Hamburger Orient-Institut Hofintrigen mit Krummdolchen

Vom renommierten Orient-Institut um den bisherigen Direktor Udo Steinbach sind nur noch Trümmer übrig. Monatelang schwelte in Hamburg ein peinlicher Machtkampf um Geld und große Namen - nun ist die Blamage perfekt.

Von Daniel Gerlach


Wer erklärt uns den Nahen Osten oder den Islam? Für solche Fragen hatten deutsche Journalisten lange vor allem zwei Ansprechpartner im Adressbuch: "Scholl-Latour, P., Paris" stand da - und "Deutsches Orient-Institut, Hamburg". Beide sind inzwischen unter der Vorwahl 030 erreichbar. Doch während sich Scholl-Latour noch bester Gesundheit erfreut, ist das Orient-Institut zerschlagen. Es ist nur noch ein Phantom-Institut, eine Briefkastenfirma praktisch ohne Geld und Mitarbeiter.

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Die Nahost-Forschungsstelle an der Hamburger Binnenalster fiel einem beispiellosen Machtkampf zum Opfer. Was mit den Überresten geschieht, soll nun ein Gericht entscheiden. Es geht um Geld, große Namen und die wohl bedeutendste deutsche Spezialbibliothek zur arabisch-islamischen Welt. Die Bücher werden derzeit von Spediteuren nach Berlin verfrachtet. Lange hatte diese Bibliothek Studenten und Forschern offen gestanden, denn ihre Bestände wurden aus öffentlichen Geldern und Spenden finanziert.

Das unklare Schicksal der Bücher ist jedoch nur ein Aspekt der Affäre Orient-Institut. Dort ging es in den vergangenen Monaten zu wie am Hof der Kalifen von Bagdad: Man schmiedete Intrigen, wetzte krumme Dolche und mischte Gift in Honigspeisen.

Die Kontrahenten: Udo Steinbach, bekannter Nahost-Experte und langjähriger Direktor des Instituts. Das "Deutsche Institut für Globale und Regionale Studien" (Giga) und die Behörden der Hansestadt Hamburg. Schließlich der "Nah- und Mittelost-Verein" (Numov), ein öffentlich bezuschusster Länderverein, der sich die Förderung der Außenwirtschaft auf die Fahnen geschrieben hat, und dessen Vorstandsgeschäftsführerin Helene Rang.

Andere Etage, anderer Arbeitgeber

Hamburg ist stolz auf seinen Ruf als Tor zur Welt und besitzt deshalb Übersee-Forschungszentren. Eines davon war das Orient-Institut, 1960 vom "Numov" unter dem Dach der eigens gegründeten Orient-Stiftung ins Leben gerufen und zu gleichen Teilen von der Hansestadt und vom Auswärtigen Amt finanziert. Zwecks höherer Effizienz wurden verschiedene Regionalinstitute vergangenes Jahr auf Anraten einer Kommission neu organisiert. Das Giga entstand, die Reform stand vor der Umsetzung. Doch dann lehnte der "Numov" es ab, das Orient-Institut dem Giga zu überlassen - obwohl die öffentlichen Geldgeber bereits zugestimmt hatten.

Im Januar warteten die Mitarbeiter des Orient-Instituts vergeblich auf ihre Gehälter. Sie kündigten und wechselten per Übernahmevertrag ins Giga. Nicht einmal das Gebäude mussten sie verlassen, sondern nur in ein anderes Stockwerk ziehen. Zurück blieben ihre Computer und viele Arbeitsmaterialien.

Wie konnte es zu dieser Blockade kommen? Obwohl der "Numov", abgesehen von einem Kapitalstock von 5000 Euro, keine eigenen Mittel in das Orient-Institut eingebracht hat, scheint er juristisch dazu befugt zu sein. Denn der Verein ist Stifter des Instituts und damit Besitzer der Bibliothek. Er beruft auch die Gremien der Deutschen Orient-Stiftung, die über die Arbeit der Wissenschaftler wacht.

Dahinter standen "reine Sachgründe", sagt Gabriela Guellil, Vorstandsvorsitzende der Orient-Stiftung und derzeit an der Botschaft in Ankara beschäftigt. Das Orient-Institut solle Wirtschaft und Politik beraten und Dienstleistungen anbieten. Das Giga, das vor allem theoretische Regionalstudien betreibe, sei nicht im Sinne des Stifters, erklärt Guellil.

Streit mit harten Bandagen

Es gab durchaus Kompromissvorschläge. Sogar der viel beschäftigte Außenstaatssekretär Georg Boomgaarden versuchte zu schlichten, ebenso Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, der nach einem kurzen Gespräch mit "Numov"-Geschäftsführerin Rang, offenbar entnervt, den Saal verließ.

Udo Steinbach: "Feld der Verwüstung"
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Die Senatsverwaltung hüllt sich in verunsichertes Schweigen. Nur der feuchtkalte Sommer erinnert daran, dass sich der Fall in einer Hansestadt zuträgt - nicht in einem nahöstlichen Geheimdienststaat, in dem redselige Beamte vor Herren mit Schnurrbärten und Sonnenbrillen zittern müssen. Die Informationssperre bestätigt: Hamburg fürchtet, dass der "Numov", der bereits ein Büro in Berlin betreibt, seinen Hauptsitz verlegen könnte, und schluckt deshalb dicke Kröten.

Im Juli verkündete der "Numov" dann den Umzug des Orient-Instituts nach Berlin. Fast niemand redet Klartext, also wuchern die Gerüchte: Es heißt, der freischaffende Nahost-Publizist Michael Lüders solle Direktor des Berliner Instituts werden. Lüders selbst schweigt staatsmännisch.

Ein Verlust für Hamburg ist der Umzug des Instituts nicht mehr. Sein Renommee verdankte es dem notorisch medienpräsenten Udo Steinbach. Doch der geht bald in den Ruhestand und plant die Eröffnung einer Beratungsfirma. Steinbach nimmt seinen Hut im Streit. Die Behörden hätten in der Auseinandersetzung eine klägliche Figur abgegeben, sagt er und mag sich nicht mit seiner Rolle als Nahost-Abteilungsleiter im Giga abfinden - "zweiter in Rom" gewissermaßen. Doch Steinbach nennt auch Sachgründe: "Die Haltung, dass ein unabhängiges Orient-Institut besser arbeiten kann als das Giga, teile ich, insofern wären Frau Rang und der 'Numov' meine Verbündeten gewesen."

Mit Prominenz gespickte Stiftung

Eine strategische Allianz zwischen den Intimfeinden ist derzeit unvorstellbar. Mit harten Bandagen wirft Rang in Briefen an Regierungsstellen Steinbach vor, für "hundertfach fragwürdige Asylgutachten" verantwortlich zu sein. Steinbach kontert: "Helene Rang hat mit ihrem taktlosen Gebaren im Umkreis des 'Numov' ein Feld der Verwüstung hinterlassen."

Ein widersprüchliches Bild: Akteure der Nahost-Szene verdrehen deutschlandweit die Augen, wenn von "Numov" und Orient-Stiftung die Rede ist. Andererseits sind darin Größen aus Wirtschaft und Politik vertreten, etwa Ehrenpräsident Gerhard Schröder. "Der hat bei der Wahl seiner Posten als Ex-Kanzler keine glückliche Hand bewiesen", spottet ein Diplomat im Außenamt. Vorstandsvorsitzender des "Numov" ist Bahn-Vorstand Martin Bay; Politiker wie Lale Akgün (SPD), Max Stadler (FDP) und einige namhafte Manager sitzen im Kuratorium der Orient-Stiftung.

Anscheinend nutzte Rang, die de facto beim "Numov" offenbar fast alle Entscheidungen trifft, die Strukturreform als Gelegenheit, Steinbach endlich loszuwerden. Der Rechtsstreit ist noch nicht entschieden. Es geht es um eine Räumungsklage und um Regressansprüche über Miete und Gehälter, die nicht gezahlt und daher vom Giga übernommen wurden. Den größten Teil des Streitwerts machen Anwaltshonorare aus. "Numov" und Orient-Stiftung werden vertreten von der Kanzlei von Ex-Innenminister Otto Schily - ein weiterer prominenter Name.

Eine gütliche Einigung könnte so aussehen: Die Bibliothek, immerhin aus öffentlichen Geldern finanziert, ginge zurück an die Stadt oder das Giga, die ihrerseits ihre Forderungen fallen ließen. Die Peinlichkeit dieser Affäre bleibt jedoch niemandem mehr erspart.

Daniel Gerlach ist Redakteur des Orient-Magazins "Zenith"



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