Großsponsor Jacobs-Stiftung rettet Bremer Privatuni mit Rekordspende

Mit satten 200 Millionen Euro hilft die Jacobs Foundation der angeschlagenen International University Bremen aus der Klemme, eine von drei deutschen Privatunis. Für die "private Exzellenzinitiative" bedankt die Hochschule sich mit einer Namensänderung - sie heißt fortan Jacobs University.

Von Klaus Wolschner und


Vor einem halben Jahr hat sich Joachim Treusch, 65, neuer Präsident der International University Bremen (IUB), noch mit einem flotten Spruch Mut gemacht: "Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, dann muss man den Kopf besonders hoch halten", erklärte er dem manager magazin. Nun kann er mit erhobenem Kopf den ersten Erfolg präsentieren: Die IUB hat einen großen privaten Spender gefunden.

Die Schweizer Jacobs Foundation will 200 Millionen Euro in die Bremer Privatuniversität investieren und auch eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Gesellschafteranteile übernehmen. Der Plan: In den kommenden fünf Jahren gibt sie jährlich 15 Millionen Euro für Forschung und Lehre; im Jahr 2011 will sie zusätzlich 125 Millionen Euro bereitstellen, um so ein "wettbewerbsfähiges Ausbildungs- und Forschungsniveau dauerhaft zu gewährleisten". Den Stiftern zollt die Hochschule mit einer Namensänderung Tribut, streicht das "International" und firmiert fortan unter "Jacobs Universität Bremen".

Eine derart große Spende ist in der Geschichte der deutschen Hochschulen fast einzigartig; nur SAP-Gründer Hasso Plattner gibt für das nach ihm benannte Institut für Softwaresystemtechnik in Potsdam Geld in ähnlichem Umfang. Die Jacobs-Finanzierung Coup hatte die IUB auch bitter nötig - angesichts der Löcher in ihren Kassen. Allein für 2005 verzeichnete die Bilanz der IUB-GmbH einen Fehlbetrag von 20,9 Millionen Euro; 2004 waren es 18,4 Millionen Euro. Die Substanz des 106-Millionen-Euro Startgeldes vom Land Bremen ist längst angegriffen: Bankkrediten über 89 Millionen Euro standen laut Bilanz Ende 2005 nur Wertpapier-Fonds von 76 Millionen Euro gegenüber.

Durch die Zuwendungen der Jacobs Foundation kann die Hochschulleitung aufatmen. Die 1988 gegründete Stiftung des großen Kaffeerösters unterstützt etliche Projekte vor allem in der Bildung und engagiert sich auch bisher schon an der IUB. 2003 ermöglichte sie mit zehn Millionen Franken die Einrichtung des "Jacobs Center for Lifelong Learning and Institutional Development". Dass Jacobs ausgerechnet in Bremen aktiv wird, erklärt sich auch aus der Unternehmensgeschichte: Das Kaffeehandelshaus wurde einst in der Bremer Altstadt gegründet und verlegte den Sitz 1973 nach Zürich. Unternehmer Klaus J. Jacobs wurde mit dem verkauf der Kaffeemarke, die heute zum US-Lebensmittelkonzern Kraft gehört, zum Multimillionär.

"Wunderbares Geschenk für Bremen"

Bei der IUB-Pressekonferenz am Mittwochmorgen bezeichnete Klaus J. Jacobs den 200-Millionen-Euro-Einsatz als "richtige Schritt zur richtigen Zeit in der richtigen Größenordnung". Stiftungspräsident Christian Jacobs nannte die Hochschule einen "leistungsstarken Verbündeten". Dass Jacobs so groß einsteigt, enthebt auch die Hansestadt einiger Sorgen. Bildungssenator Willi Lemke sprach von einem "wunderbaren Geschenk für Bremen", Bürgermeister Jens Böhrnsen schwärmte von der "privaten Exzellenzinitiative" als außergewöhnliche Chance zum Ausbau Bremens als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort.

Der Bremer Coup bedeutet eine überraschende Wende. Mit ehrgeizigen Zielen war die IUB 1999 gestartet, als Deutschlands Bildungspolitikern mit quicken privaten Neugründungen der behäbigen staatlichen Konkurrenz Beine machen wollten - es kam zu einem regelrechten Länder-Wettlauf um die schickste neue Privathochschule. Ausgerechnet das hoch verschuldete Bremen gewährte der IUB mit über 200 Millionen Mark eine derart üppige Starthilfe, dass man in anderen Bundesländern und in der Hochschulrektorenkonferenz nur noch verdattert die Köpfe schüttelte.

Die IUB sollte aber auch nicht irgendeine Hochschule werden, sondern nach Witten/Herdecke die zweite echte Privatuniversität Deutschlands (2003 kam noch die Zeppelin University am Bodensee hinzu). Anders als private Wirtschaftshochschulen setzte sie nicht auf das schmale Fundament der kostengünstig zu betreibenden Studiengänge BWL oder VWL, sondern auf fächerübergreifendes Arbeiten in den Natur-, Ingenieur- und Sozialwissenschaften und einen konsequent internationalen Ansatz. Die Campus-Universität auf einem früheren Kasernengelände ist komplett englischsprachig und verzeichnet inzwischen 1000 Studenten aus über 85 Nationen.

Bei der Gründung wollte die IUB noch im amerikanischen Stil Stiftungskapital einwerben - 250 Millionen Mark waren das erklärte Ziel. Bremens Bürgermeister Henning Scherf, der damals vor allem über einen großen Schuldenberg regierte, war vom Projekt überzeugt. Die private Universität sollte das Image des Stadtstaates aufbessern helfen.

Also ging die Privatuni aus der Landeskasse gepäppelt an den Start, aber die Baisse verdarb der Wirtschaft die Lust, tiefer in den Spendentopf zu greifen. So kam Gründungspräsident Fritz Schaumann im Sommer 2003 wieder zum Bremer Senat - und erhielt 50 Millionen Euro auf zehn Jahre geborgt, um die Liquidität zu sichern. Im Herbst 2003 rettete eine 15-Millionen-Euro-Zahlung des Energieriesen E.on den Jahresabschluss. Sie fand einen Umweg über Bremer Landeskonten, wurde bei E.on als "Betriebsausgaben" und an der IUB als "Spende" verbucht - steuerrechtlich pikant.

Akademischer Erfolg, finanzieller Fehlschlag

Neben dem fehlenden Stiftungskapital-Stock hat die IUB ein weiteres Geldproblem: Nicht einmal jeder zehnte Student zahlt die Studiengebühren, die für Bachelorstudenten 15.000 und für Masterstudenten 20.000 Euro jährlich betragen, in voller Höhe. Weltweit steht die Hochschule in Konkurrenz etwa mit Elite-Unis der USA. Die IUB wählt die Bewerber unabhängig von ihrer finanziellen Situation aus - und musste vielen interessanten Kandidaten die Gebühren erlassen. Die größten Studentengruppen kamen in den ersten Jahren aus Ländern Osteuropas.

Eine Expertenkommission, die "mittelfristige Perspektiven" entwickeln sollte, nahm die IUB in den letzten Monaten intensiv unter die Lupe - und fand einige Schwachstellen. Zwar sei sie "faktisch die einzige private Universität in Deutschland, die Natur- und Ingenieurwissenschaften anbietet, dabei aber auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit einem klaren Profil überzeugt", lobte Wilhelm Krull, Kommissionsleiter und Generalsekretär der VW-Stiftung. Akademisch gesehen sei die IUB ein voller Erfolg. Aber ihr fehle eben jedes Jahr ein "Kernbudget von 25 bis 30 Millionen Euro, das voll und ganz aus den Erträgen eines Stiftungskapitals bestritten" werden müsste.

Die Experten orteten zudem erhebliche wissenschaftliche Defizite und kamen zum Ergebnis, die IUB habe "derzeit nicht die Möglichkeit, aus eigener Kraft zu einer international sichtbaren Forschungsuniversität zu werden". Es fehlen auch größere Zahlen von Studenten in höheren Semestern; von den rund 1000 Studenten sind 618 im Bachelorstudium. Und da die meisten Bachelor-Absolventen Deutschland wieder verlassen, sehen die Personalabteilungen der Firmen, die doch für die IUB spenden sollen, bei ihren Bewerbungsrunden wenig von den Absolventen.

Aus der Expertenkritik will die IUB Konsequenzen ziehen und das Selbstverständnis bescheidener formulieren, auf mehr Konzentration bei den Forschungsansätzen und mehr Kooperation mit anderen staatlichen Forschungs-Einrichtungen setzen. Uni-Präsident Treusch griff auch eine weitere Empfehlung der Kommission auf: Er will dafür sorgen, dass mehr IUB-Studenten Deutsch lernen und Interesse an ihrem Gastland entwickeln. "Die Sprache des Gastlandes zu beherrschen ist nicht nur nützlich, um sich auch außerhalb des Campus zurecht zu finden", erklärte er jüngst den neu eingeschriebene Studenten. "Es wird Ihnen auch helfen, Praktikums- und Arbeitsplätze in Deutschland zu finden. Und nicht zuletzt erschließen Sie sich die Möglichkeit, zusammen mit Ihren Patenfamilien Bremen und deutsche Kultur kennen zu lernen."

Erst einmal ist die Privatuniversität einige drückende Sorgen los und kann ihre Zukunft durch den 200-Millionen-Batzen der Jacobs-Stiftung weit entspannter planen. "Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang einer Erfolgsgeschichte", sagte Joachim Treusch erleichtert.



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