Hamburgs Wissenschaftssenator Jörg Dräger verlässt die Politik

Er hat sich bei Studenten und Professoren gleichermaßen unbeliebt gemacht, weil er die Campus-Maut durchboxte. Nun legt der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger sein Amt nieder, um sich "neuen Aufgaben" zu widmen - der 40-Jährige hat zwei neue Jobs.


"Die Entscheidung, den Senat der Stadt Hamburg zu verlassen, ist mir schwer gefallen", sagt Jörg Dräger (parteilos). Er sei gern Wissenschaftssenator gewesen - habe jedoch nun entschieden, sich mit Anfang 40 einer neuen Herausforderung zu stellen. Die sieht so aus: Ab dem 1. Juli wird Dräger bei der Bertelsmann-Stiftung den Bereich Bildung leiten. Stiftungsvorstandschef Gunter Thielen sagte, Dräger sei ein international anerkannter Bildungsexperte, der eine wichtige Verstärkung für den Vorstand sei.

Hamburgs Wissenschaftssenator Dräger: Er verlässt die Politik
DPA

Hamburgs Wissenschaftssenator Dräger: Er verlässt die Politik

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) bedauert die Entscheidung Drägers: "Auch wenn ich gerne mit ihm weiter zusammengearbeitet hätte, habe ich Verständnis, dass Herr Dräger nach über sechs Jahren in der Politik neue Herausforderungen sucht." Hamburgs Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz lobte Dräger als einen zuverlässigen Gesprächspartner. Die Zusammenarbeit beschreibt sie als "offen und konstruktiv."

Jörg Dräger war seit Oktober 2001 Wissenschaftssenator in Hamburg. Zwischen April 2004 und April 2006 war er auch für das Ressort Gesundheit verantwortlich. Als Wissenschaftssenator nahm er eine umfassende Reform der Hochschulen in Angriff, zu der etwa die Einführung der Studiengebühren gehörte. Seit dem Sommersemester 2007 werden die Hamburger Studenten nun mit 500 Euro zur Kasse gebeten. Damit sollen bis zu 45 Millionen Euro zusätzlich an die Hamburger Hochschulen fließen.

Die Studenten tobten. Eine Studie der Uni Hohenheim ergab im vergangenen Jahr, dass die Hamburger Studenten im Vergleich zu anderen Bundesländern am unzufriedensten mit der Einführung der Campus-Maut seien. Dräger hatte die 500 Euro nur für einen angemessenen Einstieg gehalten und angekündigt, später deutliche höhere Gebühren zu verlangen.

Auch über das Verhalten der Hamburger Hochschulen regten sich die Studenten auf. Im vergangenen Jahr wurden an der Uni Hamburg über tausend Leute exmatrikuliert, weil sie die Studiengebühren für das Sommersemester nicht pünktlich gezahlt hatten. Ähnlich rigoros ging die Hochschule für bildende Künste (HfbK) vor. Rund die Hälfte der Studenten verweigerte die Zahlung - mit der Post erhielten sie die Schreiben, in denen ihnen die Zwangsexmatrikulation angekündigt wurde.

Die Professoren gaben ihm die Note 5,3

Nicht nur bei vielen Studenten hat sich der Hamburger Wissenschaftssenator unbeliebt gemacht. Auch Professoren schimpften über ihn. Bei einer Umfrage des Deutschen Hochschulverbandes bekam Jörg Dräger von ihnen unter allen deutschen Bildungspolitikern die schlechteste Note 5,3 - und landete auf dem letzten Platz.

Bei der Bertelsmann-Stiftung wird sich Dräger mit der Reform des Bildungssystems in Deutschland befassen. Die Stiftung wurde 1977 von Reinhard Mohn gegründet, der die Marke Bertelsmann zu einem der größten Medienkonzernen der Welt entwickelt hat. Kritiker werfen der Stiftung deshalb vor, nicht unabhängig von den Verlagsinteressen agieren zu können. Zu den Aufgaben der Stiftung zählen die frühkindliche Förderung und die Eigenverantwortung von Schulen. Der frühere Stiftungsvorstand Werner Weidenfeld war im vergangenen Jahr wegen einer Spesenaffäre zurückgetreten. Gegen die Zahlung von 10.000 Euro hatte die Staatsanwaltschaft München das Verfahren gegen ihn eingestellt.

Neben dem Vorstands-Job bei Bertelsmann wird Dräger neuer Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. Er teilt sich diese Stelle mit Frank Ziegele, der seit August 1996 beim CHE arbeitet. Ziegele, 41, ist Professor für Hochschule- und Wissenschaftsmanagement an der Fachhochschule Osnabrück. Der bisherige Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung, Detlef Müller-Böling, gibt sein Amt aus Altersgründen ab.

Das CHE wurde 1994 von der Bertelsmann-Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz gegründet, um Reformen im deutschen und europäischen Bildungssystem voranzubringen. Es gilt als wichtiges Beratungsgremium in der Bildungspolitik. Die CHE-Bildungslobbyisten machen sich für mehr Autonomie und Wirtschaftlichkeit an den Hochschulen stark. Sie sprechen sich für eine stärkere Profilbildung und Wettbewerbsfähigkeit aus und befürworten auch die Einführung von Studiengebühren. "Die neue CHE-Führung kennt alle Facetten des Hochschulsystems und wird den deutschen Hochschulen auch in den kommenden Jahren wertvolle Impulse vermitteln können", lobt Margret Wintermangel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, die neuen CHE-Chefs.

mer/AP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.