Harte Prüfungsaufsicht Medizinstudent musste in Trinkflasche pinkeln

Peinlicher Vorfall an der Freiburger Uni: Das Aufsichtspersonal einer Medizinprüfung hat einen körperbehinderten Teilnehmer nicht zur Toilette gelassen. Deshalb musste der Student, seit einem Sportunfall gehandicapt, vor allen Kommilitonen in eine Flasche pinkeln.

Von Wolfgang Hörter


120 Studenten nahmen an der Medizin-Prüfung am letzten Donnerstag teil, sie dauerte 60 Minuten. So lange sollte keiner den Raum verlassen. Und das nahmen die drei Aufsichtspersonen sehr genau: Als eine Viertelstunde vor Schluss ein Student auf die Toilette wollte, haben sie ihm das verweigert. Auch sein Hinweis darauf, dass er an einer Lähmung leidet, half nichts. Hätte der Student trotzdem den Raum verlassen, wäre er durch die Prüfung gefallen.

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Franz Ehret

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Der Kommilitone Tilman Todenhöfer war dabei und hat die Prüfung mitgeschrieben: "Es haben mehrere Leute nach vorne gerufen, dass man ihn doch bitte auf die Toilette gehen lassen sollte", erzählt der Medizin-Fachschafter, "das Problem war, dass dann die Aufsichtspersonen mit der Situation überfordert waren, weil sie gleichzeitig für Ruhe sorgen wollten und es aber eben nicht geschafft haben, diesen Vorfall angemessen zu behandeln."

Letztlich leerte ein Studentin ihre Trinkflasche in einem Waschbecken und reichte sie dem 27-Jährigen. In der Ecke des Hörsaals pinkelte er dann hinein. Länger aushalten hätte er es nicht können. Seit ein Kletterunfall vor sieben Jahren zu einer Rückenmarksverletzung führte, geht er an Krücken und leidet an einer Blasenschwäche: "Er hat eine inkomplette Querschnittslähmung - das sieht man ihm an. Allerdings sieht man ihm nicht an, was zu dieser Krankheit alles dazugehört", so Medizinstudent Todenhöfer. Das Aufsichtspersonal sei sich "nicht bewusst gewesen, dass diese Erkrankung in Verbindung mit einer Blasenfunktionsstörung stehen könnte".

Die Prüfungsaufseher haben sich bereits entschuldigt

Ein ärztliches Attest hatte der Student nicht dabei. Offenbar wusste er nicht, dass er den Saal während dieser Prüfung normalerweise nicht verlassen darf. Seinen Vorschlag, dass ihn eine der Aufsichtspersonen bis zur Toiletten-Tür begleitet, wurde abgelehnt. Auch dass mehrere Studenten sich für ihren Kommilitonen einsetzten, fruchtete nicht. Äußern möchte sich der angehende Mediziner nicht gegenüber den Medien.

Der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ist die Sache sehr unangenehm. "Ich habe mit dem Aufsichtsführenden selbst gesprochen", sagt Rudolf Korinthenberg, zuständiger Studiendekan an der Medizinfakultät, "er ist genauso verstört wie alle anderen in diesem Fall. Sein Fehler besteht darin, dass er die Situation nicht erkannt hat. Er hat nicht verstanden, dass dieser junge Mann ein medizinisches Problem hat. Wenn er das verstanden hätte, dann wäre er zweifellos mit dem Studenten rausgegangen. Er dachte, der stellt sich nur so an."

Dass es kein Bluff, kein versuchter Prüfungsbetrug war, ist inzwischen allen klar - auch den Aufsehern. Sie haben sich am Montag persönlich mit dem Studenten getroffen, um sich zu entschuldigen. Genau wie Studiendekan Korinthenberg: "Wir haben unmittelbar mit dem Studenten Kontakt aufgenommen und uns aufs Höchste entschuldigt für diesen wirklichen menschenunwürdigen Akt. Und er hat es auch akzeptiert."

Ausnahmen von den strengen Prüfungsregeln müssten künftig in solchen Fällen flexibler gehandhabt werden, sagte Korinthenberg. Damit eine solche Fehleinschätzung nicht mehr vorkommt, gibt es für die Prüfungsaufseher jetzt neue Richtlinien. Darin steht ausdrücklich, dass mögliche gesundheitliche Probleme der Kandidaten bereits vor Prüfungsbeginn angesprochen und geklärt werden sollen.

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