Hamburger Popkurs Helden-Schmiede in Not

Nicht nur Dieter Bohlen produziert in Deutschland Popstars. Ein kleiner Hamburger Studiengang verpasst Musiktalenten den letzten Schliff, darunter Wir sind Helden, Seeed oder Ute Lemper. Nach 20 Jahren droht dem Erfolgkonzept das Aus. 2000 Euro soll die "Weiterbildung" künftig kosten - zu teuer für mittellose Musiker.

Von Kai Kolwitz


Räumten beim "Echo" ab: Wir sind Helden
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Räumten beim "Echo" ab: Wir sind Helden

Vielleicht hätte man in den guten Zeiten mehr darüber reden sollen. Aber an der Alster war man wohl davon überzeugt, dass Qualität für sich selbst spricht. Zum Beispiel bei der diesjährigen "Echo"-Verleihung: Mit vier Auszeichnungen und zwei weiteren Nominierungen räumte Wir sind Helden ganz groß ab. Kritiker und Publikum lieben die Band gleichermaßen für intelligente Texte, musikalische Frische und die angenehm gegen den Strich gebürstete Attitüde, die mit Klonen à la Küblböck wenig zu tun hat.

Was kaum jemand weiß: Vor ein paar Jahren waren die Bandmitglieder einzeln aus halb Deutschland zum Popkurs der Hamburger Musikhochschule gekommen, um sich in zwei dreiwöchigen Blockseminaren den letzten Schliff geben zu lassen. Auch andere Popkurs-Absolventen finden sich auf der diesjährigen "Echo-Liste", darunter "Seeed" oder die Newcomer von "Die Happy" mit einer Nominierung in der Kategorie "Alternative".

Nahm am Popkurs teil, damals: Ute Lemper
DDP

Nahm am Popkurs teil, damals: Ute Lemper

Udo Dahmen, ehemaliger Sprecher des Hamburger Kurses, durfte 2003 mit öffentlichen Geldern in Mannheim eine komplette Pop-Akademie aufbauen. Auch aus Berlin hört man von ähnlichen Planungen. In Hamburg indes, wo das Konzept einst von den Studio-Profis Anselm Kluge und Peter Weihe entwickelt wurde, könnten bald die Lichter ausgehen. Der Grund: Der Popkurs ist unter "Weiterbildung" eingestuft - und die hat nach dem neuen Hamburger Hochschulgesetz kostendeckend zu arbeiten.

"Das ist eine Investition in die eigene Zukunft", erklärt Sabine Neumann, Sprecherin der Wissenschaftsbehörde. "Solche Angebote richten sich an Leute, die im Berufsleben stehen und bereits einen ersten akademischen Abschluss haben" - nicht alles, was eine Hochschule anbiete, müsse staatlich subventioniert sein.

Manche Teilnehmer campieren in Bussen

Das mag einleuchten ein bei karrierefördernden Kursen, in denen etwa examinierte BWLer ihren Master in Personalmanagement erwerben. Der Popkurs richtet sich an ein ganz anderes, ärmeres Publikum. Die Teilnehmer werden nicht nach Inspektion ihres Portemonnaies ausgewählt: Man sichtet Demo-Tapes und lädt die Bewerber zum persönlichen Vorspiel. Dann werden 50 ausgesiebt, denen man den Schritt zum Profi zutraut.

Astrid North (Cultured Pearls): Leitet inzwischen Workshops

Astrid North (Cultured Pearls): Leitet inzwischen Workshops

Die nehmen dafür einiges auf sich. So finanzierte Judith Holofernes, Frontfrau von Wir sind Helden, sich vor dem großen Erfolg, indem sie mit der Klampfe durch die Clubs zog und gelegentlich Fernsehtipps für ein Berliner Stadtmagazin schrieb.

Kein Einzelfall, sagt Katja Bottenberg, Leiterin des Studiengangs: "Schon jetzt campieren einige in Bussen oder laufen während des Kurses hin und her, weil sie nebenbei noch einen Job haben." Auch Fragen nach Ratenzahlung würden öfter gestellt.

Derzeit unterstützt das Land den Popkurs insgesamt mit etwa 75.000 Euro pro Jahr; künftig soll der Kurs die Kosten aber selbst hereinspielen. Würde sich die Gebühr pro Teilnehmer von 500 auf 2000 Euro verteuern, so wäre dies für viele Talente das endgültige Aus, schätzt man an der Musikhochschule.

Nur eine kleine Hintertür bleibt

Dabei scheint Hamburg durchaus Wert auf eine funktionierende Musikszene zu legen - jedenfalls wenn es zu spät ist: Nach seinem Umzug in die Hauptstadt wurde der Musikpreis "Echo" mit hinterhergeschüttelten Fäusten verabschiedet, ebenso die Plattenfirma Universal beim Wechsel von der Alster an die Spree.

Sänger und Bassist waren in Hamburg: Berliner Band Seeed

Sänger und Bassist waren in Hamburg: Berliner Band Seeed

Behördensprecherin Neumann sieht keine Chance für Änderungen an der Neuregelung: "Das ist ein von der Bürgerschaft beschlossenes Gesetz. Und über Gesetze kann nicht verhandelt werden." Eine kleine Hintertür bleibt noch - würde der Popkurs aus der Weiterbildungs-Schublade befreit, könnte das Land weiter Geld geben. Andernfalls weiß auch Kursleiterin Bottenberg keinen Ausweg: "Wir müssten uns umorientieren. Aber dazu ist uns noch nichts eingefallen."




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