Umsiedlung in Groningen Studenten? Nein danke

Die niederländische Stadt Groningen will Tausende Studenten umsiedeln - weil Anwohner die Massen satt haben. Zwei Jungakademiker pro Haus sind das Limit, alle anderen müssen raus. Um die strenge Regel durchzusetzen, ziehen Kontrolleure von WG zu WG.

Benjamin Dürr

Von , Groningen


Die Stadtverwaltung von Groningen schickt ihre Mitarbeiter von WG zu WG, seit Mitte März geht das so. Vor ein paar Wochen klingelte ein Mann auch an der Haustür von Christopher Rosche, 27. Der ungebetene Gast zeigte seinen Ausweis und las Namen aus einer Liste vor. Weil drei Studenten zu viel hier wohnten, erklärte er, sei diese WG illegal. Hintergrund: In jeder Straße der niederländischen Stadt Groningen dürfen nur noch 15 Prozent der Häuser "Studentenhäuser" sein.

Die Stadt will die Studenten damit zwingen, sich besser auf die verschiedenen Viertel zu verteilen. So sollen exorbitante Mieten, laute Partys, Vermüllung der Nachbarschaft und andere Probleme gelöst werden, sagt Wohnungsbausenator Frank de Vries. "Die Lebensstile von Studenten und Stadtbewohnern passen einfach oft nicht zusammen." Studenten hätten nun einmal andere Interessen.

Rosche und seine WG-Mitbewohner in Haus 32A ärgert, dass Studenten pauschal für unerwünscht erklärt werden. "Nicht alle Studenten feiern jede Nacht und randalieren im Vorgarten der Nachbarn", sagt der Psychologiestudent aus Köln, der seit rund eineinhalb Jahren in Groningen lebt. Er teilt seine WG mit einer Slowakin, die International Business Management studiert, und drei deutschen Psychologiestudenten. Als Nachbarn haben sie eine Künstlerin, ein Architektenpaar und eine Familie. "Das Verhältnis ist super", sagt Rosche.

"Tausende Studenten betroffen"

Er hat eine Facebook-Gruppe für betroffene Studenten gegründet, der sich binnen Tagesfrist mehr als tausend Studenten anschlossen. Journalistikstudenten drehen einen Dokumentarfilm zum Thema. Anfang Juni ist eine Podiumsdiskussion geplant, zu der Studentenvertreter, Senator de Vries und Gemeinderäte eingeladen werden sollen. "Es sind wohl Tausende Studenten betroffen", sagt Rosche.

In Groningen ist es üblich, dass sich mehrere Kommilitonen eines der schmalen Reihenhäuser teilen. Sobald mehr als zwei Studenten in einem Haus gemeldet sind, gilt es als Studentenhaus. Dann muss der Vermieter im Rathaus eine Genehmigung beantragen. Die Regel gilt im ganzen Stadtgebiet außerhalb der Altstadt. Beschlossen wurde sie bereits 2009, seit einem Jahr wird sie strenger umgesetzt.

Zurzeit wird kontrolliert, welche WGs illegal sind. Dann schickt die Verwaltung einen Brief an die Vermieter. Darin wird mit "richterlichen Anordnungen" gedroht und damit, dass die Gemeinde die Illegalität beende, sollten die Vermieter keine Genehmigung mehr bekommen.

Für viele Straßen gibt es inzwischen keine Genehmigungen mehr, deshalb müssen sich WGs überall in der Stadt auflösen. Nach einer Frist will die Gemeinde die Häuser noch einmal kontrollieren. Wohnen dann immer noch zu viele Studenten dort, droht dem Vermieter ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro - und den Studenten die Zwangsräumung.

Räumungen gab es bisher noch nicht. Die Gemeinde sagt, sie wolle dafür sorgen, dass das so bleibt. "Wir geben den Studenten und Vermietern genug Zeit, um eine Lösung oder eine neue Bleibe zu finden", heißt es in der Stadtverwaltung. Außerdem werde bei den Fristen darauf geachtet, dass nicht zu viele Studenten gleichzeitig auf die Suche gehen müssen.

Groningen ist eine junge Stadt, 50.000 der 190.000 Einwohner sind Studenten. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis betrug laut Mietportal Kamernet.nl im vergangenen Jahr knapp 19 Euro, Mieten von 400 Euro für ein Zimmer sind üblich. Besonders in Studentenvierteln sind die Preise hoch, dort werden selbst schlecht isolierte Dachböden und Keller noch vermietet.

Zwei Arten von Einwohnern: Studenten und Städter

Wenn man die Studenten besser über die Stadt verteilt, wird sich die Situation entspannen, hofft Senator de Vries. Umsiedlungen hält er für zumutbar. "Niemand muss deshalb auf der Straße leben." Es gehe nur um einen Umzug von der einen in eine andere Straße. Außerdem würden 4859 neue Studentenwohnungen gebaut, die letzten sollen 2015 fertig sein.

Student Rosche fürchtet vor allem einen Engpass im Sommer, wenn neue Erstsemester auf den Wohnungsmarkt strömen und alle gleichzeitig eine Bleibe suchen. Rund 11.000 neue Studenten schreiben sich Jahr für Jahr an den beiden öffentlichen Hochschulen ein.

Rosche und seine vier Mitbewohner rechnen damit, bald Umzugskartons schleppen zu müssen. Nachdem der Verwaltungsbeamte die WG besucht hatte, begann eine dreimonatige Frist für den Auszug. Mitte Juni müssen nun mindestens drei Studenten verschwunden sein, sollte ihr Vermieter keine Sondergenehmigung mehr bekommen. Der Vermieter erklärte bereits, er wolle eine Ersatzwohnung anbieten. Verpflichtet ist er dazu nicht. Auf den Umzugskosten bleiben die Studenten sitzen, die Stadt schießt nichts zu.

Inmitten des Ärgers um die anstehenden Zwangsumsiedlungen versucht die Stadt, mit aufwendigen Plakat-Aktionen für ein freundliches Miteinander zwischen Studenten und Einheimischen zu werben. Die Poster hängen überall in der Stadt, an Bushaltestellen und in der Fußgängerzone. Eines zeigt eine Studentin, die einer alten Frau mit den Einkaufstaschen hilft. Auf einem anderen lädt eine Nachbarin einen Studenten zum Kaffee ein. "Studenten und Groninger leben miteinander", steht darauf.

Auf der Straße mag sich kaum jemand offen über die Studentenübermacht beschweren. Auch eine Frau mittleren Alters, die ihren Namen nicht sagen will, druckst herum und sagt: "In manchen Straßen und Vierteln leidet die Wohnqualität mitunter." Dass Familien irgendwann wegzögen, könne sie nachvollziehen. Man sehe es Häusern und Vorgärten an, wo Studenten wohnen. Dann schiebt sie aber nach: "In unserer Nachbarschaft haben wir uns arrangiert."

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
nordschaf 14.05.2012
1.
Na das sollte doch eigentlich mit der Antidiskriminierungsrichtlinie der EU ein Selbstgänger sein, diese Zwangsumsiedelungen zu verhindern. Das ist ja wie mit den Zwangsumsiedelungen von Studenten zur EM... nur leider mitten in Europa.
loncaros 14.05.2012
2.
wie war das gleich nochmal mit Diskriminierung? Naja, nachdem die Bundespolizei bei uns jetzt offen rassistisch profilen darf sollten wir da die Zeigefinger unten halten.
Rodelkönig 14.05.2012
3.
Ziemlich seltsame Politik, die die Stadt da macht. Hier in Jena ist das Zahlenverhältnis übrigens ähnlich. Von 100.000 Einwohnern sind gut 30.000 Studenten, aber stören tut das hier niemand. Im Gegenteil, das ist hier sogar sehr erwünscht. Aufgrunddessen ist Jena auch eine der jüngsten Städte Deutschlands im Gegensatz zu den meisten anderen Gegenden Deutschlands, die immer mehr vergreisen.
KuGen 14.05.2012
4. Cui bono ?
Ist der Sinn nicht ggfs Miettreiberei ? Beispiel : 5 Sudenten bewohnen ein Haus mit einem bestehenden Mietvertrag, Mietpreis ist festgeschrieben. 3 Studenten müssen ausziehen und sich eine neue Bleibe suchen . Die Gesamtmietbelastung der 5 Studenten steigt. Die Mieteinnahmen der Gesamthäuslebesitzer in Groningen steigt an.
manuelbaghorn 14.05.2012
5. Das ist
ganz so als würde man eine Rentnerquote einführen. Nur 15 % der Wohnungen an Rentner und der Rest muss woanders hin. Besondere Interessen wie Schlager hören und vom Balkon pöbeln, wenn Kinder im Garten Fußball spielen, passen nämlich auch nicht zu jedermanns Interessen (wenn wir jetzt mal in gleichem Maße stereotype Bilder in den Fokus stellen wollen, wie die Stadtväter von Groningen)...
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