Guten Abend allerseits Das koreanische Teflon-Phänomen

Felix Göpel und Kevin Meisel radelten quer durch Europa und Asien - mit dem Fahrrad zur WM. In Seoul packte sie das Fußball-Fieber. Die Koreaner indes geraten nicht einmal bei kleinen Provokationen in Wallung und interessieren sich mehr für geschmeidige Tänzerinnen, wie die beiden Studenten beobachten.


Korea-Fans in Landesfarben: "Be(at) the reds!"
REUTERS

Korea-Fans in Landesfarben: "Be(at) the reds!"

Seit einigen Tagen sind Kevin und ich mit unseren Rädern auf dem Campingplatz in Seoul und verfolgen die WM-Spiele im koreanischen Fernsehen. Die gute Nachricht vorweg: Bei den asiatischen TV-Reportern fühlen sich Freunde Heribert Faßbenders bestens aufgehoben. Auch hier klingt alles einigermaßen gleich, man wird nicht durch übermäßig viele neue Informationen abgelenkt, und die Reporter haben ihre besten Szenen in den Sprechpausen.

Ansonsten entspricht der durchschnittliche Südkoreaner ziemlich exakt unseren Erwartungen: Er ist klein, freundlich, patriotisch - und hat von Fußball keine Ahnung. Die Liebe zum eigenen Land sorgt zumindest bei den Spielen des koreanischen Teams für Farbe. Die halbe Stadt läuft mit roten T-Shirts der Nationalmannschaft herum, auf denen in dicken weißen Lettern steht: "Be the reds". Der Ferne Osten ist rot.

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Uns verlangt die Weltmeisterschaft vor allem erhöhte Laufbereitschaft ab. Seit wir in Seoul sind, jagt ein Termin den anderen. Zugegebenermaßen handelt es sich bei den meisten Verabredungen um ein Rendezvous mit dem Bildschirm, aber das ist ja das Schöne an einer WM.

Auf dem Campingplatz in Seoul: Felix und Kevin schwenken taktvoll ein WM-Fähnchen
Felix Göpel

Auf dem Campingplatz in Seoul: Felix und Kevin schwenken taktvoll ein WM-Fähnchen

Üblicherweise ist der Reisende immer einem sanften Druck des Gewissens ausgesetzt, sich in den jeweiligen Ländern von der kulturellen Schaffenskraft vergangener Epochen mit eigenen Augen zu überzeugen. Verstärkt wird das stets durch die anderen Touristen, die uns nicht bei der Reisedauer, aber durchweg in punkto Motivation und Energie locker in die Tasche stecken.

"Was, ihr wart noch nicht in der Aya Sofia?"
"Was heißt hier, 20 Dollar Eintritt ist der Taj Mahal nicht wert?"
"Ihr wollt China verlassen, ohne die chinesische Mauer gesehen zu haben...?"

Damit ist jetzt Schluss. In Korea heißt es:

"War das bei den Russen gegen die Tunesier ein Elfer?"
"China gegen Costa Rica, wir sehen uns am Samsung-Square?"
"Hat jemand der Anwesenden schon einmal eine gute Flanke von Christian Ziege gesehen?"

Und die Fragen stellen wir.

Abgesehen von den "Be the Reds"-Shirts der Koreaner ist von WM-Atmosphäre in Seoul allerdings wenig zu spüren. Unter den ausländischen Fußball-Touristen macht sich allmählich eine latente Unzufriedenheit breit.

Reichlich Applaus für scharfe Tänzerinnen

Zum einen werden selbst auf den Großbildleinwänden nicht alle Spiele übertragen. Zum anderen zeigen die Organisatoren täglich, dass der Fußballsport ihnen offensichtlich so fremd ist wie den Mitteleuropäern Taek Won Do oder die richtige Zubereitung von Hundefleisch.

Die Koreaner halten es mit Sepp Herberger: Das Spiel dauert 90 Minuten. Verzweifelt sitzen wir vor der Leinwand und fragen: Wo ist der Einmarsch der Athleten? Wo bleibt die Nationalhymne? Wo sind die Interviews zur Halbzeit? Wo sind die besten Szenen nach dem Schlusspfiff?

Stattdessen gibt es vor dem Spiel, in der Pause und nach dem Schlusspfiff lustige Tänze koreanischer Schönheiten. Es wird kolportiert, die Koreaner hätten die WM nur bekommen, weil den alten Männern der Fifa bei ihren Besuchen immer die attraktivsten und willigsten Damen des Landes zur Seite gestellt wurden. Und so präsentiert sich Korea auch bei den Übertragungen auf der Großbildleinwand: "Von Fußball verstehen wir nichts, aber, hey, wir haben wirklich scharfe Frauen hier!"

Der Bildschirm ist schwarz. Auf der Bühne davor werden zur Musik die Beine in die Höhe geworfen, die Hüften geschwungen und die Röcke gelüftet, dass es eine wahre Freude wäre - wenn nur zur gleichen Zeit nicht Fußball liefe.

Und das Schlimmste: Die Rechnung geht auf! Oft bekommen die schönen Tänzerinnen minutenlangen Applaus des koreanischen Publikums, so dass die Fußballübertragung sich verzögert. Das Spiel dauert 88 Minuten. Und sobald der Ball auf der Leinwand wieder rollt, verlässt ein Großteil der Koreaner die Sitze.

Letztes Mittel: Die kalkulierte Provokation

Unsere Proteste gegen diese unbotmäßige Prioritätenverschiebung können die Offiziellen nicht nachvollziehen. Wir stoßen auf das koreanische Teflon-Phänomen: Die asiatische Höflichkeit lässt alle unsere Beschwerden mühelos abperlen. Man entschuldigt sich zuvorkommend, es gibt eine freundliche Verbeugung, und baldige Besserung wird versprochen.

Südkoreaner beim Viertelfinale: Langsam kommen sie doch in Wallung
REUTERS

Südkoreaner beim Viertelfinale: Langsam kommen sie doch in Wallung

Aber wir sehen es in ihren Gesichtern: Sie können nur schwer verstehen, warum Europäer für den Fußball um die halbe Welt reisen. Warum diese Menschen auch noch vehement die Übertragung des Spiels Costa Rica gegen die Türkei fordern, bleibt der koreanischen Seele vollends ein Rätsel.

Als Korea sein zweites Gruppenspiel bestreitet, entschließen Kevin und ich uns, die Freundlichkeit der Gastgeber auf eine Probe zu stellen. Wir greifen zur kalkulierten Provokation und kaufen uns jeder ein "Be the reds!"-Shirt. Mit weißen Textilmarker verändern wir den Slogan - aus "Be the Reds!" wird "Beat the Reds!". So mischen wir uns kurz vor dem Anpfiff unter die koreanischen Fans, die das Spiel auf der Leinwand vor dem World-Cup-Stadion verfolgen.

Nach 90 Minuten sind die Koreaner zufrieden, weil ihnen noch der Ausgleich gegen die Amerikaner gelang. Bei Kevin und mir herrscht leichte Enttäuschung, weil uns der Klischeebruch nicht so recht glücken wollte.

Wir haben mit vielen Koreanern gesprochen. Aber die eine Hälfte war der englischen Sprache nicht wirklich mächtig, und die andere Hälfte interpretierte unser Wortspiel als: "Be at the Reds". Dafür bekommen wir ein freundliches Lächeln und eine höfliche Verbeugung. Als die Tänzerinnen auf die Bühne kommen, applaudiert die Menge.

Für das nächste Spiel der Gastgeber organisieren wir uns eine Fahne Nordkoreas. Ob wir damit ein paar mehr Emotionen aus den Leuten herauskitzeln?

Schaun 'mer mal...

Von Felix Göpel

In den nächsten Tagen: Wie Felix Göpel und Kevin Meisel die WM erleben - weitere Mails aus Korea bei UniSPIEGEL ONLINE.

Felix Göpel und Kevin Meisel: Hier konnten sie sich an einen Lastwagen anhängen und etwas Luft schnappen, das Foto schossen die mitfahrenden Arbeiter. Rattentempel im indischen Rajasthan: Im hinduistischen Tempel werden Ratten als Reinkarnationen von Geschichtenerzählern verehrt, täglich von Mönchen mit Zuckerbällchen und Milch gefüttert. Betreten darf man den Tempel nur barfuß - eine Nervenprobe für Besucher. Indien: Treffen mit einem alten Inder, der über die Radler aus Deutschland staunte.
Mit prächtigen Sonnenuntergängen wurden Felix Göpel und Kevin Meisel für ihre Strapazen entlohnt. Zwischenstation Prag: Rast auf der Karlsbrücke. Iran im Dezember letzten Jahres: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten.
Kevin in Heaven: Oops, ein riesiges Marihuanafeld... Kurdischer Reiter: Manche Verkehrsmittel sind noch flotter als die beiden Radler - 1 PS in der Osttürkei gegen 4 stählerne Waden. Cave canem: Nicht alle Hunde auf der Tour waren so freundlich wie dieser - bei manchen half nur Pfefferspray.

Von Berlin nach Seoul: Fotos von einer langen Radtour - klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen.




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