Großbritanniens Hochschulen gilt - Varoufakis gab ihr den Tipp, er selbst hatte dort promoviert. Später lebte Kontodaimon in den USA und in Deutschland. Aber so stark beeinflusst wie Varoufakis habe sie dort niemand mehr, sagt sie. Heute bereut sie, dass sie damals kein Aufnahmegerät mit in die Vorlesung genommen hat. "Seine Sprache war so klar."

"Er ist eben sehr süß und sexy"

Kontodaimon freut sich über die Begeisterung für Varoufakis, weil ihre Generation genau das gebraucht habe: ein bisschen mehr Selbstbewusstsein. Die junge Griechin, sonst sehr höflich, kann richtig sauer werden, wenn es um die Misere ihres Landes geht. Natürlich seien Fehler gemacht worden. Aber dafür könnten sie und ihre Altersgenossen doch nichts. Sie hoffe, dass Varoufakis eine Lösung in der Schuldenfrage finde. Wenn einer es schaffen könne, dann er. "Seine Mission ist schwer", sagt Kontodaimon, "aber er muss kämpfen, damit wir wieder atmen können." Dass er bei diesem Kampf regelmäßig die Deutschen gegen sich aufbringt und schon mal seinen Stinkefinger zeigt, stört sie und andere Studenten nicht - ganz im Gegenteil.

Unterhält man sich an den Athener Unis mit jungen Griechen, zeigt sich, wie angespannt das Verhältnis zu Deutschland ist. Die Aktion der "Bild"-Zeitung - "Wir sagen NEIN zu neuen Milliarden für Griechenland" - hat viele Studenten sehr geärgert. "Die sollen mal hier leben", sagen sie dann in Richtung der Deutschen. "Die sollen mal versuchen, mit 400 Euro im Monat auszukommen und damit fertigzuwerden, kaum Chancen auf einen Job zu haben."

Griechenland hat neben Spanien die höchste Jugendarbeitslosigkeit Europas. In der Gruppe der unter 24-Jährigen sucht jeder Zweite einen Job. Tausende junge Griechen wollen ihr Land nach dem Studium verlassen, und Studien zeigen, dass die meisten Akademiker, die einmal ausgewandert sind, nicht mehr zurückkommen.

Violetta Kontodaimon muss los, nach Hause zu ihrer Familie in einem Dorf, zwei Stunden von Athen entfernt. Sie hastet zu ihrem Auto, ohne dabei mit dem Reden aufzuhören. Klar, sie könne sofort ins Ausland gehen, sagt sie. "Aber ich will mein Land nicht im Stich lassen." Sie wandere erst aus, wenn es gar nicht mehr anders gehe. Und jetzt gebe es ja Hoffnung.

Das findet auch Eleni Mavropoulou. Früher habe es immer geheißen: "Oh no! Germany is going to fuck us!" Jetzt sei da Varoufakis, der Kämpfer. Aber mal ganz ernsthaft, Frau Mavropoulou: Glauben Sie wirklich, dass es ein einziger Mann mit der EU aufnehmen und die Krise eines ganzen Landes beenden kann? Die Studentin lacht, drückt ihre Zigarette aus. Dann sagt sie: "Ach, nein, eigentlich nicht. Aber er ist eben sehr süß und sexy."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 118 Beiträge
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Tamaji 11.05.2015
1. Niveaulos
Wenn das die Elite Griechenlands (oder Europas?) von morgen sein soll, haben wir das Tal wohl noch lange nicht durchschritten.
bonngoldbaer 11.05.2015
2.
Man muss zugeben, dass er besser aussieht als die gesamte Bundesregierung zusammengenommen. Aber das schaffen 90 Prozent aller Griechen.
stand.40 11.05.2015
3. bongoldbaer ,endlich
mal Humor habe gelacht. Hast recht.
jewiberg 11.05.2015
4. Da bin ich aber froh,
das die deutschen Studentinnen nicht wie Angi oder Uschi aussehen möchten.
Hornblower, 11.05.2015
5. nur zu verständlich
jetzt kann ich es mal von aussen erkennen. O-Ton einer noch älteren Frau beim Begräbnis meines Vaters "Ein herrlicher Mann". Also als Vater würde ich Varoufakis akzeptieren, aber deswegen würde ich doch nicht seine Ansichten teilen. Trotzdem freue ich mich für Griechenland, denn auch wenn Varoufakis und Tsipras es nicht schaffen sollten, Griechenland im Euro zu halten, werden sie dennoch die Stärke haben, dieses Volk zusammenzuhalten.
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