Handys im Hörsaal Vom Nervtöter zum Allzweckservice

In der Vorlesung quäkt ein Telefon - bei einem Münsteraner Professor kostet das zwei Euro ins knallrote Sparschwein. Manche Unis haben ihre Hörsäle zur Handy-freien Zone gemacht. Andere entdecken: Das Handy kann im akademischen Alltag ziemlich nützlich sein.

Von und Britta Mersch


Allein geht Andreas Pfingsten in keinen Hörsaal mehr. Nicht, weil der Wirtschaftswissenschaftler der Universität Münster Angst vor seinen Studenten hätte, sondern weil er von ihnen manchmal ziemlich genervt ist - jedenfalls dann, wenn während der Vorlesung ständig irgendwelche Handys bimmeln und piepen. "Das passiert vor allem in den Vorlesungen für Erstsemester, wenn bis zu 1000 Studenten im großen Hörsaal zusammenkommen", sagt Pfingsten. Der Professor hat deshalb immer ein knallrotes Sparschwein dabei. Und wenn jemand den Aus-Knopf nicht rechtzeitig findet, werden zwei Euro Strafzahlung fällig - die sind dann für einen guten Zweck bestimmt.

Greifswalder Studentin Romy Hase: Die Unis setzt auf Lehr-Evaluation per SMS
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"Die Drohung mit dem Sparschwein ist höchst effektiv", erzählt Andreas Pfingsten, "im laufenden Semester haben in meinen Vorlesungen bisher nur drei Handys geklingelt." Das sei zwar gut für die Akustik im Hörsaal, "aber für den karitativen Zweck ist das natürlich ein bisschen wenig". Sollte sich die Zahl der Handy-Übeltäter bis zum Semesterende nicht noch deutlich erhöhen, werde er die Spendensumme wohl selbst noch aufstocken müssen.

Als lästige Begleitmusik nervt das Handy. Doch viele Hochschulen nutzen die Mobilfunktechnik gezielt für den akademischen Alltag. So funkt die Trierer Mensa schon morgens flink per SMS, was es mittags auf die Gabel gibt - oder genauer per SMA: "Short Message Appetizer". Inzwischen lassen sich auch viele anderen Dinge per Telefon erledigen, von der Notenabfrage bis zur Evaluation von Lehrveranstaltungen, von der Einschreibung bis zur Bezahlung an der Mensa-Kasse.

Klausurnote auf dem Display

Beispiel Heilbronn: Wer hier studiert, wird gleich bei der Einschreibung gefragt, ob er damit einverstanden ist, dass Klausur- und Prüfungsergebnisse per SMS zugeschickt werden. "Das ist schon ein richtig gutes System", sagt Eva Priller, die dort Internationale Betriebswirtschaft studiert, "so kann ich meine Klausurergebnisse immer sofort bekommen, sogar während eines Auslandsaufenthalts in Madrid."

Drei bis vier Wochen nach den Prüfungen geht ihr Blick morgens nach dem Aufstehen erst einmal aufs Handy-Display: "Die Ergebnisse kommen meist zum Frühstück oder sogar schon eher", sagt die 25-Jährige. "Es gibt aber andere SMS-Nachrichten, die viel wichtiger als eine Klausurmitteilung sind."

Die Hochschule sieht den elektronischen Notenversand als Serviceangebot. "Wir wollen erreichen, dass die Studierenden auf schnellstmögliche Art über Noten unterrichtet werden", sagt Kanzler Michael Böttcher, "die Leute fiebern schließlich darauf." Allerdings waren die Heilbronner Dozenten zunächst eifriger, als es den Studenten lieb war: Anfangs wurden die ersten Ergebnisse schon morgens um 6 Uhr 30 verschickt. Die unsanft Geweckten beschwerten sich - seither wird keine Kurznachricht mehr vor 8 Uhr morgens auf den Weg gebracht.

Die Professoren liefern die Noten zunächst ans Prüfungsamt - traditionell mit Tinte auf Papier. Dort werden die Ergebnisse erfasst und in einer Datenbank gespeichert, bevor sie automatisch per SMS auf dem Handy-Display landen. Da heißt es dann: "FH HN: Noten WS 05 für MTKNR 12345. Prüfungs-Nummer 54321, Statistik 1 = 2,7. Text ohne Gewähr, maßgeblich bleibt die Veröffentlichung im Internet." Denn rechtskräftig ist eine SMS-Note bisher nicht. Der Service ist für Studenten kostenlos, die Teilnahme freiwillig: "Wir verschicken jedes Semester über 30.000 Noten", sagt EDV-Beauftragter Günther Ottmann. Er hatte die Idee für die mobile Notenübermittlung.

Daumen rauf oder runter für den Prof

An der Universität Greifswald läuft das Verfahren umgekehrt, hier werden nicht die Studenten, sondern die Professoren benotet. In einem Modellprojekt werden 60 zufällig ausgewählte Medizinstudenten jedes Semester von ihren Dozenten ausdrücklich aufgefordert, das Handy immer dabei zu haben und fleißig zu simsen. "Wir wollen wissen, wie zufrieden die Studenten mit ihren Vorlesungen und Seminaren sind", erklärt Bernd Kordaß, Studiendekan in der Zahnmedizin - und das geht in Greifswald per SMS.

Die Studenten geben direkt nach jeder Lehrveranstaltung auf gesponserten Handys ihr Voting ab: Wurde der Lehrstoff verständlich vermittelt? War das Tempo der Veranstaltung in Ordnung? Konnte man aktiv mitarbeiten? "Noch am selben Abend kann der Dozent sehen, wie seine Veranstaltung bewertet wurde", lobt Kordaß das neue System. Das Gesamtergebnis wird zum Semesterende im Internet veröffentlicht.

Die Fernuni Hagen, traditionell Vorreiter bei der Nutzung neuer Medien, hat die "Mobile Platform for Educational Content" entwickelt, mit der multimediale Lehrinhalte auf die kleinen Bildschirme der Mobiltelefone übertragen werden können. "Das entspricht dem Wunsch vieler Fernstudierender, die ihre Zeit noch besser für ihr Studium nutzen wollen, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf Dienstreisen", sagt Wirtschaftsprofessor Ewald Scherm.

Japanische Hochschulen gehen noch weiter: Am Technologie-Institut in Kanagawa bei Tokio erhalten alle Studenten ab April eine spezielle ID-Karte für ihr Handy. Damit können sie sich für Kurse einschreiben, beim Internetzugang ausweisen und in der Cafeteria das Mittagessen bezahlen. "Kein Student geht ohne Handy zur Uni, eher vergessen sie ihre Arbeitsbücher", sagte Hochschul-Präsident Kosei Oguchi.



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