SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. November 2011, 15:44 Uhr

Guttenberg-Opfer

"Er hat getäuscht, ohne zu bereuen"

Fast 200 Anzeigen gab es gegen Karl-Theodor zu Guttenberg, doch nur eine einzige stammte von einer Betroffenen: Sonja V. Bei ihr hatte der Ex-Minister abgeschrieben. Bislang hielt sie sich öffentlich zurück - jetzt gibt sie ein Interview und kritisiert die Einstellung der Ermittlungen.

SPIEGEL ONLINE: Karl-Theodor zu Guttenberg hatte bei Ihnen abgeschrieben, Sie stellten Strafantrag. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt, gegen eine Zahlung von 20.000 Euro an die Deutsche Kinderkrebshilfe. Was halten Sie davon?

Sonja V.: Ich habe gemischte Gefühle. Dass Guttenberg sich mit einer Spende sozusagen freikaufen kann und ohne Verfahren aus der Affäre herauskommt, das habe ich mir nicht gewünscht. Andererseits bin ich zufrieden, weil die Staatsanwaltschaft anerkennt, dass Guttenberg abgeschrieben und das Urheberrecht verletzt hat, und zwar in 23 Fällen.

SPIEGEL ONLINE: Reicht die Zahlung als Strafe?

Sonja V.: Die relativ hohe Summe zeigt immerhin: Die Staatsanwaltschaft hält ihn für schuldig.

SPIEGEL ONLINE: Die Behörde begründet das Ende der Ermittlungen damit, dass der wirtschaftliche Schaden der Urheber, also Ihrer, nur marginal sei.

Sonja V.: Diese übermäßige Gewichtung wirtschaftlicher Aspekte halte ich für falsch. In der Wissenschaft geht es meist nicht um ökonomische Belange, sondern um den Schutz geistigen Eigentums und auch um den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Urheber. Guttenberg hat nach den Recherchen von Guttenplag etwa acht Prozent seiner Arbeit von mir übernommen. Auf 56 Seiten finden sich demnach meine Textstellen, darunter Teile meiner Gliederung und Schlussfolgerungen. Ich fühle mich auch ohne hohen wirtschaftlichen Schaden ausgebeutet und bestohlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von der Entscheidung erfahren?

Sonja V.: Aus der Presse. Von der Staatsanwaltschaft selbst habe ich noch nichts gehört. Deshalb weiß ich auch nichts über die Details und wie viele der festgestellten Fälle meine Arbeit betreffen. Aber es ist anscheinend üblich, dass in solchen Fällen erst die Öffentlichkeit informiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Guttenbergs Anwälte sagen: "Damit ist das Verfahren mit einem guten Ergebnis rechtskräftig erledigt." Einverstanden?

Sonja V.: Ich werde auf jeden Fall Akteneinsicht beantragen. Ich möchte wissen, warum die Ermittlungen sich so lange hingezogen haben und wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist. Ursprünglich sollten die Ermittlungen schon im Sommer abgeschlossen sein, die Staatsanwaltschaft hat die Öffentlichkeit und mich aber immer wieder vertröstet.

SPIEGEL ONLINE: Planen Sie weitere Schritte?

Sonja V.: Weil die Staatsanwaltschaft eine Verletzung des Urheberrechts sieht, könnte ich wahrscheinlich auch zivilrechtlich gegen Guttenberg vorgehen. Ob ich dies tun werde, habe ich aber noch nicht entschieden. Das muss mein Anwalt prüfen. Dies wird auch davon abhängen, ob von mir stammende Textpassagen und wie viele zu den 23 festgestellten Fällen gehören.

SPIEGEL ONLINE: Hat Guttenberg genug Reue gezeigt?

Sonja V.: Ich habe als Geschädigte bis zum Schluss keine wirkliche Reue erkennen können. Er hat getäuscht, ohne ehrlich zu bereuen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten wissen, wie es zur Übernahme Ihrer Texte kam - ist das jetzt geklärt?

Sonja V.: In der Öffentlichkeit hat sich Guttenberg dazu nicht hinreichend geäußert, auch mir gegenüber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Guttenberg tritt wieder öffentlich auf, kommende Woche erscheint ein Interviewbuch. Stört Sie der schnelle Comeback-Versuch?

Sonja V.: Ob Guttenberg damit erfolgreich sein wird, muss sich zeigen. Es wird darum gehen, ob er seine Glaubwürdigkeit wieder herstellen kann.

Das Interview führte Oliver Trenkamp

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH