Guttenberg-Brief an Uni Bayreuth "Überblick über Quellen teilweise verloren"

Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Universität Bayreuth gebeten, seinen Doktorgrad wieder einzuziehen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Wortlaut des Briefes. Darin schreibt der Verteidigungsminister, nicht mit Absicht geschummelt zu haben.

Guttenberg: "Zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht"
DPA

Guttenberg: "Zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht"


"Mit diesem Schreiben möchte ich Sie bitten, die Verleihung meines Doktorgrades zurückzunehmen.

In den letzten Tagen habe ich meine Dissertation nochmals selbst gründlich geprüft. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass mir bei der Erarbeitung gravierende handwerkliche Fehler unterlaufen sind, die ordnungsgemäßem wissenschaftlichen Arbeiten widersprechen. Die Arbeit besitzt nach meiner Überzeugung dennoch ihren eigenen wissenschaftlichen Wert.

Eine Ursache für mein Fehlverhalten ist darin zu sehen, dass ich über einen zu langen Zeitraum, über sieben Jahre hinweg, mit zahlreichen Unterbrechungen an der Arbeit geschrieben und offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren habe. Eine abschließende Stellungnahme kann ich im Moment leider noch nicht abgeben. Aber festhalten will ich doch, dass ich zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht habe.

Dieser Schritt ist für mich besonders schmerzhaft, aber er ist eine Konsequenz aus meinen Fehlern. Er ist auch notwendig, um bereits eingetretenen Schaden für den hervorragenden Ruf der Universität Bayreuth, für meinen überaus honorigen Doktorvater und meinen so geschätzten Zweitkorrektor zu begrenzen. Zum anderen verlangt mein Amtsverständnis, dass ich mich mit ungeteilter Aufmerksamkeit den großen Herausforderungen meines Ministeriums annehme.

Aus den genannten Gründen bitte ich die Promotionskommission der Universität Bayreuth, meiner Bitte um Rücknahme der Verleihung meines Doktorgrades zu entsprechen und danke Ihnen sehr für Ihre Bemühungen."

otr/dapd

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insgesamt 76 Beiträge
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landloper 22.02.2011
1. Lesefrüchte
Immerhin hat nun Herr zu Guttenberg seine Arbeit einmal aufmerksam durchgelesen. Das halte ich für eine Voraussetzung dafür, dass er versteht, womit er es zu tun hat - falls er das Geschriebene versteht. Wünschen wir es ihm!
iketchup 22.02.2011
2. Eingeständnis
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg hat die Universität Bayreuth gebeten, seinen Doktorgrad wieder einzuziehen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Wortlaut des Briefes. Darin schreibt der Verteidigungsminister, nicht mit Absicht geschummelt zu haben. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,747141,00.html
Nun, ich habe auch Anfang der 80er Jahre eine Diplomarbeit geschrieben, hatte ein Semester dafür Zeit. Ich hatte eine Schreibmaschine und musste meine Arbeit 3 mal neu schreiben, da mein Dipl.-Vater mit der Länge und Inhalt nicht einverstanden war. Auch ich habe mich vezettelt, habe mit Fußnoten und Nachweisen gekämpft, habe meine Arbeit durch 3 verschiedene Personen durchlesen lassen (die auch Ahnung von dem Stoffgebiet hatten, Physik). Wenn z.G. 7 Jahre für seine Dissertation Zeit hatte, glaube ich ihm schon, das er sich verzettelt hat, ungewollt. Auch ich hatte Familie (Frau und Kind) während meiner Diplomarbeit. Er räumt Fehler ein, aber in einer Einleitung darf so ein Fehler nicht passieren. Die Quelle hätte eindeutig gekennzeichnet werden müssen, wie alle anderen auch. Nur auffallend ist, das er seine Dissertation am WE noch einmal durchgelesen hat und er zum Schluss kam, das die Dissertation nicht mehr haltbar ist. Das hätte er auch noch vor seiner mündlichen Prüfung merken können, denn dort wird das geschriebene auch noch einmal abgefragt, so war es jedenfalls bei mir.
roadcrew 22.02.2011
3. Das Chaos hätte er bemerken müssen und die Arbeit gar nicht abgeben dürfen
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg hat die Universität Bayreuth gebeten, seinen Doktorgrad wieder einzuziehen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Wortlaut des Briefes. Darin schreibt der Verteidigungsminister, nicht mit Absicht geschummelt zu haben. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,747141,00.html
Er schreibt gerafft "...habe ich meine Dissertation nochmals selbst gründlich geprüft. ... Ergebnis: gravierende handwerkliche Fehler. Eine Ursache für mein Fehlverhalten ist darin zu sehen, dass ich über einen zu langen Zeitraum, über sieben Jahre hinweg, mit zahlreichen Unterbrechungen an der Arbeit geschrieben und offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren habe... festhalten will ich doch, dass ich zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht habe." Letzteres ist einfach nicht glaubwürdig. Der Umfang des Betrugs ist so umfassend, dass er seine Arbeit gar nicht hätte abgeben dürfen - denn *es muss ihm doch unterwegs irgendwann aufgefallen sein, dass er sich verzettelt.* Jeder, der so eine Art von Arbeit schon gemacht hat, erschaudert doch angesichts der Behauptung, dass Herr Guttenberg "offensichtlich den Überblick über die Verwendung von Quellen teilweise verloren" habe. In was für einem Chaos hat er denn das Machwerk zusammengeschustert? Offensichtlich hat Herr Guttenberg noch nicht einmal eine separate Quellendatei geführt und seine Quellen aufbewahrt. Wir leben doch nicht mehr im Zeitalter von mechanischen Schreibmaschinen und Matrizen. Hätte er die banalste Geschäftsgrundlage des wissenschaftlichen Arbeitens eingehalten, dann wäre ihm aufgefallen, dass viele der klugen Sentenzen in diesem Durcheinander gar nicht von ihm selber stammen... UND DAS IST DIE GUTWILLIGE ANNAHME, DASS BEI DER ARBEIT ALLES MIT RECHTEN (WENN AUCH HEILLOS CHAOTISCHEN) DINGEN ZUGEGANGEN IST. Das ganze Verhalten Herrn Guttenbergs lädt auch leider eben genau nicht dazu ein, ihm zu glauben. Statt insgeheim nach dem ersten Vorworf darauf zu kommen, dass womöglich in den sieben Jahren etwas durcheinander geraten sein könnte (und folglich sofort ins Krisenmanagement überzugehen), riskiert der Herr sogar noch eine dicke Lippe und nennt die Vorwürfe abstrus, gibt dann ein bisschen nach, wo die Wellen der Beweise bereits hereinbrechen, und will den Titel vorübergehend ruhen lassen. Bevor er, sicher von kompetenter Seite massiv gedrängt, diesen Jux-Doktor fahren lässt. Der Mann ist bis ins Mark unglaubwürdig. *Um sich zu retten, sollte Herr Guttenberg seinen Computer zwecks Beweissicherung seiner Unschuld für Experten zur Verfügung stellen. Man glaubt ja nicht, was Fachhleute auf so einem Computer alles an Protokollen und Abläufen herausfiltern können.* Wenn er ein reines Gewissen hat, dürfte das kein Problem sein. Wie verbohrt er ab er ist zeigt der Satz "Die Arbeit besitzt nach meiner Überzeugung dennoch ihren eigenen wissenschaftlichen Wert." Er hat es immer noch nicht kapiert, dass eine mit Plagiaten durchsetzte Arbeit gar nicht bewertet wird. Das ist fast schon krank.
mh01973 22.02.2011
4. Aufarbeitung hat erst begonnen
Zitat von landloperImmerhin hat nun Herr zu Guttenberg seine Arbeit einmal aufmerksam durchgelesen. Das halte ich für eine Voraussetzung dafür, dass er versteht, womit er es zu tun hat - falls er das Geschriebene versteht. Wünschen wir es ihm!
Nun, es ist ein gutes Buch. Wenn man nicht gerade darauf kommt, dass es ein Plagiat ist. Ich habe die Dissertation für eigene Zwecke gelesen und fand den Inhalt jedenfalls anregend. Dass er versteht, worum es geht, glaube ich ohne Weiteres, allerdings habe ich dieselbe Frage wie Sie. Und ich hoffe nicht, dass diese und andere Anschlussfragen nun ganz seicht begraben werden, dadurch dass er selbst den Titel abschüttelt. Und wiederum an alle, die das nicht wissen wollen und glauben, dass links-grüne Tagediebe hier in Wunden bohren wollen: natürlich sterben täglich auf der ganzen Welt Menschen, aber das ist kein Grund, eine Diskussion über unsere Werte, unseren Wohlstand und Redlichkeit nicht zu führen. Immerhin hat KT, der nicht vor den Bundestag wollte, auch geschafft, sich in der BUNTEN dieser Woche wieder groß zu produzieren.
scipio, 22.02.2011
5. Verfahren
Dieser Brief, da fehlen mir die Worte............... Den Zeitpunkt eines Freitods (Doktortitel zurücknehmen) ist lange verpasst. Ein Ordnungsgemäßes Aberkenungsverfahren seines Doktortitels und die damit verbundenen Konsequenzen, sollte der Herr zu Gutenberg erdulden. Eine Abkürzung in dieser Situation, wirft nur noch mehr Fragen auf. Vielleicht sollte jemand, seine vorherigen Examensarbeiten überprüfen, ob Unregelmäßigkeiten vorliegen. Wenn er weiterhin nur "in Relativierungen schreibt und spricht".
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