Gute Lehre, schlechte Lehre MeinProf.de gewinnt Prozess

Auf der Webseite MeinProf.de können Studenten ihre Dozenten bewerten. Das schmeckt nicht jedem: Die Betreiber müssen sich immer wieder gegen Professoren, Rektoren und Datenschützer wehren. Jetzt zog ein Marketing-Professor vor Gericht - und verlor in zweiter Instanz.

Von Katrin Schmiedekampf


Als "Psychopath" und "echt das Letzte" beschimpften Studenten ihren Professor in einem Forum der Website MeinProf.de - und brachten den Betreibern der Bewertungsplattform damit eine Menge Ärger ein. Sie nahmen die Einträge zwar sofort von der Seite, als sie von ihnen erfuhren. Aber der Professor, der Marketing an einer Fachhochschule in Brandenburg lehrt, zog dennoch vor Gericht.

MeinProf.de: Aufatmen nach Sieg vor Gericht

MeinProf.de: Aufatmen nach Sieg vor Gericht

Sein Anwalt forderte eine sogenannte strafbewehrte Unterlassungserklärung. "Wir sollten 3000 Euro zahlen, wenn auf unserer Seite noch einmal eine ähnliche Bemerkung über den Prof steht. Außerdem sollten wir die Anwaltskosten tragen", sagte Thomas Metschke, einer der fünf Gründer der Webseite Meinprof.de, SPIEGEL ONLINE.

In erster Instanz entschied das Amtsgericht Tiergarten noch zugunsten des Wissenschaftlers. Das Landgericht Berlin allerdings wies seine Forderung im Berufungsverfahren zurück. Die Begründung: Hochschuldozenten müssten sich in ihrer Funktion öffentlicher Kritik stellen. Eine pauschale Unterlassungserklärung könne nicht eingesetzt werden, um vorab kritische Kommentare zu verhindern. Dem Betreiber könne auch keine Vorab-Prüfungspflicht zugemutet werden.

Im Klartext bedeutet das: Von Thomas Metschke und seinen MeinProf-Kollegen kann nicht verlangt werden, dass sie die Seite rund um die Uhr überwachen und jeden Forenbeitrag sofort prüfen.

Den Betreibern wollen viele an den Kragen

Über die Entscheidung des Gerichts sind die Betreiber sehr erleichtert. Sie hatten zwar schon geahnt, dass ihre Chancen nicht schlecht standen, weil ihr Anwalt Lambert Großkopf - Dozent für Urheber- und Medienrecht an der Universität Bremen - sich zuversichtlich gab. "Aber dennoch war es eine wacklige Geschichte", sagt Metschke. Geld an den zornigen Dozenten und seinen Anwalt zu zahlen - das hätte MeinProf.de sich einfach nicht leisten können. Das Team betreibt die Seite ehrenamtlich, die Gründer sind zwischen 25 und 27 Jahre alt und drei von ihnen selbst noch Studenten. Ihr Anwalt (seine Bewertung bei MeinProf.de: Gesamtnote 1,8) nimmt kein Geld für den Rechtsbeistand.

Der Brandenburger Professor ist nicht der einzige, der den Betreibern an den Kragen wollte. Seit die Seite im November 2005 ans Netz ging, wehren sich einzelne Professoren, Rektoren und Datenschützer dagegen, dass Studenten dort loben und tadeln dürfen. Mittlerweile wurden 230.000 Bewertungen für 60.000 Kurse von 32.000 Dozenten abgegeben - stolze Zahlen. Wenn ein Dozent dort schlecht abschneidet, ist das durchaus peinlich.

"Viele Professoren sahen MeinProf.de als Attentat auf ihre Autorität, als Majestätsbeleidigung schlechthin. Manche reagierten so, wie es auch Diktaturen beim Aufkommen freier Meinung zu tun pflegen: mit Aggression, mit Einschüchterung und - heimlich, still und leise - mit Angst vor Machtverlust", so beschrieben es die Autoren Uwe Kamenz und Martin Wehrle in ihrem Buch "Professor Untat".

In Aachen blühen die Mimöschen

Der Datenschutzbeauftragte der RWTH Aachen zum Beispiel forderte, alle Aachener Professoren "unverzüglich zu löschen", sofern sie nicht ausdrücklich eingewilligt hatten, auf der Seite zu erscheinen. Die Verarbeitung personenbezogener Daten verstoße gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen - eine mindestens fragwürdige Auffassung. Alle 255 Professoren der RWTH, die so gern Elite-Uni werden möchte, wurden daraufhin von der Seite genommen. Inzwischen sind dort wieder 80 Dozenten aufgelistet. Verblüffend: Immerhin rund 40 von ihnen haben sich selbst dazu entschlossen. Der Rest wurde von Studenten eingetragen.

Auch mit der Fachhochschule München gab es im letzten Jahr Ärger: Rund 30 Professoren wandten sich mit einem Standardschreiben an die Betreiber und drohten mit "rechtlichen Schritten". FH-Präsidentin Marion Schick hatte auf die Internetseite aufmerksam gemacht - und ihren Professoren eine Briefvorlage gleich mitgeschickt.

Der Disput konnte aber beigelegt werden. "Wir haben klärende Gespräche mit der Präsidentin und der Pressereferentin geführt, in denen wir erklärt haben, was sich hinter dem Portal verbirgt und wie wir das System schützen", sagt Thomas Metschke. Kurz darauf zogen die Professoren ihre Forderungen zurück.

Manchmal krasse Kommentare

Auch nach dem jüngsten Gerichtsurteil rechnen die Betreiber weiter mit Gegenwind. Denn immer wenn jemand die Seite neu entdeckt, gibt es Reaktionen. Vor allem dann, wenn ein Professor in der Bewertung nicht gut abgeschnitten hat - weil Studenten zum Beispiel der Ansicht sind, dass er ungerechte Noten gibt, den Stoff miserabel vermittelt oder überhaupt keine Sprechstunden anbietet. Die Nutzer der Seite vergeben in den einzelnen Kriterien Schulnoten von Eins bis Fünf. Sie können aber auch Kommentare ergänzen. Und manchmal schießen sie mit derben Aussagen übers Ziel hinaus, werden beleidigend.

MeinProf.de gibt sich erkennbar Mühe, das zu vermeiden. So steht direkt neben jeder Bewertung ein Kontaktformular, mit dem Studenten oder Dozenten sich melden können. Die Betreiber rufen Dozenten dazu auf, ihnen mitzuteilen, "um welchen Kurs es sich handelt und welche Kommentare Sie beanstanden. Rechtswidrige Äußerungen und sonstige Verstöße gegen unsere Nutzungsbedingungen werden wir umgehend aus der Datenbank entfernen."

Es sei schlicht unmöglich, jeden bedenklichen Kommentar sofort zu löschen, sagt Thomas Metschke - und durch das Urteil "haben wir jetzt die Sicherheit, dass die Dozenten uns nicht für etwas verantwortlich machen können, von dem wir gar nichts wussten".

Vorbild der Betreiber ist die US-Seite RateMyProfessors.com. Mit MeinProf.de wollen sie den Studenten eine Orientierungshilfe geben, welche Professoren am besten ausbilden. Bald sollen Lehrende und Lernende auf der Seite auch miteinander in Kontakt treten und einander Fragen stellen können.

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